Wie prominente Trump-Gegner das Attentat von Pittsburgh für ihre Zwecke instrumentalisieren  

Von Rabbi David Wolpe

Meine Synagoge liegt im westlichen Teil von Los Angeles. Einer groben Schätzung nach unterstützt die Hälfte meiner Gemeinde Donald Trump. Viele seiner Unterstützer, aber nicht alle, sind persischer Herkunft. Wir hatten offene und ehrliche Diskussionen darüber. Die Unterstützer von Donald Trump wissen, dass ich viele Dinge missbillige, welche Trump sagt und viele Dinge ablehne, die er tut. Sie wissen auch, dass ich – öffentlich und privat – seine Hetzreden kritisiert und sie vor den Auswirkungen dieser Reden gewarnt habe. Sie, die Unterstützer, wissen aber auch, dass wir uns gegenseitig respektieren und zuhören, dass ich keine Politik predige, sondern mit ihnen spreche und von ihnen lerne, und das in vielen Fällen unsere Beziehung mehr als bloße Zuneigung, sondern echte Liebe ist.

Wenn ich nun sehe, wie wichtige amerikanisch-jüdische Persönlichkeiten mir sagen, dass meine Gemeinde nicht mehr «legitim» ist, bringt es mein Blut ein bisschen zum Kochen. Nach der Tragödie in Pittsburgh erwartete ich – vielleicht gerade deshalb, weil ich so viel Zeit mit Kranken und Sterbenden verbracht habe –, dass der erste Impuls, gerade bei Juden, der sein würde, inm der Zeit der Trauer sich gegenseitig Trost zu spenden.

Es war das, was ich mir vorgestellt habe zu lesen, als ich «A prayer for Squirrel Hill - And for American Jewry» (zu Deutsch: Ein Gebet für «Squirrel Hill» - Und für die amerikanische Judenheit) von Franklin Foer geöffnet habe – einem Mann, den ich etwas kenne und den ich immer respektiert habe. Stattdessen las ich das: «Jede Strategie, die die Sicherheit der amerikanischen Judenheit verbessert, sollte beinhalten die jüdischen Unterstützer von Trump zu meiden. Ihr Geld sollte abgelehnt und ihre Anwesenheit in den Synagogen sollte nicht willkommen sein.»

In manchen jüdischen Gemeinden haben fast alle Trump gewählt
Anders ausgedrückt, mehr als die Hälfte meiner Gemeindemitglieder, die zum Schabbat-Gottesdienst kommen – und in manchen traditionelleren Gemeinden fast alle Gemeindemitglieder – sollen am Eingang abgewiesen werden. Juden, welche die Minjan möglich machen, Schiva sitzen, Kinderkrippen und Kindergärten garantieren, Menschen die das Judentum für andere Menschen möglich machen, mit ihrer fehlerhaften, aber menschlichen Präsenz, sollen aus unserer Mitte ausgestoßen werden, wegen der Briefumschläge, welche sie im Privaten in die Wahlurnen tun. Und was weiß schon ein Jude, der aus dem Iran floh, über Antisemitismus, oder davon wie man die jüdische Gemeinschaft beschützt?

Als der Schabbat hier in Los Angeles endete – einer Stadt, in der es 1999 einen Terroranschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum gab – las ich von einer anderen Reporterin, deren Schreibe ich immer sehr geschätzt hatte, namens Julia Ioffe folgendes: 

«And a word to my fellow American Jews: This President makes this possible. Where you live. I hope the embassy move over there, where you don`t live was worth it” 
(zu Deutsch: Und ein paar Worte an meine amerikanischen Mit-Juden: Dieser Präsident macht so etwas möglich, dort wo Ihr lebt. Ich hoffe, der Umzug der Botschaft dorthin, wo Ihr nicht lebt, war es das wert.»)

Diese Rechnung geht wohl so, dass Menschen, die für Trump gestimmt haben, um den Umzug der Botschaft zu erreichen, damit indirekt andere Juden ermordet haben. Wie vorsichtig sollte jemand, sollte ein angesehener Reporter sein, wenn er andere solcher Abscheulichkeiten beschuldigt, und sei es nur indirekt? Wie, denken die Leute, werden solche Worte von jenen verstanden, die aus dem Iran flohen, um dann gesagt zu bekommen, dass sie auch noch schuld am Tod der Juden von Pittsburgh seien?

Ist der holocaust-überlebende Trump-Wähler schuld?
Oder, noch beschämender, in den Ohren von Judah Samet: Herr Samet, ein Holocaust-Überlebender, konnte dem Tod von der Schippe springen, weil er vier Minuten zu spät zur Synagoge kam. Auch er ist ein großer Unterstützer Trumps. Ganz offen, Julia, würdest Du Dich vor diesen 80-jährigen Mann hinstellen – nein, nicht mit einem Tweet oder einem Online-Beitrag –, sondern von Angesicht zu Angesicht und ihm sagen, dass er für den Tod seiner Freunde, den Menschen, mit denen er jeden Schabbat gebetet hat, verantwortlich ist? Würdest du ihm den Eintritt in die Synagoge verweigern, wo er fast starb, durch die Hand von Judenhassern? Ernsthaft? Und das würde uns zu Gerechten machen?

Es gibt vieles, worin ich mit diesen klugen Journalisten und Beobachtern einig bin: Ja, wir müssen wachsam sein, bereit sein den Virus des Hasses zu sehen und zu bekämpfen. Ja, wir müssen Personen in der Öffentlichkeit entgegentreten, angefangen beim Präsidenten und anderen, die in einer Art und Weise sprechen, von der wir glauben, dass sie die Bevölkerung gefährdet oder radikalisiert. Aber meine Gemeindemitglieder sind nicht diejenigen, die gefährlich sind und die Verantwortlichkeit so zu manipulieren, dass Juden in Täter verwandelt werden, ist ethisch verwerflich und Gift für unsere jüdische Gemeinde.

Wir können nur ein jüdisches Volk sein, wenn wir einander nicht exkommunizieren, weder aus religiösen noch wegen politischen oder kulturellen Gründen. Jeder ist willkommen in meiner Synagoge, rechts oder links, egal wie sehr mir, als ihr Rabbiner, Ihre Ansichten zuwider sind. Weil wir weder als Demokraten noch als Republikaner beten, sondern als Juden. Nun, lasst uns unsere Kleider zerreißen und die Toten betrauern.





(Dieser Artikel erschien zuerst im „Tablet Magazine“ auf www.tabletmag.com, und wird mit dessen freundlicher Genehmigung von der JÜDISCHEN RUNDSCHAU erstmals auf Deutsch veröffentlicht).

Übersetzung aus dem Englischen von Anastasia Iosseliani

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