Oktober 6, 2018 – 27 Tishri 5779
„Kaddisch für Babuschka“

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Rezension des neuen Romans der Lemberger Autorin und Hochschuldozentin Marina Neubert  

Von Dr. Nikoline Hansen

Marina B. Neuberg ist eine der jüdischen Zuwanderer, die in den 90er Jahren aus Russland nach Deutschland kamen, um dem jüdischen Leben hier wieder neue Impulse zu geben und es zu stärken. Sie wurde in Lemberg (Ukraine) geboren und wuchs in Moskau auf, wo sie Literaturwissenschaft, Germanistik und Journalistik studierte. Jetzt lebt sie als Autorin und Hochschuldozentin in Berlin.

Ihr jüngstes Buch ist im Aviva-Verlag in Berlin erschienen, eine raffiniert verflochtene Erzählung, die sich um einen nicht immer einfach zu fassenden, aber deutlich dominierenden Mutter-Tochter-Konflikt rankt, und zugleich eine doppelte Perspektive bietet: Die der Ich-Erzählerin, die den Eindruck einer realen Begebenheit vermittelt, und in der dritten Person durch die Schilderung von Hannah, die auch gleich im ersten Satz der Erzählung auftaucht: „Ich habe von Hannah geträumt“. So weiß man auf den ersten Blick eigentlich nicht genau, woran man ist.

Es ist für den Leser daher auch nicht immer leicht, sich durch den Erzählstrang zu lavieren, der neben dem Mutter-Tochter-Konflikt auch eine Hommage an eine längst verlorene Welt sein möchte und diese in bruchstückhaften Erinnerungssynopsen heraufbeschwört. Einzig deutlich wird, dass das Judentum in der Ukraine schon lange im Untergang begriffen war. Dabei sind die einzelnen Sätze teilweise sehr kurz und wirken wie an einer Perlenschnur aneinandergereiht. Dies spiegelt auch die Kürze der Handlung, die auf vier Tage beschränkt ist, nämlich der Rückkehr der (doppelten) Protagonistin für wenige Tage in die Welt, die sie bei ihrer Umsiedlung zurückgelassen hat. Wie dem Titel zu entnehmen ist, geht es eigentlich um den Abschied von der Großmutter, die in der Ukraine geblieben und dort verstorben war. Symbolisch wird somit auch das Judentum vor Ort begraben, denn die Autorin kehrt am Ende nach Deutschland zurück.

Der sichtlich autobiografisch geprägte Roman ist schlüssig aufgebaut und perfekt geschrieben, bleibt der Leser doch am Ende mit dem Gefühl der Leere zurück, die für das osteuropäische Judentum in weiten Teilen typisch geworden ist. Mit der Großmutter ist auch eine eigene Welt begraben worden, der Sehnsuchtsort bleibt.

Das Buch selbst ist sehr großzügig gesetzt, auch hier scheinen die Lücken das Lückenhafte, die weißen Stellen zu symbolisieren, die bleiben. Wer es haptisch und literarisch verschränkt mag, für den ist das Lesen ein Genuss.

Marina B. Neubert
Kaddisch für Babuschka

Aviva Verlag Berlin 2018, 192 Seiten
€ 18,-
ISBN: 978-3-932338-70-0