Januar 4, 2016 – 23 Tevet 5776
Ist Schreiben unbedeutend?

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Die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev überlebte einen Bombenanschlag  

Von Simone Scharbert

Im neuen Roman „Schmerz“ der israelischen Bestsellerautorin Zeruya Shalev geht es um familiäre Beziehungen, persönliche Handlungsspielräume und die Frage, was Schmerz für unsere Leben bedeuten kann.

Zeruya Shalev hat es wieder geschafft. Sie hat nach ihrem letzten Roman „Für den Rest des Lebens“ erneut ein Buch geschrieben, das man manchmal kurz aus der Hand legen muss. Weglegen muss, um kurz Luft zu holen, nachzudenken. Um sich daran zu erinnern, dass das alles nur Fiktion und nicht die eigene Gegenwart ist. Die israelische Bestsellerautorin nimmt einen auch dieses Mal nahezu erbarmungslos mit auf die Reise ins Innere ihrer Protagonisten. Dass sie es dabei schafft, grundsätzliche Alltags- und Beziehungsprobleme so treffend und charakteristisch in Szene zu setzen, ist nur eine der großen Qualitäten Zeruya Shalevs als Erzählerin. In Siri Hustvedts Roman „Später Sommer“ heißt dieses familiäre Prinzip „Risse aushalten“ und bildet die inhaltliche Struktur ab. „Risse aushalten“, das betrifft Beziehungen zwischen Frau und Mann genauso wie zwischen Mutter und Tochter oder auch Fragen der eigenen Identität. Bei Zeruya Shalev kommen oft die existenziellen Abgründe einer Entscheidung hinzu. Entscheidungen, die bereits Vergangenheit sind, aber die Gegenwart auf den Kopf stellen. Oder Entscheidungen, die Zeruya Shalevs Protagonisten in innere Zweifel und Dilemmata versinken lassen. Und immer auch ihr sprachliches Äquivalent finden. Es sind Sätze wie „ihr Leben strömt wie Abwasser“, die einen kurz stocken lassen. Oder: „Wir glauben, dass unser Haus sauber ist, wenn wir jeden Tag den Abfall in die Mülltonne kippen, wir glauben, dass unsere Körper sauber sind, wenn wir sie unter der Dusche schrubben, aber der gefährlichste Abfall versteckt sich unter unserer Haut, ihn kann man nicht entfernen …“.
Innere Prozesse beschreibt Zeruya Shalev mit einem Alltagsvokabular, das die seelischen Brüche konterkariert, und ihnen so noch mehr Nachdruck verleiht.

Biografisches spielt eine große Rolle in den Romanen von Zeruya Shalev. Wie ihre vorangegangene Trilogie, angeführt von dem von Reich-Ranicki gefeiertem Debüt „Liebesleben“, landete auch ihr letztes Buch „Für den Rest des Lebens“ schnell auf den Bestsellerlisten. Eine Adoptivgeschichte mit klaren Parallelen zum eigenen Leben. Zeruya Shalevs jüngster Sohn ist adoptiert, die Für und Wider einer solchen Entscheidung flicht sie in einen spannenden Erzählfluss ein. In ihren Geschichten finden sich immer wieder biografische Anleihen – sowohl Orte betreffend, als auch auf familiäre Koordinaten bezogen.

Geboren wird sie 1959 im Kibbuz Kinnereth, das im Norden Israels am See Genezareth liegt und 1913 gegründet wird. Ihr Vater Mordechai Shalev ist einer der wichtigsten Literaturkritiker und Bibelwissenschaftler des Landes, sie selbst wird später Bibelwissenschaft an der Jerusalemer Universität studieren, bevor sie dann als Verlagslektorin arbeitet. Dass Bibelmotive fast ebenso wichtig wie biografische Einsprengsel sind, zeigt ihr neuester Roman „Schmerz“.

Zeruya Shalev erzählt die Geschichte von Iris. Eine Frau, die bei einem Selbstmordattentat in Israel schwer verletzt wird, nur knapp überlebt und viele Operationen über sich ergehen lassen muss. In einem mehr oder weniger zusammengeflickten Körper bestreitet sie ihr weiteres Leben und wird dann eines Tages plötzlich von den Schmerzen wieder eingeholt. An dieser Stelle startet die Geschichte ohne große Umschweife. Zeruya Shalev erzählt im ersten Drittel ihres Buches nicht nur von der körperlichen Verletzung, sondern auch von den Folgen. Zeigt, wie schwer es für Iris ist, überhaupt Hilfe anzunehmen: Von ihrem Mann, von ihren Kindern, von ihrem gesamten Umfeld. Und nahezu minutiös beschreibt sie den Schmerz, der sich nicht nur in Iris’ Körper breit macht.

„Zwei Kinder hatte sie zur Welt gebracht und trotzdem erkannte sie ihn nicht, als er sich ihr zum ersten Mal in seiner ganzen Macht offenbarte, sich ins Zentrum ihres Körpers bohrte, ihre Knochen zersägte, sie zu feinem Staub zermalte, Muskeln zerstörte, Sehnen zerfetzte, Gewebe zerquetschte, Nerven zerriss, in inneren Bereichen tobte, über die sie sich nie Gedanken gemacht hatte.“

Die biografische Nähe arbeitet Zeruya Shalev in „Schmerz“ deutlich aus. 2004 wird sie selbst in Jerusalem Opfer eines Anschlags. Als sie eines Morgens ihre Kinder in die Schule bringt, explodiert in ihrer unmittelbaren Nähe ein Bus. Zeruya Shalev erleidet schwere Verletzungen und muss für längere Zeit ins Krankenhaus. Schreiben kann sie in diesen Monaten nicht. Im Interview mit dem „Spiegel“ kurz nach dem Anschlag erklärt sie, warum. Sie erzählt von ihrer Ohnmacht und dem brutalen Gewicht, dass das Attentat auch seelisch auf sie ausgestrahlt hat. Und schildert ihre Fassungslosigkeit darüber, dass so viele Menschen auf einmal durch die Willkür eines Einzelnen sterben. Und die Literatur in ihren Augen machtlos ist. „Ich hatte das Gefühl, Literatur ist so hilflos angesichts dieser Gewalt. Und es brauchte lange, bis ich über diesen Gedanken hinwegkam, dass Schreiben keine Bedeutung hat.“ (...)

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