Juli 3, 2014 – 5 Tammuz 5774
Kunst, Religion, der Terror und die Wüste

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Der deutsch-israelische Autor Chaim Noll stellte seinen neuesten Roman «Die Synagoge» auf einer Lesereise durch Deutschland vor. Begonnen hat er in Norderstedt bei Hamburg 

Es ist ein empfindlicher Ort, denn dort ist das
Grab eines berühmten Politikers, dort gibt es
wissenschaftliche Institute für Solar-Energie
und Wüsten-Forschung, eine Hochschule
und eine Militärbasis. Es ist ein Ort, in dem
Menschen wohnen, wie sie unterschiedlicher
nicht sein könnten. Fleißige Bürger und verkrachte
Existenzen, abgehobene Künstler
und Weltenflüchtler, Heilige und Unheilige.
Chaim Noll hat diesen Ort für seinen neuen
Roman «Die Synagoge» erfunden, fast jedenfalls.
Der deutsch-israelische Schriftsteller,
1954 in Ostberlin geboren, lebt heute an
einem solchen Ort, in Midrehet Sde Boker,
gleich neben dem Grab von Israels Gründer
Ben Gurion. Jetzt stellte der Autor seinen
im April im Berliner Verbrecher-Verlag erschienenen
Roman auf einer Lesereise durch
Deutschland vor. Start war in der Buchhandlung
am Rathaus Norderstedt, gleich neben
Hamburg.
«Der Ort ist mit keinem realen Ort identisch.
Die Welt in meinem Roman ist ein
Klein-Kosmos und steht für ganz Israel und
die Spannungen unter seinen Bewohnern»,
sagte Chaim Noll im Gespräch mit der Jüdischen
Rundschau. «Ich zeige einen kleinen
Ort in Israel zur Zeit der Intifada. Diese Zeit
um 2001 mit ihren fast täglichen Terror-Anschlägen
und Tragödien war die große Bewährungsprobe
der Israelis», sagt Noll.

Auf der Suche nach Sinn
Die Synagoge im Ort ist prachtvoll, doch
meistens leer. Nur selten kommt ein Minjan
zustande. Bis ein Fremder in den Ort kommt,
ein schwarz gekleideter Mann mit schwarzem
Hut, ein orthodoxer Jude. Er will in die
Wüste, in die Wüste Israels, dorthin, wo alles
anfing. Sein Leben war nicht immer heilig.
Im Gegenteil. Er, Amerikaner, strebte wie
alle nach Geld und Ansehen. Und merkte,
wie hohl sein Leben verlief. Bis er einen Rabbiner
traf und in dessen Gemeinde eintrat.
Bis er nach Israel reiste. «Die Sehnsucht der
Menschen nach mehr Inhalt im Leben leistet
der Orthodoxie Vorschub», sagt Noll zu seiner
Figur, die den Roman eröffnet.
Dieser Fremde trifft in dem Wüsten-Kibbuz
auf Schmuliks Ehefrau, die alles weiß,
was im Kibbuz vor sich geht, auf den schreibblockierten
Schriftsteller Abi und die durchgeknallte
Künstlerin Livia aus Deutschland,
auf den russischen Paul aus England. Sie
sind die einzigen, die Trost in der Synagoge
suchen. Nur Sally und Bella Benvenisti sind
religiös - und der Arzt Chanan. Holly dagegen,
Veganer und Wehrdienstverweigerer,
der nach einer Europareise mit Depressionen
und Aggressionen kämpft, steht der Synagoge
skeptisch gegenüber. Sehr skeptisch. Als
der schwarze Fremde erscheint, der Rebbe,
dreht Holly durch und löst eine Katastrophe
aus. Chaim Noll legt mit «Die Synagoge» einen
Roman vor, der sich erst verhalten entwickelt,
doch fast soghaft ins verlangsamte
Leben in dem Wüstendorf hineinzieht, der
minuziös die Charaktere der Bewohner offenlegt.
Der deutsch-israelische Autor macht
seine Leserschaft sukzessive zu Bewohnern
des Kibbuz und arbeitet auch autobiografische
Züge in den Roman ein.

Ostdeutsche Wurzeln
Chaim Noll ist 1954 als Hans Noll in Ostberlin
geboren. «In der DDR war es unmöglich,
Jude zu sein», sagt Chaim Noll in der Diskussion
nach der Lesung, in der er seine Zuhörerinnen
und Zuhörer von Beer Sheva durch
die Wüste Negev ins Kibbuz entführt und die
Landschaft und ihre Wirkung auf den Fremden
minuziös, mal komisch, mal lyrisch, immer
aber spannend beschreibt.
Seine Eltern waren Kommunisten, der Vater
Dieter Noll hatte als Schriftsteller eine
hohe Funktion. Über die jüdischen Großeltern
wurde geschwiegen, auch darüber, dass
die Großmutter in einem Konzentrationslager
gewesen war. Sie hatte Nazis wegen Korruption
angezeigt und saß im Gefängnis, als
die Juden von Chemnitz Nach Osten – in den
sicheren Tod - deportiert wurden. Die Jüdin
im Gefängnis aber vergaßen Hitlers Schergen.
Erst später wurde sie wegen Kritik an
Hitler verhaftet und nach Theresienstadt verschleppt.
Sie überlebte.

Negev-Wüste

Blick in die Negev-Wüste, von Sde Boker aus. Vieles im Roman
«Die Synagoge» scheint hier angelegt.

Von Heike LINDE-LEMBKE

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