Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
Kol Nidre und die Gelübde

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Was hat es mit dem Brauch vor Jom Kippur auf sich?  

Von Mendel Itkin

Es gibt auf der ganzen Welt Juden, die einmal im Jahr für 10 Minuten die Synagoge betreten. Am Vorabend von Jom Kippur hören sie sich das Kol Nidre an und gehen wieder. Die Melodie von Kol Nidre ist so herzzerreißend, dass sogar Max Bruch, ein nichtjüdischer Komponist, die Melodie adoptierte. Aber was genau ist Kol Nidre? Es ist kein Gebet, sondern ein formeller Text, den man sagt, um sich von Gelübden zu befreien.

Alle Gelübde, Entsagungen, Bannsprüche, Umschreibungen oder Nebenbezeichnungen derselben, Strafen und Schwüre, die wir geloben, schwören, als Bann aussprechen, und als Verbot uns auferlegen, von diesem Versöhnungstage bis zum nächsten Versöhnungstage, vom vergangenem Versöhnungstage bis zu diesem Versöhnungstage, sie alle bereue ich, sie alle seien aufgelöst, erlassen, aufgehoben, ungültig und nichtig, ohne Geltung und ohne Bestand: Unsere Gelübde seien keine Gelübde, unsere Schwüre keine Schwüre.
Die Anfänge von Kol Nidre sind unbekannt. Rabbi Gaon Natronai (9. Jahrhundert), Vorsteher der Jeschiwa in der babylonischen Stadt Sura, erwähnt als erster das Kol Nidre. Diese erste Erwähnung ist eine scharfe Verurteilung. Er sagt:

„Diesen Brauch haben wir von unseren Rabbinern nicht gehört und nicht gesehen.“

Sein Schüler und Nachfolger Rabbi Amram Gaon, Herausgeber des ersten jüdischen Gebetbuches, verzeichnet in seinem Gebetbuch das Kol Nidrei und kommentiert:

„Die heilige Jeschiwa richtet aus, dass dieser Brauch unsinnig ist und es verboten ist ihn auszuführen.“

Was waren die Gründe für diese Anfeindung?

Ein Mensch, der um Gottes Beistand bittet, er möge ihm helfen seine Ziele zu erreichen oder ein Unheil von ihm abwenden, der kann ein Gelübde ablegen. Dann sagt er: wenn Du mich von dieser Krankheit heilst, gelobe ich der Synagoge 10.000 Euro zu spenden. Wenn seine Heilung eintrifft, ist er verpflichtet sein Gelübde zu erfüllen. Tut er es nicht, werden, nach dem Talmud, seine jungen Kinder sterben. Die Thora warnt bezüglich der Nichterfüllung:

„Wenn du dem HERRN, deinem Gott, ein Gelübde ablegst, so sollst du es ohne Verzug erfüllen, denn der HERR, dein Gott, wird es sonst von dir einfordern, und es trifft dich Strafe.“ (Deut. 23,22)

Eine andere Art von Gelübde ist eine freiwillige Verpflichtung. Jemand kann sagen: Ich gelobe jeden Tag zu beten, oder jeden Schabbat in die Synagoge zu gehen. Eigentlich ist es eine gute Sache. Der Mensch nimmt einen psychologischen Druck auf sich und verpflichtet sich Mizwot auszuüben. Andererseits ist niemand verpflichtet ein Gelübde abzulegen. Die Thora warnt uns sogar davor:

„Wenn du es aber unterlässt, etwas zu geloben, dann trifft dich keine Strafe.“ (Deut. 23,23)

Für seinen Beistand fordert Gott von uns kein Gelübde. Dennoch deutet dieser Vers an, es sei besser überhaupt kein Gelübde abzulegen, damit, bei seiner Nichterfüllung, uns keine Strafe treffe. Im Talmud heißt es sogar: „Auch, wenn jemand sein Gelübde erfüllt, ist er ein Sünder“ (Ned. 77b). Auch der jüdische Rechtskodex, der Schulchan Aruch, mahnt: „Es ist nicht gut über eine Spende zu geloben, wer spenden möchte, möge spenden ohne Gelübde.“ Ein Gelübde abzulegen ist eine ernste Sache, die strengstens zu vermeiden gilt. Vor allem deshalb, weil die Aufhebung des Gelübdes ein kompliziertes Unterfangen ist.

Man kann sich nur von einem Gelübde befreien, wenn zur der Zeit des Gelobens, die Umstände des Gelübdes nicht bekannt waren. Wären sie bekannt, würde man kein Gelübde auf sich nehmen. Zum Beispiel gelobt jemand jeden Schabbat in die Synagoge zu gehen. Dann geht er in die Synagoge und bemerkt, dass der Weg zu Fuß sehr beschwerlich und anstrengender ist als mit dem Auto. Jetzt denkt die Person, dass es besser gewesen wäre kein Gelübde auf sich zu nehmen. Aber was kann er tun, um der göttlichen Strafe zu entgehen? Er geht in ein jüdisches Gericht, schildert seine hilflose Situation drei Richtern und wird von seinem Gelübde befreit durch ein Gelübdeaufhebungsverfahren.

Zwei Punkte sind für das Gelübdeaufhebungsverfahren wichtig.

1. Man muss sein Gelübde kennen und

2. Es muss es vor drei Richtern geschehen.

Dennoch sagt die Mischna (Hagiga 10a), dass dieses ganze Verfahren in der Luft hängt, d.h. es ist nicht sicher, ob es wirklich funktioniert. Ja, Gelübde geloben funktioniert, sie aber aufzulösen ist eine heikle Sache. Noch besser ist es gar keine Gelübde abzulegen.

Aus dieser Perspektive wird die Kritik von Rav Natronai Gaon verständlich, als ob er sagte: Jedes Jahr vor Jom Kippur wollt ihr alle eure Gelübde auflösen? Das ist Quatsch, Ihr steht nicht vor drei Richtern, Ihr führt im Einzelnen nicht aus, was Ihr geloben habt und warum macht Ihr überhaupt Gelübde?

Doch Kol Nidre hielt aller Kritik stand und verbreitete sich unaufhaltsam in allen jüdischen Gemeinden, bis Rabbi Jakob Tams Vater es änderte. Rabbi Jakob Tam (1100-1171) war die größte jüdische Autorität des Mittelalters. Er schreibt in seinem Buch Sefer haJaschar, dass sein Vater den Text von Kol Nidre änderte. Anstatt „Alle Gelübde sollen aufgelöst sein vom vergangen Versöhnungstage bis zu diesem Versöhnungstage“ änderte er zu „Alle Gelübde ... von diesem Versöhnungstage bis zum nächsten Versöhnungstage.“ Warum hat er das gemacht? Sein Gedankengang war der folgende: Stünde dort „vom vergangen Versöhnungstage bis zu diesem“, was hilft es Gelübde aufzuheben, deren Fälligkeitsdatum bereits verstrichen ist? Wenn ich verpflichtet gewesen bin ein Gelübde zu erfüllen, es aber nicht getan habe, dann kann ich es doch nicht einfach auflösen. Stattdessen ist es besser eine Bedingung auszusprechen, dass alle Gelübde, die ich in Zukunft geloben werde, nicht als Gelübde gelten sollen.

Diese Änderung im Text wurde von vielen kritisiert, sodass wir in unseren Gebetbüchern zwei Versionen des gleichen Textes haben. Einmal vom vergangen bis zu diesem Versöhnungstage und gleich danach, von diesem bis zum nächsten Versöhnungstage.

Die gesetzliche Grundlage von Kol Nidre war nicht der einzige Kritikpunkt. Die Juden mussten sich im Laufe des Mittelalters immer wieder gegen Anschuldigungen der Nichtjuden verteidigen, dass die Juden ihr Wort und ihre Versprechen nicht einhalten und sie am heiligsten Fest des Jahres nichtig machten. Unter ihnen Nikolaus Donin, ein zum Christentum konvertierte Jude, der seine alte Religion schmähte. Seine Schriften führten zu den Disputationen von Paris 1240. Das Ergebnis war die Verbrennung von 24 Wagen, die mit dem Talmud beladen waren. Zu allen Zeiten mussten die Rabbiner sich immer wieder rechtfertigen, dass nach dem jüdischen Gesetz nur solche Gelübde aufgelöst werden können, die jemand gegenüber Gott abgelegt hat, aber nicht solche Gelübde, die jemand gegenüber Menschen abgelegt hat. (Schulchan Aruch, Joreh Deah 211:4)

Das Kol Nidre hat sich bis heute unnachgiebig erhalten. Viele haben versucht es abzuschaffen, unter anderem Samson Raphael Hirsch, doch viele Juden haben es so sehr ins Herz geschlossen, dass sie hauptsächlich deswegen in die Synagoge kommen.

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