Zum zehnten Todestag von Irena Sendler, die etwa 2.500 jüdische Kinder rettete 

Von Martin Stolzenau

Nachdem Nazideutschland und die Sowjetunion 1939 Polen besetzt hatten, wurde in Warschau ein gewaltiges Ghetto eingerichtet, in dem rund eine halbe Million Juden zusammengepfercht waren. Die Ghettobewohner lebten unter unmenschlichen Bedingungen. Dann begann die schubweise Verbringung in NS-Vernichtungslager. Es gab nur wenige mutige Menschen, die sich der Mordmaschinerie entgegenstellten.

Irena Sendler, die vor zehn Jahren starb, gehörte zu diesen Ausnahmen. Sie rettete etwa 2.500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto vor der Vernichtung, wird in Israel als Heldin verehrt und genießt nach langem Vergessen inzwischen auch in Polen Anerkennung. Viele Überlebende des Holocaust bezeichnen sie dankbar als „Oskar Schindlers Schwester“. Eine Initiative schlug sie sogar für den Friedensnobelpreis vor. In Deutschland dagegen ist diese mutige Frau weitgehend unbekannt. Mehr noch. Es gibt erstaunlicherweise Bevölkerungsgruppen, die das Ende der Aufarbeitung der deutschen Schuld fordern und einen politischen Schulterschluss mit Israel ablehnen.

Irena Sendler wurde am 15. Februar 1910 in Otwock im damals russischen Teil Polens geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung als Krankenschwester, erlebte die Nazibesetzung Polens hautnah und empörte sich über die Diskriminierung der Polen und vor allem über die Verfolgung der Juden. Dann erlebte sie die Zustände im Warschauer Ghetto mit eigenen Augen. Da erwachte ihr Widerstandgeist endgültig. Irena Sendler verschaffte sich als Mitarbeiterin der Seuchenkontrolle Zugang zum Ghetto und nahm Kontakt zu Gesinnungsfreunden, einer Widerstandsgruppe und zu Mittelsmännern des international wirkenden Rates für die Unterstützung der Juden auf, die in Polen unter dem Namen Zegota aktiv waren.

In diesem Rat hatten sich weltweit Helfer unterschiedlicher Weltanschauungen sowie Glaubensrichtungen vereint, um verfolgte Juden vor der Vernichtung durch die Nazis zu retten. Dieses Bündnis reichte von Auslandsjuden über Katholiken bis zu Kommunisten. Die Zustände im Ghetto erschütterten die Krankenschwester, die zuerst Nahrung, Medikamente und Kleidung durch die Kontrollen ins Lager schmuggelte. Ihre Hilfe empfand sie als einen Tropfen auf den heißen Stein. Als die Nazis begannen, die Ghettoinsassen schrittweise in die Vernichtungslager zu deportieren, war die Verzweiflung groß.

Irena Sendler begann angesichts der Deportationen mit Hilfe ihrer Freunde jüdische Kinder aus dem Ghetto zu schmuggeln. Die ausgehungerten Kleinkinder verbarg sie unter ihrem Mantel sowie im Koffer. Größere Kinder versteckte sie in Einsatzfahrzeugen der Feuerwehr sowie der Müllentsorgung. Das war eine halsbrecherische Gratwanderung unter ständiger Lebensgefahr. Die Krankenschwester gedieh zum Kopf und zum Motor der Kinderrettungsaktion. Mit Erfolg. Die geschmuggelten Kinder wurden anschließend über Mittelsleute in polnischen Familien, in Waisenhäusern und in Klöstern untergebracht. Dabei bewährten sich besonders zahlreiche katholische Gasteltern als Helfer in der Not. Ein Teil der Kinder wurde versteckt. Ein großer Teil aber erhielt über Gesinnungsgenossen in Verwaltungen falsche Papiere, die einen legalen Aufenthalt an den betreffenden Orten vortäuschten. Um in der Hoffnung auf das Überleben der Eltern die spätere Zusammenführung der Familien zu sichern, erstellte Irena Sendler zudem verschlüsselte Namenslisten mit einer Aufenthaltszuordnung, die sie in Einmachgläsern sowie in Tonkrügen in Warschauer Nachbargärten vergrub. Eine Vorsorge, die die Umsicht, mit der die Retterin wirkte, unterstreicht. Diese Vorsorge bekam nach 1945 für Familienzusammenführungen eine große Bedeutung.

Doch dann wurde Irena Sendler im Oktober 1943 von der Gestapo verhaftet, grauenhaft gefoltert, weil sie die Namen sowie Verstecke der geretteten Kinder nicht verriet, und zum Tode verurteilt. Parallel unternahmen die Zegota-Leute alles, um die Retterin der Holocaust-Kinder selbst zu retten. Ein von der Zegota bestochener deutscher Offizier veranlasste auf dem Weg zur Hinrichtung ihre Niederschlagung und Zurücklassung. Irena Sendler wurde so gerettet, in einem Versteck gepflegt und überlebte ihrerseits unter falschem Namen den Krieg.

In Polen erhielt sie den Weißen Adler, den höchsten Orden des Landes. Dazu wurde sie Ehrenbürgerin von Warschau und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. In der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel wird sie mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. In den USA wurde ein Fernsehfilm produziert, der ihr Wirken dokumentiert. Anna Mieszkowska verfasste das Buch „Die Mutter der Holocaust-Kinder“, das 2006 auch in Deutschland erschien. Darüber verstarb die Retterin im hohen Alter von 98 Jahren am 12. Mai 2008 in Warschau.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben