Der Millionär Wladimir Katzmann baut eine Synagoge in der alten Hauptstadt Ostpreußens  

Von Viktor Schapiro

Wladimir Katzmann ist einer der erfolgreichsten Unternehmer in Kaliningrad/Königsberg.
Im Moment leitet er große Firmen, sitzt im Präsidium des Russischen Jüdischen Kongresses und ist außerdem Präsident des Festivals „Kaliningrad City Jazz“.

Und seit den letzten Jahren hat Herr Katzmann nun ein neues Projekt: Er baut in Kaliningrad eine Synagoge.
Das Projekt ist sehr symbolisch, weil das Gebetshaus auf der gleichen Stelle errichtet ist, wo die „Neue Schul“, die Neue Synagoge in Königsberg stand, die im August 1896 eingeweiht wurde und von den Nazis in der Kristallnacht am 9. November 1938 verbrannt worden war. 

Die Fassade des neuen Gebäudes wird wie die des vorherigen Gotteshauses aussehen, das nach den Plänen der Architekten Wilhelm Cremer und Richard Wolffenstein errichtet wurde. Die Architekten haben acht Synagogen gebaut, von denen leider keine erhalten geblieben ist.

Wir unterhalten uns im Büro von Herr Katzmann – in dem Gebäude, wo früher das sowjetische Konsulat in Königsberg war, und sich jetzt das Restaurant „London“ und ein populärer Jazzklub befinden, die beide dem Geschäftsmann gehören.


JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was hat Sie bewogen ein solch grandioses Projekt zu übernehmen? Man erzählt, dass einmal ein Amerikaner mit der Idee nach Kaliningrad gekommen ist, das Geld für den Bau der Synagoge zu sammeln. Sie, Herr Katsman, hätten ihm gesagt: wenn du willst, dann fang an zu bauen! Aber wenn du nicht willst, werde ich die Synagoge selbst aufbauen. War das so?

Wladimir Katzmann: Ja, es gab so einen Mann, Kaliningrader, beschäftigte sich mit Antiquitäten, lebte damals in den USA und hatte eine Galerie in New York auf 5 Avenue. Aber das ist eine alte Geschichte. Ich denke schon lange über die Synagoge nach. Wissen Sie, der Jude im Alter zwischen 40 und 45 denkt über seine geistigen Wurzeln nach – wenigstens war das so bei mir. In meinem Kindheit stand ich der Religion sehr fern, den ich komme aus einer streng kommunistischen Familie. Mein Großvater unterrichtete in Grosny am Lehrstuhl für Marxismus-Leninismus im berühmten Erdölinstitut.

JR: Sind Sie in Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens, geboren?

Wladimir Katzmann: Ja, bin ich. Mein Großvater kommt aus Weißrussland, dort liegen meine Wurzeln – Bobrujsk, Mogilew, Mozyr. Einmal habe ich mich mit einem echten Schamanen getroffen, und der hat gesagt: „Ich sehe, dass deine Vorfahren sich aus Ungarn durch Deutschland, durch Königsberg nach Osten bewegten. Du bist nicht zufällig hier.“

JR: Erzählen Sie bitte von Ihrer Familie!

Wladimir Katzmann: Meine Eltern und Großeltern sprachen noch Jiddisch. Der Großvater war sehr gebildet und ein sehr neugieriger Mensch.
Mein Onkel hat ihm von einer Dienstreise nach Pakistan den deutschen Transistorempfänger „Grundig“ mitgebracht, und der Großvater hörte damit die antisowjetischen Radiosender – „Voice of America“, „Stimme Israels“, „Radio Liberté“, „Deutsche Welle“ – und wachte am nächsten Morgen auf und unterrichtete Marxismus-Leninismus.

Gefilte Fisch, leikach und andere jüdische Spezialitäten, alles gab es bei uns zu Hause, obwohl niemand in die Synagoge ging. Wir haben nicht schlecht gelebt: meine Großmutter arbeitete im zentralen Kaufhaus, mein Vater und der Onkel waren immer satt und gepflegt. Mein Onkel leitete das Tschetschenische Schauspielhaus namens Chanpaschi Nuradilowa. Verstehen Sie? Ein Jude hat das Nationale Tschetschenische Theater geleitet!
Sie wissen, die Tschetschenen sind sehr freundlich und verhielten den Juden gegenüber gut. 
Ich weiß, dass vor einigen Jahren mit der Unterstützung von Kadyrow in Grosny eine Synagoge gebaut wurde.

JR: Bedeutet es, dass der Antisemitismus kein Grund für Ihre Abreise aus Tschetschenien war?

Wladimir Katzmann: Der Grund war sehr einfach: Die Atmosphäre hat sich geändert, man konnte dort kaum leben. Ich erinnere mich, wie ich um fünf Uhr morgens von der Nachtschicht zurückkehrte – ich war im als leitender Angestellter im Bergbau tätig – und gehe über den Platz, wo sich Tausende Tschetschenen getroffen hatten. Die sind von den Bergen heruntergekommen und forderten die Unabhängigkeit. Dann begann die Gebetszeit – der ganze Platz ist auf den Knien, und ich bin der einzige Jude weit und breit. Da habe ich mich nicht wohlgefühlt. Oder ein anderes Beispiel: ich wollte die Wohnung verkaufen, die mir mein Großvater hinterlassen hat. Es gab zwei Kaufinteressenten. Ich wollte die Wohnung günstig verkaufen. Der erste Kaufinteressent aber hat mich bedrohen, meine Frau ist fast aus dem Fenster gesprungen. Ich habe verstanden, dass man dort verschwinden muss.

JR: Und so sind Sie nach Kaliningrad gekommenen?

Wladimir Katzmann: Mein Freund, ein Polizeimajor, ist nach Kaliningrad gekommen, um dort zu arbeiten. Ich bin ihm mit noch einem weiteren Freund gefolgt. Ich habe viele Empfehlungsbriefe mitgebracht – das hat mir aber nicht geholfen. Ich hatte ein Angebot als einfacher Arbeiter anzufangen, nachdem ich in Grosny schon Vorgesetzte des ingenieurtechnischen Dienstes gewesen war. Freunde haben mir empfohlen stattdessen ein eigenes Geschäft aufzumachen. Wir haben ein Café gemietet und haben mit heiße Sandwiches angefangen. So hat 1992 mein Leben in Kaliningrad angefangen.

JR: Ich erinnere mich, Sie sind zu uns in die Gemeinde gekommen, um Matze zu bekommen. Woher wussten Sie überhaupt, dass Pessach vor der Tür steht und man Matze besorgen muss?

Wladimir Katzmann: Mein Vater hat mir das alles erzählt, und ich versuchte alles zu erledigen. In Kaliningrad habe ich andere jüdische Geschäftsleute kennengelernt. Das half mir bei der Entwicklung meines jüdischen Selbstbewusstseins, und obwohl meine Mutter mir immer sagte „Du, der Jude, sollst nicht herausragen!“, hatte ich den Wunsch zu zeigen, dass ich anders war.

JR: Den Charakter des Juden prägt die Mentalität des Volkes, unter dem er lebt. Vielleicht hat die „tschetschenische Erziehung“ Spuren hinterlassen?

Wladimir Katzmann: Ja, wahrscheinlich. Tschetschenien war ein sehr guter Ort zum Leben, als wir noch dort wohnten. Aber der rebellische Geist lebte dort noch immer: das Denkmal von Jermolow (der zaristische General der russischen Truppen im Kaukasus) in der Mitte von Grosny wurde regelmäßig gesprengt.

JR: Sprechen wir jetzt über das Denkmal für die Schoah-Opfer im ostpreußischen Städtchen Palmniken, das jetzt Yantarny heißt…

Wladimir Katzmann: Als ich durch Kaliningrader Journalisten von der Erschießung tausender jüdischer Frauen an der Ostseeküste erfahren habe, wollte ich den Denkmal errichten, das ein Anziehungspunkt für Menschen verschiedener Generationen und verschiedener Nationalitäten sein sollte.

Damals habe ich mein Unternehmen erfolgreich verkauft, ich hatte ein Supermarkt-Kette – und hatte genug Geld, um mich mit diesen zwei ambitionierten Projekten zu beschäftigen – der Synagoge und dem Denkmal für die Opfer des Holocausts.

Das Denkmal wurde am 30. Januar 2011 geöffnet. Hier in Kaliningrad habe ich die Architektin Natalia Lorenz gefunden. Sie hat eine interessante Herkunft – die Mutter ist Jüdin, der Vater ist Deutscher. Ihre Energie und das Interesse bedeuteten für den Aufstieg dieser Projekte sehr viel. Wir fingen zusammen an einen international renommierten Maler für das Denkmal zu suchen.
Schließlich haben wir Frank Maisler, den berühmten israelischen Bildhauer und Juwelier ausgewählt, der aus Danzig nach England transportiert worden war als die Stadt wieder dem Deutschen Reich angegliedert wurde. Das Denkmal „Kindertransport“ in Berlin gehört zu seinen Arbeiten.

JR: Auf welche Stufe ist der Bau der Synagoge gerade?

Wladimir Katzmann: Wir stellen jetzt die Kuppel auf. Das Stadion, wo im Juni die FIFA-Spiele stattfinden werden, ist nicht weit weg, viele Menschen werden deshalb an der Synagoge vorbeigehen. Unter hohen FIFA-Mitarbeitern gibt es ebenfalls sechs Juden. Sie haben die Geschichte von unserer Synagoge erfahren und sagten, dass sie hier beten wollen. Die Rabbiner Alexander Boroda und Berl Lazar haben Wladimir Putin über unseren Bau informiert, und Putin hat gesagt: „Sehr gut, ich werde kommen, um das Stadion zu eröffnen, und ich werde auch die Synagoge eröffnen.“

JR: Sind Sie bereit das Projekt selbstständig durchzuziehen?

Wladimir Katzmann: Ich muss jetzt dieses Kreuz… verzeihen Sie – Magen David – tragen.. ich habe schon mehr als zweieinhalb Millionen Euro in dem Projekt angelegt, und man braucht noch 5,5 Millionen Euro für die bleibenden Arbeiten. Die Geschäftsleute aus Kaliningrad werden gerne mitmachen – es ist doch eine gemeinsame Sache die Synagoge zu bauen. Wir planen so, dass der Name von jedem, der einen wesentlichen Beitrag leistet, auf seinem persönlichen Ziegel vermerkt wird. Nicht nur Kaliningrader, sondern auch andere jüdische Gemeinden und Bürger aus Deutschland können an unserem Crowdfunding teilnehmen. Jeder kann spenden so viel er will für seinen eigenen Ziegel.

JR: Und wie kann man eine Spende aus Deutschland machen?

Wladimir Katzmann: Seit kurzem gibt es die neue Webseite „Neue Synagoge in Königsberg“, die Adresse ist www.kldsynagogue.com. Dort gibt es den Kostenplan des Projekts, man kann den Beitrag einfach überweisen, dort sind auch alle bereits geleisteten Spenden gezeigt – von meinen 2.550.231€ bis zu anonymen 100 Rubeln.

Synagogue Construction Foundation in Kaliningrad (a nonprofit organisation)

SWIFT: SABRRUMM
SBERBANK, MOSCOW BIC 042748634
Account (EUR)
40703978720000000002
Transit Account
40703978020001000002

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