April 7, 2016 – 28 Adar II 5776
Jüdisches Leben in Deutsch-Südwestafrika

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Südwestafrika war für die Juden ein attraktiver Auswanderungsort  

Von Ulrike Stockmann

Das heutige Namibia war von 1884 bis 1915 eine deutsche Kolonie und unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika bekannt. Zu dieser Zeit versuchten viele mittellose Europäer in Übersee ihr Glück zu finden. Das Ziel der meisten lautete „Vereinigte Staaten von Amerika“, für deutsche Abenteurer stellte das neugegründete Deutsch-Südwestafrika jedoch durchaus eine weniger überlaufene Alternative mit Sprachvorteil dar.

Mehr und mehr deutschsprachige Juden entschlossen sich in diesem Zuge ebenfalls in die deutsche Kolonie überzusiedeln. Der Großteil dieser Zuzügler stammte aus Osteuropa, genauer aus Lettland, Litauen, Russland und Polen. Gerade im Baltikum und Polen war die deutsche Sprache recht weit verbreitet. Der Rest kam überwiegend aus dem Deutschen Kaiserreich. Die Armut Osteuropas und seine beschränkten wirtschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten waren neben dem konstanten Antisemitismus im Zarenreich wohl die Hauptgründe für diese Flucht der osteuropäischen Juden.

Nun waren die namibischen Lebensumstände in jenen Tagen mehr als bescheiden. Im Vergleich dazu erscheint die Perspektivlosigkeit im damaligen Europa umso frappierender: Die jüdischen Siedler zogen eine Wüstenexistenz unter einfachsten Bedingungen umgeben von Wildnis dem Leben im verhältnismäßig reichen, jedoch judenfeindlichen Europa vor.

Erst seit dem 19. Jahrhundert gab es in Südwest-Afrika (Namibia) europäische Siedlungen. Die afrikanischen Völker, die in diesem Gebiet zu Hause waren, lebten als Nomaden oder Halbnomaden. Vor allem Weiße aus Südafrika, die von dort kommend die nördlicheren Gebiete erkundeten, waren an den ersten Städtegründungen beteiligt. Dementsprechend tragen die Städte des heutigen Namibias meist holländische Namen wie „Windhoek“ (die heutige Hauptstadt), „Keetmanshoop“ oder „Swakopmund“. Die Stadt Lüderitz bzw. Lüderitzbucht hingegen ist nach dem Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz benannt. An besagter Bucht legten 1487 erstmals die Portugiesen an und hinterließen ein obligatorisches eisernes Kreuz für „offiziell von Portugal beschlagnahmt“. Die Portugiesen kamen nie wieder, denn die Bucht galt als wertlos, dennoch nannte man sie fortan „Angra Pequena“.

Bis 1883 eben besagter Adolf Lüderitz auftauchte. Dank eines der infamsten Meilenschwindel in der Geschichte legte er den Grundstein für die deutsche Kolonie. Und zwar schwatzte sein Mitarbeiter Heinrich Vogelsang einem Orlam-Stammesführer dessen gesamtes Siedlungsgebiet von etwa 40.000 Quadratkilometer (fast die Fläche Niedersachsens) für nur 100 Goldpfund und 250 Gewehre ab. Besagter Stammesfürst – genannt Josef Frederiks II. – war mit Europäern und ihren Lebensgewohnheiten durchaus vertraut, hatte er doch nicht nur afrikanische Wurzeln, sondern war auch Nachkomme holländischer Siedler. Der gutgläubige Mann hatte es bisher leider nur mit englischen Meilen zu tun gehabt und wusste nicht, dass die Deutschen bei der Abmessung des zu kaufenden Grundstücks mit preußischen Meilen rechneten, die nicht wie die englischen Meilen 1,7 Kilometer, sondern 7,5 Kilometer maßen. Und „zufällig“ versäumte Vogelsang die Gelegenheit, Frederiks auf seinen Irrtum hinzuweisen. Die ehemalige Bucht „Angra Pequena“ und die sich bald darauf dort entwickelnde Stadt heißen seither „Lüderitzbucht“ bzw. „Lüderitz“.

Nachdem Lüderitz also mit sehr fragwürdigen Methoden an ein gutes Stück Land gekommen war, wurde das Privatgelände 1884 zu deutschem „Schutzgebiet“ erklärt und das nun staatliche Territorium auf die Größe des heutigen Namibias erweitert.

Immerhin – Gottes Mühlen mahlen langsam, aber gerecht: Adolf Lüderitz hatte nur wenig Zeit, seine Eroberung zu genießen, denn 1886 ertrank er im namibischen Oranje-Fluss bei einer Expedition.
In der Stadt Lüderitz lebten in den Jahren nach ihrer Gründung am 12. Mai 1883 nur zwölf jüdische Familien. Bei einem so kleinen Personenkreis spielte sich natürlich auch das Gemeindeleben eher improvisiert und informell ab: Gottesdienste wurden in Privathäusern abgehalten, da keine Synagoge vorhanden war. Jedoch hielt man sich an die jüdische Bestimmung, dass im Gebetsraum ein Schrank mit einer Thora-Rolle vorhanden sein muss.

Das Haus der Familie Chaim Charneys wurde an hohen Feiertagen eines der improvisierten Gotteshäuser. Chaim wurde um 1874 in Litauen (damals zu Russland gehörend) als Sohn eines Schlossers geboren. In Wilna eröffnete er ein Geschäft für Eisenwaren. Als 1904 der Russisch-Japanische Krieg begann, wollte Chaim unbedingt einem Einzug in die russische Armee entgehen. Er verkaufte sein Geschäft und floh nach London, um bald darauf zu einem Cousin nach Südafrika zu ziehen. Seine Versuche, sich dort eine neue Existenz aufzubauen scheiterten jedoch u. a. an seinen mangelnden Englischkenntnissen. Kurzerhand zog er weiter nach Deutsch-Südwestafrika und landete schließlich in Swakopmund, wo er mit einem Partner ein Geschäft beginnen wollte. Er telegrafierte seiner Frau, die mit den Kindern in Wilna geblieben war, sie könnten jetzt nachkommen, da er ein Auskommen hätte. Dumm nur, dass aus dem Geschäft nichts wurde, in das Chaim bereits sein Vermögen investiert hatte und nun auf einem Haufen Schulden saß.

Hier machte sich jedoch bezahlt, dass er in seiner Wehrzeit bei der russischen Armee beim Ingenieurkorps gedient hatte und entsprechend ausgebildet war: Chaim konnte nun immerhin als Eisenbahn-Mechaniker anheuern. Der Job war sogar gut bezahlt, er konnte seine Schulden tilgen und sich doch noch selbstständig machen. In Lüderitzbucht eröffnete er schließlich vier Geschäfte, drei davon bestritt er mit Geschäftspartnern. Somit schaffte er es gerade noch vorm Ausbruch des Ersten Weltkrieges, endlich seine Frau und Kinder nach Deutsch-Südwestafrika nachzuholen. In den Zwanzigern und Dreißigern half er weiteren Verwandten bei der Übersiedlung nach Namibia, die meisten wurden in seinem Unternehmen tätig.

Lüderitz liegt innerhalb der Namib-Wüste (eine reine Sandwüste) an der Atlantikküste und befindet sich in einer recht unwirtlichen Gegend. Ein Standortvorteil bestand in der Existenz eines Hafens, der jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Hafen der zentraleren Stadt Swakopmund abgelöst wurde. Lüderitz war einfach zu schlecht an die Handelsrouten ins Landesinnere angebunden. Zu einem weiteren wirtschaftlichen Aufschwung kam es 1908, als beim Bau einer Eisenbahnstrecke bei Lüderitz Diamanten gefunden wurden. Nur wenige Juden waren direkt in den Diamantenhandel involviert. Wohl profitierten sie dennoch davon, da sie als Händler sämtliche Infrastruktur boten, die die Diamantenjäger brauchten. Fortan entwickelte sich Lüderitz zu einer reichen Stadt, die jedoch nach dem Ersten Weltkrieg wieder an Bedeutung verlor. Der Diamantenabbau war weiter nach Süden gezogen. Heute ist Lüderitz eine Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit und sterbender Infrastruktur. Immer mehr Bewohner wandern ab.

Aufgrund Lüderitz‘ Wüstenlage am Atlantik waren seine Bewohner mit jenem Schicksal geschlagen, das ansonsten nur Seeleute ereilt: Wasser soweit das Auge reicht, dummerweise nur komplett salzig. Süßwasser war dort zu jener Zeit wohl die größte Mangelware. In Ermangelung von Flüssen bestand damals die einzige Möglichkeit der Wasseraufbereitung darin, Meerwasser zu destillieren. Dieses wurde dann zu drei Pfennig pro Liter verkauft. Da überlegte man sich natürlich, mit Wasser gut zu haushalten und kam schon mal auf kuriose Einfälle: Manche deutsche Familien schickten ihre Schmutzwäsche lieber zum Waschen nach Hamburg, als wertvolles Trinkwasser zu vergeuden! Wie man sich denken kann, war es jedes Mal ein Glücksspiel, ob die aufgegeben Stücke nach Monaten auch heil zurückkamen.

Auch die koschere Lebensweise bereitete der jüdischen Gemeinde Kopfzerbrechen: Das einzige Fleisch, das man in Hülle und Fülle auftreiben konnte, war ausgerechnet Schwein! Ansonsten waren Hühner im Angebot. Obwohl letztere heute im Allgemeinen als koscher angesehen werden, fanden die Juden in Lüderitzbucht, dass Hühner nur „ein bisschen koscher“ waren. Letztere Klassifizierung wurde schließlich aufgehoben und Huhn offiziell zum Verzehr erlaubt. Chaims Frau Dina servierte dennoch niemals Fleisch – um auf Nummer sicher zu gehen. Fischgerichte wurden daher ihre Spezialität. Letzterer war dank der Küstenlage reichlich vorhanden.

Chaim war einer der talentiertesten und erfolgreichsten jüdischen Geschäftsmänner der Kolonie. In späteren Jahren expandierte er mit seinem Geschäft. Anfang der Zwanziger Jahre zog er mit seiner Familie in das günstiger gelegene Mariental und eröffnete weitere Läden. Er wurde zum führenden Händler für Waffen und Munition, verkaufte Ford-Autos, eröffnete ein Hotel und besaß schließlich eine Windmühle sowie zwei Farmen, auf denen er Schafszucht betrieb.

Anfang des 19. Jahrhunderts bekam die jüdische Gemeinde in Lüderitzbucht etwas Land zugesprochen, das sie fortan als Friedhof nutzte. Sogar eine kleine Kapelle, eine Beit Tahara wurde dort errichtet. Auf dem Jüdischen Friedhof Lüderitz befinden sich acht Gräber.

Die größte jüdische Population in Deutsch-Südwestafrika beherbergte die 1892 gegründete Stadt Swakopmund. Jüdisches Leben etablierte sich dort um 1900. Im Gegensatz zu Lüderitzbucht gab es mit dem Swakop-Fluss dort immerhin ein Gewässer, das Süßwasser führte, wenn auch von bescheidener Qualität. Des Weiteren wurde ein künstlicher Hafen mit einer Mole angelegt, der komfortableres Ausladen von Waren bzw. Aussteigen von Passagieren ermöglichte. Daher wuchs die Stadt ab 1900 rasant: Bald gab es eine Telegrafenstation, mehrere Hotels, einen Leuchtturm, einen Droschkenservice, eine Eisenbahnanbindung und natürlich florierenden Handel. Die ankommenden Juden gründeten meistens Geschäfte, nur wenige entschieden sich für das harte Leben als namibische Farmer.

In den Anfangsjahren Swakopmunds lebten die meisten jüdischen Bewohner verstreut und waren von ihrem Alltag so sehr eingenommen, dass für die Pflege jüdischer Kultur nur wenig Zeit blieb. Dies änderte sich, als dort 1905 die Israelitische Kultusgemeinde gegründet wurde, um fortan den Austausch in der jüdischen Gemeinde zu fördern. In erster Linie wurden Veranstaltungen zu den Feiertagen organisiert sowie die Vernetzung der jüdischen Bewohner angeregt. In Ermangelung einer Synagoge fanden in den Gebäuden des Vereins nun auch offizielle jüdische Gottesdienste statt.

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass die meisten Juden, die in Deutsch-Südwestafrika lebten, sich der deutschen Regierung äußerst verbunden fühlten und offen ihre Solidarität zur Schau trugen. Umgekehrt waren Juden in der deutschen Kolonie gern gesehen und erfuhren bei ihrer Ankunft Unterstützung. Hier in der Einöde rückten einfach Talente und Fähigkeiten der Bewohner in den Vordergrund. Da sich die meisten jüdischen Siedler äußerst konstruktiv verhielten und viel zum Aufbau der Region beitrugen, konnte man nicht auf sie verzichten. Die harten Lebensbedingungen gaben Antisemitismus kaum eine Chance. So ist es nicht verwunderlich, dass der erste Besuch des deutschen Gouverneurs Friedrich von Lindequist in Swakopmund am 21. November 1905 die Israelitische Kultusgemeinde dazu veranlasste, ihre Flagge zu hissen und den Gouverneur mit einem Brief offiziell willkommen zu heißen. In jenem Schreiben bezeugen sie ihre Treue zum deutschen Kaiser. Die Antwort im Auftrag des Gouverneurs Lindequist in Form eines Dankesbriefs ist ebenfalls erhalten.

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 fiel das mit Großbritannien verbündete Südafrika in Deutsch-Südwestafrika ein. Die Deutschen mobilisierten ihre Kolonialtruppen, um die Kolonie zu verteidigen – jedoch vergebens. Am 9. Juli 1915 wurde Südwestafrika an Südafrika übergeben.

Es ergab sich, dass auch einige deutsche Juden für die kaiserliche Kolonialtruppe (genannt „Schutztruppen) kämpften. Einer von ihnen war Ernst Luchtenstein, der sich freiwillig für die kaiserlichen Truppen gemeldet hatte. Er war der Sohn von Joseph Luchtenstein, der 1903 mit seiner Frau und seinen drei Kindern von Ostpreußen nach Deutsch-Südwestafrika ausgewandert war.
Joseph kaufte schließlich in Keetmanshoop eine Farm, auf der auch seine Söhne Ewald und Ernst arbeiteten. Ernst wurde 1893 geboren, verbrachte also seine Kindheit in der Kolonie. 1914 meldete er sich für die Schutztruppe, genau wie sein Vater und sein Bruder Ewald. 1915 geriet er in südafrikanische Kriegsgefangenschaft, konnte sich jedoch bald befreien. Fortan versteckte er sich in den Karasbergen im Südosten Namibias. Der Krieg war ein paar Wochen später vorüber.

Ernst verbarg sich jedoch noch ein ganzes Jahr, da er das Kriegsende nicht mitbekam. Nachdem man ihn polizeilich suchte, wurde er schließlich gefunden und über die Neuigkeit informiert. Er lebte von nun an wieder als Farmer, bis er 1967 mit seiner Frau Wilhelmina in die südafrikanische Kapprovinz übersiedelte, wo er 1973 im Alter von 80 Jahren starb.

Heute ist der jüdische Bevölkerungsanteil in Namibia nur noch verschwindend gering. Die meisten von ihnen leben mittlerweile in der Hauptstadt Windhoek.

Auch wenn viele Spuren des jüdischen Lebens in Namibia heute nur noch Relikte der Vergangenheit sind, sind sie dennoch bemerkenswerte Zeugnisse eines Volkes, das einst aufbrach, um in der Fremde nach der Freiheit zu suchen, die eigene Kultur ohne Sanktionen ausleben zu können. In Namibia haben Juden diese Freiheit gefunden.

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