Ein Besuch in einem ganz besonderen Theater in Tel Aviv  

Von Maya Zehden

Vor dem Theatersaal ohrenbetäubender Lärm einer Gruppe Jugendlicher. Gerade haben sie im „Nalaga’at Center“ von gehörlosen Kellnern gelernt, wie man in Taubstummensprache „bitte“, „danke“ und „ich liebe dich“ sagt. Fast ist man geneigt, die Gehörlosen zu beneiden, die Geschrei und kreischende Laute der Jugendgruppe nicht hören müssen. Aber so weit wird keiner gehen wollen.

Am Hafen in Jaffa werden im Theaterkomplex „Nalaga’at“, zu Deutsch „Bitte berühren“, Gäste im Café Kapish so bedient, dass sie mit Hilfe der Kellner lernen, wie man beispielsweise einen Milchkaffee in Gebärdensprache bestellt. Und im Restaurant Blackout kann man in absoluter Dunkelheit essen. Unterstützung gibt dabei die hier allen Gästen überlegene blinde Bedienung. Im Zentrum der Anlage steht allerdings das weltweit einzige Theater, in dem nicht nur gehörlose, sondern gleichzeitig blinde Menschen als Schauspieler agieren. „Wie kann das gehen?“ ist die Frage, die sich aufdrängt, Mitleid die erste Regung.

Aber wenn die Vorstellung beginnt, passiert etwas in den Zuschauern. Denn sie können sehen, wie es geht. Vor ihnen stehen Künstler, die ihr Leben spielen – keine Darsteller in einer Rolle. Ein Mann Mitte dreißig schildert im schweren Zungenschlag des selbst seine Stimme nicht Hörenden seine Gefühle. Eingeschlossen in ewiger Dunkelheit und Stille bringt er es überzeugend fertig, uns seine Ängste, seine Wünsche, seine Gefühle mitzuteilen – ein ergreifender Vorgang, der Respekt erzeugt, nicht Mitleid.

Itzik Hanuna wurde blind geboren und verlor nach einer Meningitis mit 11 Jahren sein Gehör. Er hatte das Glück, noch Iwrit sprechen zu lernen. Über der Bühne läuft auf einem Spruchband sein Text in Englisch, Arabisch und Russisch, am Bühnenrand wird von den Helfern in Gebärdensprache übersetzt. Die meisten anderen Darsteller leiden am „Usher-Syndrom“, einer Erbkrankheit, die mit Innenohrschwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit von Geburt an beginnt und bei der später der Verlust der Sehfähigkeit hinzukommt. Sie haben nie sprechen gelernt. Dennoch sind sie in der Lage, hier auf der Bühne zu agieren.

Es ist ein Tisch aufgebaut, Männer und Frauen kneten Teig. Sie reden miteinander über alltägliches, teilen sich uns mit indem sie entweder selbst sprechen oder – wenn sie es nicht können – ihre Kollegen bitten, uns für sie anzusprechen. Wir erfahren, dass Igor davon träumt, fernsehen zu können, das sein jüngerer Bruder Yuri gern Bücher in Braille liest, der Schrift der Blinden, dass Rafi gern für eine eigene Familie Brot backen möchte und am liebsten ein echter Magier wäre, um die Träume seiner Freunde wahr werden zu lassen.

Um sich zu verständigen, benutzen die Schauspieler unter anderem den Lormen-Code, eine taktile Gebärdensprache, bei der in die Handinnenfläche Zeichen per Druck, Streichen oder Klopfen gemacht werden – Nalaga’at! Unterschiede in der Zeichensprache für Akteure mit russischem oder arabischem Hintergrund werden für uns unsichtbar überbrückt. Um auf- und abzutreten werden sie von schwarz gekleideten Helfern geführt, legen sich gegenseitig die Hände auf die Schultern, alles professionell und im geübten Tempo. Das Bühnenbild ist phantasievoll, die Kostüme sind liebevoll und fröhlich gestaltet. Echte Backöfen sind der Clou. (…)

Nalaga’at Center www.nalagaat.org.il
Haaliya Hashniya Dock (Box No. 6)
Jaffa Port Tel-Aviv 68031
Reservierungen unter Tel: 00972 – 3 – 633 0808
Kombipaket buchbar mit Show und Essen im Blackout

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