März 3, 2017 – 5 Adar 5777
Jechia al-Sinwar, der neue Chef der Hamas

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Porträt eines Mörders  

  • März 3, 2017 – 5 Adar 5777
  • Politik, Welt
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Von Michael Guttmann

Der neue Mann heißt Jechia al-Sinwar, auch bekannt unter Abu Ibrahim, stammt aus Khan Junis, eine Stadt im Süden des Gazastreifens, ist 55 und verbrachte bereits 23 Jahre wegen mehrfachen Mordes in israelischen Gefängnissen bis er im sogenannten Schalit-Deal 2011 freikam. Er gehört dem militärischen Arm an, der größten Organisation der Hamas, spricht perfekt Iwrit und gilt allgemein als extrem brutaler Typ. Sein jüngerer Bruder Mohamed ist Kommandant der Khan-Junis-Brigade und gehörte zu den Initiatoren der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit.

Über fünf Jahre sind vergangen, seitdem al-Sinwar aus der Haft entlassen wurde und an die Spitze der Hamas gelangte. Am Beginn seiner Laufbahn stand die Gründung des Geheimdienstes der Hamas „el Magad“, dessen wichtigste Aufgabe es war, „Palästinenser“, die der Kooperation mit Israel verdächtig schienen, zu eliminieren. Er war Mitbegründer des militärischen Arms und hat eigenhändig mehrere „Palästinenser“ ermordet. Daraufhin wurde er 1988 zu viermaliger lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis hat er Iwrit gelernt. Unter den Mitgefangenen war er bekannt durch sein Talent für die Herrichtung von pikantem Manafa, ein Gebäck aus Käse, Nudeln und Gewürzen. Im Verlaufe der Haft unterzog er sich mehreren medizinischen Behandlungen und einer komplizierten Kopfoperation, die ihm das Leben retteten.

Seine Aufsichtsbeamten schildern ihn als rauen, hartnäckigen Asketen, willensstark mit eiserner Selbstdisziplin, aber unerbittlich. Während der langen Verhandlungen um den Gefangenen-Austausch leistete er aus dem Gefängnis dagegen Widerstand. Obwohl er an führender Stelle der Austausch-Liste stand, drängte er aus der Haft darauf, dass die „Palästinenser“ den Schalit-Deal nicht unterschreiben, um Israel immer höhere Quoten abzutrotzen. Sofort nach seiner Haftentlassung stellte er klar, dass diese Taktik die effektivste ist, um weitere Gefangene freizupressen. Er forderte, neue Israelis zu kidnappen.

Kompromisslos kämpfte sich al-Sinwar nach seiner Entlassung an die Spitze der Hamas.
Al-Sinwar ist nicht der Typ des klassischen Führers. Er meidet öffentliche Auftritte und scheut die Medien wie ein gebranntes Kind das Feuer. Im Gegensatz zur großen Mehrheit der Hamas-Führung meidet er öffentliche Veranstaltungen. Eine Ausnahme bildete der Empfang der gegen den Soldaten Schalit Ausgetauschten. Keine Scheu hatte er in Auseinandersetzungen mit Personen, die bei der Hamas einen Helden-Status genießen, wie z.B. Mohamed Daff, dem Chef des militärischen Arms, denn beide zählen zu den Gründungsveteranen.

Mit seiner Askese und Skrupellosigkeit verschaffte sich Al-Sinwar Gehorsam und Furcht. So konnte er Personen, die ihm auf seinem Weg nach oben ein Hindernis waren, ausschalten. So z.B. den Chef des Zaiton-Bataillons, Machmud a-Ischtiwi, einer der Meteoriten des bewaffneten Arms, der 2015 durch al-Sinwar-Getreue verhaftet, gefoltert und schließlich eliminiert wurde. Vorgeworfen wurden ihm moralische Verfehlungen (Homosexualität) und Beziehungen zu Israel – beides ein lebensbedrohlicher Rufmord in Gaza.

Die Wahl von al-Sinwar gilt als bedeutender Sieg der Radikalen in der Führung. Sein Vorgänger Ismail Hanija löst den von aus Katar residierenden Chef des Politbüros der Hamas, Chaled Maschal ab, der für eine erneute Kandidatur nicht mehr antrat. Zum Stellvertreter von al-Sinwar wurde Chalil el-Chaja, ebenfalls ein Spitzenmann aus dem Politbüro, und seinerzeit Mitglied des Verhandlungsteams im Schalit-Deal. Mehr als offensichtlich ist das Führungskarussell Ausdruck innerer Machtkämpfe an der Spitze der Hamas, in der die extrem Radikalen gesiegt haben und die weniger Radikalen gehen mussten.

Hamas-Kenner berichteten dem Jasira-Netz, dass die personellen Entscheidungen im inneren Kreis der Hamas-Spitze beschlossen wurden. Demzufolge musste Maschal seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger wurde Hanija, der kommissarisch von Imad el-Almi vertreten wurde, bis al-Sinwar, ein Vertrauter des Kommandeurs des militärischen Arms Mohamed Daff, auf diese Position rückte. Laut Jasira setzt al-Sinwar voll auf die militärische Doktrin und ist nicht bereit sich auf Gespräche mit Israel einzulassen. Er gilt somit als einer der radikalsten Hardliner der Hamas. Die deutsche Presse ist sich in der Beurteilung des neuen, nun zweitwichtigsten Mann der Hamas ziemlich einig: „Skrupellos und gefürchtet auch in den eigenen Reihen“. „Ihm eilt der Ruf voraus, buchstäblich über Leichen zu gehen, um die eigene Machtbasis auszubauen. Mit ihm hat der militärische Flügel deutlich an Einfluss gewonnen.“ (BZ)

Ob der militante neue Hamas-Chef al-Sinwar die Waffenruhe seit dem letzten militärischen Konflikt mit Israel 2014 weiterhin einhält, ist wieder fraglicher geworden, denn er befürwortet Kontakte zu den Salafisten in Gaza und dem IS auf Sinai, die den Krieg mit Israel suchen. Weiterhin kritisch bleiben damit auch die Beziehungen zu Ägypten und zur Aussöhnung mit der Fatah in Judäa und Samaria. Es bleibt abzuwarten, wie weit er sich in diesen umstrittenen Fragen durchsetzen wird.

Der Schalit-Deal
Fünf Jahre lang war der Soldat Gilad Schalit in Geiselhaft. Er wurde am 25. Juni 2006 auf israelischem Territorium von einem „palästinensischen“ Kommando verschleppt. An der geplanten Aktion waren drei „Palästinenser“-Gruppen, darunter die Hamas, beteiligt. Immer wieder gab es vergebliche Vermittlungsversuche u.a. durch Ägypten und einen deutschen Rechtsanwalt. „Israel hat sich in mühsamen Verhandlungen mit der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas geeinigt“, sagte der israelische Ministerpräsident Netanjahu, als die Abmachung im Oktober 2011 unterschrieben war. Es wurden 1.027 Gefangene, darunter 27 Frauen, in zwei Phasen gegen den Soldaten Schalit, der nicht einmal seine Rekrutenzeit absolviert hatte, ausgetauscht. Zehntausende „Palästinenser“ bejubelten die Freigelassenen als „Sieg des Widerstands“. In Israel war die Freilassung der „palästinensischen“ Gefangenen umstritten. Etwa 450 von ihnen waren an tödlichen Anschlägen beteiligt. Es wurde befürchtet, dass sie in Zukunft wieder Menschen bei Anschlägen töten könnten.

Der militärische Arm
Die altbekannten Ziele des militärischen Arms der Hamas wurden im Dezember 2016 anlässlich des 29. Jahrestages der Bewegung durch die Spitzenfunktionäre unter der Losung „El-Kuds – Schwur und Treue“ leidenschaftlich wiederholt: Treue zum Dschihad; Fortsetzung des bewaffneten Kampfes bis zur vollständigen Befreiung Palästinas „vom Meer bis zum Strom“ (vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss); Vernichtung des „zionistischen Gebildes“. Natürlich durfte an so einem Tag eine Militärparade nicht fehlen. „Wir werden unseren Kampf Tag und Nacht, auf und unter der Heiligen Erde bis zur Befreiung fortsetzen“, versicherten Hamas-Aktivisten. Der Kommandeur Mohamed Daff drohte, den Kampf gegen Kollaborateure und Verräter zu intensivieren. Er appellierte an die „Palästinensische“ Autonomiebehörde und Fatah in Judäa und Samaria ihre Abstimmungen über Sicherheitsprojekte mit Israel aufzugeben und die Hamas-Option der Befreiung anzunehmen.

Seit die Hamas im Gaza regiert, gab es zweimal Krieg mit Israel: 2006 und 2014. Von dem Moment an, wo die Bilder von toten und verwundeten Zivilisten um die Welt gingen, hat die Hamas stets gewonnen, konnten diese arabischen Krieger die israelischen Soldaten vorführen. Zahlreich waren die Bilder des Grauens. Fotos, die dokumentieren wie die Hamas das alles vorbereitet hat, blieben rar. Hamas diktierte den Kampf, die Feuerpausen ebenso wie deren Verletzungen und sie stellten bereits neue Geldforderungen an internationale Fonds für den Wiederaufbau.

Werden die Deutschen das bekannte Spiel wieder mitmachen, wenn der neue Machthaber al-Sinwar Krieg provoziert? Werden unsere Politiker erneut die Rückkehr zur Zwei-Staaten-„Lösung“, die die Hamas strikt ablehnt, und unsere Nahost-Experten ihre Empfehlungen mit der Hamas zu verhandeln, wiederholen? Schon wären wir wieder in dem alten Kreislauf.

Wir werden wieder zusehen wie das Geld für die vermeintlichen Opfer fließt, das abermals in dunklen Kanälen versickert. Wir werden erfahren, wie von den Baumaterialien erneut tonnenweise Beton und Stahl für Tunnel und protzige Villen der Funktionäre abgezweigt werden. Viele werden wieder auf Sympathie-Kundgebungen gemeinsam mit radikalen Linken und Neonazis gegen Israel skandieren.

Die Hamas hat unter Typen wie al-Sinwar neue Dimensionen des Terrors geschaffen. Aus einzelnen Märtyrern ist ein System entstanden, in dem die eigene Bevölkerung massenweise als lebende Schutzschilder in Geiselhaft gehalten wird. Wiederholt hat sich erwiesen, dass die „Palästinenser“ unfähig sind, mit diesen Galgenvögeln einen geordneten Staat aufzubauen.

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