Mai 11, 2016 – 3 Iyyar 5776
Jom haAtzma’ut

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Trauer und Glück liegen nah beieinander  

Von Monty Aviel Ott

Auf jüdischen Hochzeiten, Tagen des Glücks und der Freude gibt es immer einen ambivalenten, einen traurigen Augenblick. Der Moment, wenn das Glas zertreten wird und wir uns selbst in absoluter Höchststimmung bewusst machen, dass es Übel und Leid auf dieser Welt gibt. Das Zertreten des Glases führt uns dabei konkret die Zerstörung des Tempels vor Augen. Doch nicht nur an Hochzeiten liegen Glück und Leid nah beieinander. Sondern auch an Jom haAtzma’ut, dem israelischen Unabhängigkeitstag.

„Gleich allen anderen Völkern, ist es das natürliche Recht des jüdischen Volkes, seine Geschichte unter eigener Hoheit selbst zu bestimmen.“ Mit diesen Worten begründete David Ben-Gurion in einem Haus in Tel Aviv den Staat Israel. Er beruft sich dabei auf die Worte Theodor Herzls, der exakt ein halbes Jahrhundert zuvor erklärt hatte, dass in 50 Jahren jeder einsehen würde, dass er den Judenstaat auf dem Zionistenkongress begründet habe. Die Geschichte gab ihm Recht und heute floriert das Land im Nahen Osten. Doch Herzls Utopie „Altneuland“ wurde nicht ganz wahr. Eine gelungene Auseinandersetzung von Herzls Gedankenspielen und dem, was aus ihnen geworden ist, findet sich in Johannes Bockenheims Reportage „Chuzpe, Anarchie und koschere Muslime“.

Doch nach Herzls Tod übernahmen andere das Ruder und der Zionismus entwickelte sich, und spaltete sich in diverse Richtungen auf. Vorerst waren die Chalutzim, die sozialistisch-zionistischen Pioniere, prägend für den Aufbau des Staates. Ihr Traum von einem sozialistischen Judenstaat fand zu jener Zeit der großen Blockkonfrontation von unerwarteter Seite Anklang. So war es die Sowjetunion, die die Gründung Israels forcierte und während des Unabhängigkeitskrieges die kämpfenden zionistischen Gruppen (über ihren Vasallen Tschechoslowakei) mit Waffen versorgte. Erst später wandelte sich dieses Verhältnis, was unter anderem an Stalins rigidem Antisemitismus lag. Die USA wurden zu einem entscheidenden strategischen Partner, der bis heute ein wichtiger Verbündeter ist. Der Judenstaat musste etliche Kriege überstehen und schaffte es trotz der dauerhaften Bedrohungslage – die von einem Großteil der arabischen Nachbarstaaten ausging – ein demokratischer Rechtsstaat zu bleiben.

Es gibt also genug Anlass, um jedes Jahr erneut zu feiern, denn Israel ist tatsächlich ein Wunder. Hierbei klingt Ben-Gurions gängiges Bonmot im Hintergrund: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Doch wie der Blick auf jüdische Hochzeitsrituale zeigt, wäre Jom haAtzma’ut kein echter jüdischer Feiertag, wenn man sich nicht auch der Trauer bewusst wäre.

Und so geht dem Tag, an dem überall aufblasbare blauweiße Baseballschläger geschwungen werden und Kinder eine Mischung aus Rasierschaum und Sahne versprühen, der Tag der Trauer voraus: Jom haZikaron, der „Gedenktag an die gefallenen israelischen Soldaten und Opfer des Terrorismus“. Dieser Tag ist auch bitter notwendig, da Israel einen großen Preis für seine Unabhängigkeit zahlen musste. Dabei hatte Ben-Gurion in der Nacht der Unabhängigkeit die Friedenstaube in Händen gehalten: „Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem unabhängigen hebräischen Volk in seiner Heimat auf.“

Die Friedenstaube wurde vom Himmel geschossen. Zwar erzielte man Erfolge mit Ägypten und Jordanien, aber der sogenannte Friedensprozess ist heute ein Schatten seiner selbst. (…)

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