September 8, 2017 – 17 Elul 5777
Jüdische Geschichte in der Slowakei

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Die Wiederentdeckung und Pflege jüdischen Kulturerbes in Bratislava / Pressburg  

Von Andreas Edom und Janet Ben Hassin

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es 136.000 bekennende jüdische Bürger in der Slowakei. Auch nach dem Holocaust, der 105.000 von ihnen das Leben gekostet hatte, dünnte sich die jüdische Gemeinschaft weiter aus, so dass heute nur etwa ein Prozent der ursprünglichen jüdischen Bevölkerung übriggeblieben ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg assimilierte sich ein Teil; viele verloren während des Kommunismus den Bezug zum Judentum, weil kulturelle und soziale Aktivitäten jeglicher Glaubensrichtungen unterdrückt wurden. Der letzte große Verlust kam durch die Emigrationswelle im Jahr 1968, wo nicht nur jüdische, sondern ganz allgemein sehr viele junge und intellektuelle Familien die Tschechoslowakei verließen – aus Angst vor den Folgen der Besetzung durch die Truppen des Warschauer Paktes im sogenannten Prager Frühling.

So ist die jüdische Gemeinde in Bratislava/Pressburg mit etwa 500 Mitgliedern heute die größte in der Slowakei, gefolgt von jener im ostslowakischen Kosice/Kaschau mit 250 jüdischen Bürgern. Ein großer Teil der Eltern und Großeltern der heute in Bratislava/Pressburg lebenden Juden hat seine Wurzeln aber nicht in dieser Stadt, sondern auf dem Lande.

Nach dem Krieg fanden sich viele der in die Dörfer Zurückkehrenden als einzige überlebende Familienmitglieder wieder. Die Häuser waren samt Inventar von Nachbarn in Besitz genommen worden, sodass vielen die Lebensgrundlage genommen war und sie eine neue Existenz in großen Städten wie Prag oder Bratislava gründen mussten.

Obwohl die Zahl der Juden in der Slowakei so klein ist, wurden sie sofort nach der Revolution von 1989 und der Befreiung vom Kommunismus vom Staat als religiöse Gemeinschaft und kulturelle nationale Minderheit anerkannt. Dieser Status ermöglicht eine staatliche Förderung von jährlich etwa 60.000 Euro, die für kulturelle Veranstaltungen zu jüdischen Themen im ganzen Land verwendet werden können. Außerdem wurde 1993 im ehemaligen jüdischen Viertel eine Abteilung des slowakischen Nationalmuseums eingerichtet – das Museum der jüdischen Kultur – das Kultur und Geschichte der Juden der ganzen Slowakei zeigt.

Die jüdische Gemeinde in Bratislava jedoch wollte eigene Kulturpolitik und Denkmalpflege betreiben und hat deswegen im Jahr 2012 ein besonderes jüdisches Gemeindemuseum in der einzigen in Bratislava noch existierenden Synagoge auf der Heydukova-Straße eingerichtet. Zwischen Mai und Oktober ist die Synagoge mit integriertem Museum am Freitag und am Sonntag für Besucher zugänglich. Das Gemeindemuseum beschränkt sich darauf, die Geschichte der Juden in Bratislava zu erzählen. Dafür stehen sehr wertvolle Exponate zur Verfügung, die aus der nicht mehr existierenden Neologen-Synagoge gerettet und dazu noch aus der ganzen Welt zusammengetragen wurden.

Ein wichtiger Teil der Sammlung besteht aus wertvollen und aufwändig dekorierten Textilien (Parochets, Kapporets, Gewandungen für Thora und Bima), welche zur Erfüllung der Chiddur Mitzvah gespendet worden waren. Die Ausstellungsfläche ist nur etwa 200 qm groß, umfasst jedoch eine umfangreiche Sammlung mit etwa 900 Objekten. Sie befindet sich im ersten Stock der Synagoge, auf der ehemaligen Frauengalerie. Die Synagoge selbst stellt eine Mischung aus moderner und traditioneller Architektur dar. Neben den kubistischen Fenstern (typisch für die Architektur der 1920er Jahre in Bratislava und den Stil der jungen tschechoslowakischen Republik) finden sich in der Synagoge an den Leuchtern auch traditionelle Elemente. Solche sogenannten Judenstern-Lampen fand man im Mittelalter in Deutschland in vielen jüdischen Haushalten. Auch Moritz Oppenheim malte sie auf seinen Gemälden im 19. Jahrhundert.

Jüdisches Kulturerbe findet man leider in Bratislava nicht mehr so offensichtlich wie in Prag oder im burgenländischen Eisenstadt, wo es bis heute jüdische Viertel gibt. Während des Kommunismus wurde sogar mehr zerstört als zur Zeit des Nationalsozialismus. Durch das Gebiet, wo sich bis 1969 das jüdische Zuckermandel-Viertel mit der Neologen-Synagoge befand, führt heute von der Brücke des nationalen Aufstands aus eine der Hauptverkehrsadern ins Stadtzentrum. Bis auf ein Haus stehen alle Gebäude nicht mehr.

Wie es dennoch gelungen ist, Orte jüdischen Kulturerbes zu erhalten, sieht man am wertvollen Beispiel der Chatam-Sofer-Gedenkstätte. Am Fuße des Berges unterhalb der Pressburg befand sich bis zum Jahr 1944 ein jüdischer Friedhof, auf dem unter anderen alle Rabbiner der Stadt beigesetzt wurden. Für die Verbindung des Stadtzentrums mit den westlichen Donauvororten durch eine Straßenbahn wurde ein Tunnel durch den Berg getrieben. Da sich der Friedhof genau vor dem Ausgang des Tunnels befand, musste er beseitigt werden. Nur ein kleiner Teil mit dem sogenannten Rabbi-Bezirk aus 23 Rabbi-Gräbern um das Grab von Chatam Sofer wurde gerettet. Vor der jüdischen Überzeugung, dass Gräber von Rabbinern nicht angefasst werden durften, ohne zu erkranken und zu sterben, hatten sogar die Nazis Respekt. Nach langen Verhandlungen wurde der Boden zwischen Tunnel und dem Rabbi-Bezirk für die Straßenbahn-Trasse aufgeschüttet, sodass dieser Teil des Friedhofs am Originalplatz verbleiben konnte. Er wurde in eine Betonwanne eingemauert und mit einer Betonplatte abgedeckt, damit ab 1954 die Straßenbahn bis heute über ihn hinwegrollen konnte. Vor 1999 gab es Zugang nur über einen engen senkrechten Kanaleingang, der mit einer Eisenplatte verschlossen war. Mit Fertigstellung der heutigen Chatam-Sofer-Gedenkstätte im Jahr 2002 wurde sie dann zu einer der wichtigsten jüdischen Pilgerstätten in Europa.

Chatam Sofer (1762-1839), geboren 1762 als Moshe Schreiber in Frankfurt am Main, war einer der wichtigsten jüdischen Autoritäten der Neuzeit. In den 33 Jahren bis zu seinem Lebensende errichtete und prägte er die bekannte Pressburger Jeschiwa, die zur damaligen Zeit ein wichtiges Zentrum der traditionellen jüdischen Lehre in Europa war. Chatam ist eine Abkürzung für Hidushey Tora Moshem und bedeutet „der Erneuerer der Thora von Moses“. Sofer ist hebräisch für „Schreiber“, also jemanden, der eine Thora-Rolle geschrieben hat.

Das pädagogische Konzept, das er damals einführte, wird bis heute praktiziert, wenn der Talmud unterrichtet wird. Rabbiner aus der ganzen Welt konsultieren seine insgesamt 68 Bücher zu wichtigen Fragen aus dem jüdischen Leben. Deswegen kommen viele orthodoxe Juden aus der ganzen Welt zu Besuch hierher. Viele US-Juden machen auf dem Weg nach Israel einen kurzen Zwischenstopp im 60 km entfernten Wien und kommen mit Bus oder Taxi hier vorbei um zu beten.

Die Gedenkstätte ist somit kein bloßes Museum, sondern ein Ort des Gebets. Durch ein schwarzes Tor gelangt man in einen unterirdischen Gebetsraum, von dem aus man auf die Grabkammer hinunterblicken kann. Aus der Grabkammer ragen Glasstäbe durch die Decke nach außen und sollen nach Auffassung des Architekten die Zerbrechlichkeit des Glaubens symbolisieren. Morgens bricht sich das Sonnenlicht in den Spitzen der Glasstäbe und erzeugt eine besondere schöne spirituelle Atmosphäre innerhalb der Grabkammer, die bei den Besuchern schon mal Gänsehaut verursachen kann.

Die Gedenkstätte wird nur nach vorheriger persönlicher Anfrage beim Leiter Herrn Machač (memorial@znoba.sk) für Gruppen und einzelne Pilger geöffnet. Herr Machač ist Pressburger, im früheren jüdischen Zuckermandel-Viertel aufgewachsen und spricht Deutsch als Muttersprache.

Mit freundlicher Unterstützung des Deutschen Kulturforums „Östliches Europa“ in Potsdam.

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