August 7, 2014 – 11 Av 5774
«Khotsh ikh hob keyn kol nit – zing ikh!»

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Beyle Schaechter-Gottesmans Stimme ist unvergessen und wirkt weiter 

«Auch wenn ich keine Stimme habe, singe ich!». Zelik Barditshevers Lied «Khotsh kh’hob keyn prute nit» («Obgleich ich kein Geld habe»), aus dem diese Zeile stammt, hat Beyle Schaechter-Gottesman (1920-2013) sehr gern gesungen. Die Grundhaltung im Leben, welche dieses Lied ausdrückt, war für Schaechter-Gottesman charakteristisch: Trotz noch so widriger Umstände lebe ich, singe ich, tanze ich! Trotz all ihrer Erlebnisse und Schicksalsschläge – Czernowitzer Ghetto, Zweiter Weltkrieg, Verschleppung des Vaters, Tod erst eines, dann noch eines und dann noch eines Kindes zu ihren Lebzeiten: trotzdem sah sie die Schönheit der Welt in einer Blume, im Lachen eines Kindes, und hielt sie fest: in Bildern, Gedichten und Liedern.

Von ihrem künstlerischen Oeuvre sind heutzutage am ehesten ihre Lieder bekannt, die sie seit 1990 auf Festivals unterrichtete und die seither von Musikerinnen und Musikern aufgenommen und weitergetragen wurden und heutzutage zum internationalen Repertoire jiddischer Lieder gehören: Lieder über das Älterwerden, über Straßenmusiker in New York, über «September Eleven», den 11. September 2001, über die Sehnsucht... Auf Jiddisch brachte sie all das zum Ausdruck, was sie persönlich sah und bewegte. Eben weil sie, die erst relativ spät Gedichte und Lieder veröffentlichte, auf Jiddisch geschrieben hat, sind ihre Gedichte bis auf einen begrenzten jiddischsprachigen Kreis immer noch weitestgehend unbekannt – obwohl sie 2005 für ihr Werk eine der höchsten Auszeichnungen erhalten hat: das National Endowment for the Arts Fellowship, welches als Nobelpreis für traditionelle Kunst bezeichnet werden kann. Diese sehr hoch angebundene Auszeichnung repräsentierte die Anerkennung von Beyle Schaechter- Gottesmans Werk in den USA und darüber hinaus.

Geboren wurde Schaechter-Gottesman am 7. August 1920 in Wien. Sie wuchs in Klein-Wien – so nannten die Czernowitzer ihre Stadt – auf. Czernowitz, im hiesigen öffentlichen Bewusstsein als Stadt Paul Celans und Rose Ausländers verankert, war zu dieser Zeit ru- mänisch. In der Schule lernte Schaechter-Gottesman also rumänisch, in der Stadt hörte sie Ukrainisch und Deutsch, zu Hause wurde Jiddisch gesprochen, gelesen und gesungen. Gesang war – zu einer Zeit ohne Radio, Fernsehen und Internet – in der ‚shteyngas (Steingasse) numer 12‘, wo die Familie wohnte, die Hauptunterhaltungsform. Die Mutter Lifshe fing einfach an zu singen, wenn ihr danach war.

Faible für lange Lieder
Beyles «Spezialität» schon als Kind waren lange Lieder: sie hatte ein sehr gutes Gedächtnis für Gedichte und Lieder. Jiddisch schreiben und lesen lernte sie mit Eliezer Shteynbargs Alef-Beys (Alphabet), besuchte Klassen im Kulturhaus Morgnroyt (Morgenrot) und im Shulfareyn (Schulverein). Sie wurde vom örtlichen Kulturangebot der Stadt geprägt, vom Theater, Kino sowie von Gastspielen beispielsweise der Vilner Trupe oder vom Weltklasse-Rezitator Herts Grosbart. Joseph Roth und Lion Feuchtwanger las sie auf Deutsch, Jules Verne und andere Weltliteratur auf Jiddisch.

Ihrer Mutter Lifshe Schaechter-Widman, einer großartigen Volkssängerin, verdankte Beyle Schaechter- Gottesman ihr großes Repertoire an jiddischen Volksliedern und die Kenntnis des älteren Stils jiddischer Lieder. Der Vater, Khayim-Binyumen Schaechter, war für Beyle wichtig auch als der Mensch, der sie in ihren künstlerischen Anfängen unterstützte und sie zudem intellektuell förderte. Beyle pflegte zu sagen, dass ihre Mutter sie geboren und ihr Vater sie geschaffen habe. Zu einer Zeit, in der auf Jiddisch als «zhargon» (Jargon) herabgeschaut wurde und als die jiddische Sprache um ihren Status als eine nationale jüdische Sprache rang, nahm der 18-jährige Khayim-Binyumen eine lange Fußreise auf sich, um 1908 von seinem damaligen Wohnort Deletin zur ersten Jüdischen Sprachkon- ferenz, der sogenannten Czernowitzer Konferenz, zu gehen. Im Verständnis der Familie kam dies einer Pil- gerfahrt gleich, als wäre er zu «seinem» Jerusalem gepilgert. Für die Familie zeugte dieses Ereignis von der Bereitschaft, für Jiddisch einzustehen, es definierte ihre Herkunft in diesem Sinne und wurde so zum Familienerbe.

Czernowitz – Wien – New York
Während des Zweiten Weltkrieges war Schaechter-Gottesman im Czernowitzer Ghetto, und von da an lange Zeit mit ihrer Familie auf der Flucht. 1940 nahmen ihr die Sowjets den Vater. Sie deportierten ihn nach Sibirien, von wo er nicht mehr zurückkehrte. Dieser Schmerz begleitete sie ihr ganzes Leben. Nach dem Krieg ging sie erst nach Bukarest, wo sie ihrer «ersten Liebe», der Malerei, nachging und Malklassen besuchte. 1947 ging sie nach Wien, bis die Familie es 1951 schaffte, nach New York überzusiedeln.

Von Janina WURBS

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