Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
Jamim Noraim – die hohen Feiertage des Jahres

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Rosch HaSchana und die Feiertage des Monats Tischrej  

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Es ist allen bekannt, dass wir im Herbst mit Rosch Haschana, Jom Kippur, Sukkot, Schmini Atzeret und Simchat Torah viele jüdische Feste feiern. Normalerweise wird ein Teil davon im September gefeiert und ein Teil im Oktober.
Jedoch ist dieses Jahr anders: alle Herbst-Feiertage fallen auf den Monat Oktober. Und wenn man den Kalender anschaut und feststellt, dass es keine Woche ohne arbeitsfreie Tage gibt, dann denkt man: wow, das sind aber echt viele!
Warum also gibt es so viele Feiertage innerhalb so kurzer Zeit? Was ist die Idee dahinter und was sollen wir nach dem ganzen Feiern für unser Leben mitnehmen?

Rosch Haschana - kein Neues Jahr!
Alle diese Feiertage werden im jüdischen Monat Tischrej gefeiert: am 1. und 2. Tischrej - Rosch Haschana, am 10. Tischrej - Jom Kippur, von 15. und bis 21. Tischrej - Sukkot, am 22. Tischrej - Schmini Atzeret und im Chutz laAretz (außerhalb Israels) am 23. Tischrej - Simchat Tora.
Da alle diese Feiertage aus dem G’ttlichen Ursprung stammen, haben sie alle eine tiefe und mehrschichtige Bedeutung und oft ist der Sinn und das Ziel jedes einzelnen Festes ganz anders, als wir es uns vorstellen.
Das beste Beispiel dafür ist der Rosch Haschana, das allgemein als Neujahrsfest bekannt ist.
Eigentlich ist Rosch Haschana aber kein Jahresbeginn: der Monat Tischrej ist der 7. Monat des jüdischen Kalenders und kann deshalb schlecht als Anfang des Jahres genannt werden. Auf jeden Fall ist dieser Feiertag nicht das, was wir uns allgemein unter “Neues Jahr” vorstellen.
Gut möglich, dass diese Verwechselung von der Übersetzung „Rosch Haschana“ (Kopf des Jahres) kommt.
Bemerkenswert ist, dass in der Thora dieses Fest eigentlich „Jom haTrua“ (Tag des Schofar-Blasens) heißt. Rosch Haschana wurde es von unseren Weisen genannt. Damit haben unsere Weisen nicht den Jahresbeginn gemeint, sondern die viel tieferen Aspekte dieses Feiertages.

Lass G’tt rein!
Das Rosch Haschana-Fest hat einen historischen Ursprung: laut unseren Weisen wurde die Welt sechs Tage vor dem 1. Tischrej, also am 25. Elul, von G’tt erschaffen. Und wie der Thora zu entnehmen ist, wurde am 6. Tag nach dem Schöpfungsbeginn der erste Mensch Adam erschaffen.
Am gleichen Tag hat er mit seiner Frau vom Baum der Erkenntnis gegessen und wurde am selben Tag auch gerichtet. Deshalb ist Rosch Haschana eigentlich der Tag des Gerichts (und nicht Jom Kippur, wie es viele denken). Und jedes Jahr werden alle Wesen auf dieser Welt gerichtet: diejenigen, die es verdienen, werden ins Buch des Lebens eingeschrieben, diejenigen, die viel gesündigt haben, werden gleich ins Buch des Todes eingeschrieben und bei manchen wartet G’tt noch bis Jom Kippur ab.

Warum aber fürchten wir uns nicht vor diesem Tag, sondern nehmen ihn sogar als Feiertag? Weil es auch einen anderen wichtigen Aspekt gibt: an diesem Tag wird G’tt von uns zum König der Welt erklärt. Denn erst als der Mensch auf der Welt war, hat G’tt ein Gefolge bekommen, das Ihn freiwillig krönen konnte.
Es gibt einen bekannten Spruch vom Kotzker Rebbe: „G’tt ist dort, wo du Ihm die Tür öffnest“.
Und gerade deshalb ist Rosch Haschana ein Feiertag: wir entscheiden an diesem Tag freiwillig nicht nur die Tür in unser Leben für G’tt zu öffnen, sondern krönen Ihn auch zum König. Und wir hoffen, dass unser König nicht vergessen wird, wer Ihn gekrönt hat und dass Sein Urteil vor Gericht zu unseren Gunsten ausfällt.
Deshalb nannten unsere Weisen dieses Fest „Kopf des Jahres“: so wie vom Kopf die Richtung der Körperbewegung abhängt, so hängt von diesem Tag unsere „Bewegung“ durch die nächsten 12 Monate bis zum nächsten „Gerichtstermin“ ab.

Tag der Versöhnung
Auch andere Feste des Monats Tischrej haben ihre bedeutungsvolle Besonderheiten.
Der Jom Kippur, der allgemein als Abschluss von „Aseret Jemej T’schuva“ (10 Tage der Umkehr) wahrgenommen wird, hat eine eigene Geschichte, die mit Rosch Haschana nichts zu tun hat.
Als die Juden, die mit Mosche Rabejnu aus Ägypten ausgezogen sind, keine 40 Tage nach dem Thora-Empfang das Goldene Kalb erschaffen haben, war der Zorn G’ttes sehr groß. Und für Mosche hat es 120 Tage gedauert, um die vollständige Sühne für das Volk zu bekommen. Und der letzte und entscheidende Tag fiel auf den 10. Tischrej! Deshalb hat G’tt diesen Tag für alle Generationen als das Fest der Sühne und der Versöhnung gewählt.
Jedoch wird an diesem Tag nicht alles und nicht jedem verziehen: die Sünden zwischen dem Menschen und seinem Nächsten werden nur dann verziehen, wenn der Mensch dem Geschädigten den Schaden bezahlt hat und von ihm die vollständige und aufrichtige Vergebung bekommen hat. Erst dann kann auch G’tt dem Schädiger seine Fehler verzeihen.
Deshalb gibt es den bekannten Brauch, sich vor Jom Kippur bei den Verwandten, Freunden und Kollegen, um Entschuldigung zu bitten. Jedoch muss man aufpassen, dass diese Bitten aufrichtig gemeint sind und nicht zur Routine werden.

Zeit für Freude
Nach den ernsthaften und mit vielen Gebeten gefüllten Hohen Feiertagen kommen wir zu den fröhlichsten Festen des Jahres: Sukkot, Schmini Atzeret und Simchat Torah.
Auch diese Jomim Tovim haben ihre einzigartigen Gebote und Bräuche.
Der Gesetzeskodex „Schulchan Aruch“ empfiehlt gleich nach dem Ausgang von Jom Kippur mit dem Bau von der Sukka (Laubhütte) zu beginnen.
Damit soll ein Zeichen gesetzt werden: wir haben den Jom Kippur nicht „irgendwie überlebt“, sondern haben aufrichtige T’schuva (Umkehr) gemacht. Wir wollen nicht zu Facebook oder Instagram übergehen, sondern gleich eine Mitzwa erfüllen. Und der Bau der Sukka für das kommende Sukkot-Fest ist eine sehr passende Gelegenheit, schließlich sind nur noch vier Tage bis zum Sukkot-Anfang geblieben.
Diese Promptheit zeigt auch, dass wir eine große Vorfreude für die restlichen Feiertage empfinden.
Man sagt zwar, dass die Vorfreude die beste Freude ist, aber das ist in unserem Fall nicht zutreffend: die richtige Freude soll uns vom Anfang des Sukkot bis zum Ende des Simchat Torah begleiten. Dabei soll diese Freude nicht nachlassen, sondern sich steigern und am letzten Festtag alle Grenzen sprengen.

„Frejlech soll sein…“
Dabei ist die Simcha (Freude) am Sukkot und Schmini Atzeret ein Gebot der Thora: „ Sieben Tage feiere dem G’tt deinem Herrn… und sei nur fröhlich“ steht im 5. Buch Moses (16:15).
Doch woher soll die Freude kommen?
Unsere Weisen geben mehrere Antworten auf diese Frage: erstens, wir haben die Tage des Gerichts hinter uns und hoffen, dass wir alle im Buch des Lebens eingeschrieben sind und ein gutes Jahr vor uns haben.
Zweitens, in Israel war im Tischrej normalerweise schon die ganze Ernte geerntet und damit die Existenz für ein Jahr gesichert. Das alles gab natürlich einen Grund zur Freude.
Auch wenn wir heutzutage keine Felder mehr haben und keine Ernte ernten, sollten wir trotzdem versuchen fröhlich zu sein. Dafür müssen die Ehemänner an die Geschenke für ihre Ehefrauen denken und die Süßigkeiten für ihre Kinder vorbereiten.
Und worauf soll sich der Mann selber freuen? Auf ein besonders gutes Essen und Wein. Unsere Weisen sagen, dass es fast ein Gebot ist, am Chol haMoed (Halbfeiertage) jeden Tag etwas Wein zu trinken, denn wie es im Psalm 104:15 geschrieben steht: „Wein erfreut der Herz des Menschen“.

Wenn Thora zur Freude wird
Jedoch erreicht die Simcha ihren Höhepunkt erst beim letzten Feiertag: wir haben keinen Schofar, keine Laubhütte und keine „Arbaa Minim“ („Vier Arten“) mehr. Alles, was uns noch bleibt, ist die Thora.
Und wenn es zu den Hakafot am Simchat Torah kommt, dann spielen bei den Tänzen die Unterschiede keine Rolle: Reiche und Arme, Vorsitzende und einfache Mitglieder, Gelehrte und (noch) nicht viel Wissende – alle vereinen sich in einem Kreis, um mit der Thora zu tanzen.
Dann sind alle in der Liebe zur Thora vereint und allein das ist schon ein perfekter Grund zur Freunde!

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