Februar 7, 2019 – 2 Adar I 5779
Konsul Borrero und die Juden Ecuadors

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Ein lateinamerikanischer Diplomat rettete mithilfe von Blanko-Pässen hunderte Juden vor dem Tod 

Von Urs Unkauf

In Quito, der Hauptstadt Ecuadors, wurde der Konsul Dr. Manuel Antonio Muñoz Borrero (1891-1976) am 9. November 2018 geehrt. Muñoz Borrero hat zu Beginn der 1940er Jahre über 100 Juden in der ecuadorianischen Botschaft in Stockholm vor dem drohenden Tod gerettet. Das ecuadorianische Außenministerium würdigte die Leistungen des Diplomaten in einer feierlichen Zeremonie im Salón de Próceres de la Cancillería. Diese wurde auf der Facebook-Seite des Außenministeriums (Cancillería Ecuador) live übertragen. Anschließend wurde in Erinnerung an Muñoz Borrero ein Baum in den Gärten des Palacio de Najas gepflanzt.

Der Minister für auswärtige Angelegenheiten, José Valencia, erwies Muñoz Borrero, dem ecuadorianischen Konsul in Stockholm, eine posthume Ehrung. Dieser hatte das Leben vieler Angehöriger des jüdischen Volkes vor der Vernichtung durch das Naziregime gerettet. Diese Ehrung fiel auch mit der tragischen Erinnerung an den 80. Jahrestag der sogenannten Reichspogromnacht zusammen, in der die Schoah ihren Anfang nahm.

Der einzige Ecuadorianer in Yad Vashem

Muñoz Borrero ist der einzige Ecuadorianer und einer der wenigen Lateinamerikaner, der von Yad Vashem, der zentralen Schoah-Gedenkstätte Israels, seit 2011 als „Gerechter unter den Völkern“ anerkannt wird. Diese Anerkennung gilt jenen Männern und Frauen, die während des Nationalsozialismus ihr eigenes Leben riskiert haben, um das Leben jüdischer Familien zu schützen und zu retten. Muñoz Borrero wurde 1891 in Cuenca geboren und 1931 zum Konsul in Stockholm ernannt. 1941, während des Zweiten Weltkrieges, schickte er etwa hundert Pässe nach Istanbul, um Juden polnischer Herkunft zu retten. Die Pässe wurden von Muñoz Borrero ausgestellt und befreiten mehrere Familien, die in Konzentrationslager geschickt wurden. Mithilfe dieses diplomatischen Manövers erhielten etwa 110 niederländische Juden, von den 3.670, die in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wurden, einen ecuadorianischen Pass.

Die Geschichte, die von Überlebenden und einigen Verwandten des ehemaligen Konsuls erzählt wurde, besagt, dass Muñoz, der gegen Ende 1941 nach Ankara geschickt wurde, einige ecuadorianische Blanko-Pässe an den polnischen Botschafter in diesem Land übergab, um ihnen Namen und Bilder von Flüchtlingen hinzuzufügen und sie dadurch zu retten. Muñoz schickte die Pässe an das Konsulat von Chile, da Ecuador zu dieser Zeit keine diplomatische Vertretung in der Türkei hatte. Anfang 1942, vor dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Ecuador und Deutschland, setzte er die Transporte fort. Die Indiskretion, dass Ecuador als Ziel von Migranten erwähnt wurde, kostete ihn seinen Posten. Muñoz Borrero wurde im Januar 1942 auf direkte Anordnung von Präsident Carlos Alberto Arroyo del Rio entlassen und die ecuadorianische Regierung informierte die schwedische Regierung über seine Entlassung, obwohl sie keinen Ersatz geschickt hatte. Die Schweden beschlagnahmten das Konsulatsarchiv nicht, wie von Ecuador gefordert, sodass die Siegel und Dokumente im Besitz von Muñoz Borrero blieben.

Daraufhin wandten sich jüdische Persönlichkeiten in Schweden, darunter Rabbiner Avraham Israel Jacobson, an Muñoz Borrero und baten ihn, Juden im besetzten Europa ecuadorianische Pässe auszustellen, damit sie den relativen Schutz genießen konnten, den lateinamerikanische Bürger vor der Abschiebung in die Todeslager hatten. Muñoz Borrero stimmte zu und begann, Pässe mit Listen auszustellen, die er von den jüdischen Aktivisten erhalten hatte, obwohl ihm die Verwendung von konsularischen Papieren oder Stempeln verboten worden war. Daraufhin wurde Muñoz Borrero von der schwedischen Polizei verhört und stand unter der Aufsicht des schwedischen Geheimdienstes. Die Ausstellung dieser Pässe stand im Widerspruch zu den Anweisungen der ecuadorianischen Regierung, womit es unwahrscheinlich schien, dass er jemals von seiner Regierung in den diplomatischen Dienst rehabilitiert würde.

Letztendlich haben die ecuadorianischen Pässe, die von Schweden über Istanbul nach Polen geschickt wurden, ihre neuen Besitzer nicht gerettet. Eine Gruppe von Juden mit lateinamerikanischer Staatsbürgerschaft, darunter auch Juden mit ecuadorianischem Pass, wurde nach Bergen-Belsen deportiert und im Oktober 1943 ermordet. Eine zweite Gruppe polnischer Juden mit ausländischen Pässen, darunter zehn Personen mit Dokumenten aus Ecuador, wurde ins Lager Vittel in Frankreich geschickt, aber dies erwies sich nur als vorübergehend – Ende April 1944 wurden sie nach Auschwitz deportiert.

Südamerikanische Pässe schützten vor dem Judenstern

1943 stellte Muñoz Borrero Pässe für deutsche Juden mit Wohnsitz in den Niederlanden aus. Lotte Wreschner Salzberger hat einen dieser Pässe als Beweismittel im Prozess gegen den Nazi Adolf Eichmann vorgelegt. Diese Pässe befreiten ihre Besitzer vom Tragen des gelben Sterns, verschoben die Abschiebung in Lager im Osten und boten Schutz vor den Folgen antijüdischer Gesetzgebung. Von dieser Gruppe von Juden wurden 96 nach Bergen-Belsen deportiert. Einige starben an den schrecklichen Bedingungen dort, aber mehrere Überlebende beantragten bei Yad Vashem, Muñoz Borrero als „Gerechten unter den Völkern“ anzuerkennen, darunter Betty Meyer, geb. Eichenhauser. Eines Tages erhielten Betty und ihre Mutter, die von Deutschland in die Niederlande ausgewandert waren, zwei ecuadorianische Pässe in ihrem Namen. Alles, was sie tun mussten, war, ihre Fotos anzubringen und zu unterschreiben. Dank dieser Pässe blieben Betty und ihre Mutter von der Deportation in den Osten verschont. Sie wurden im Januar 1945 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs per Zug nach Bergen-Belsen und von dort in die Schweiz geschickt und überlebten so die Schoah. (…)

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