November 3, 2016 – 2 Heshvan 5777
Ist Israelkritik gleich Antisemitismus?

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Wirre Verknüpfung zweier Ereignisse 

Von Attila Teri

„Man wird ja wohl noch Israel kritisieren können, ohne gleich Antisemit zu sein!“ – lautet oft das beliebte Totschlagsargument derer, die oft und gern bei jedem Anlass über Israel herfallen.

Diese fadenscheinige Erklärung fiel mir neulich wieder ein, als ein alter Freund über seine jüngsten Erfahrungen in seiner luxemburgischen Heimat erzählte. Übrigens ist er kein Jude und hatte mit der Thematik bisher kaum etwas zu tun. Dies änderte sich jedoch schlagartig als er die Organisation einer Gedenkveranstaltung zur Deportation der luxemburgischen Juden während der Schoah übernahm. Es war die erste dieser Art im Großherzogtum, in dem man nur allzu gern diese traurige Epoche über Jahrzehnte lieber verdrängt statt verarbeitet hat. Dabei machten die Nazis bekanntlich auch vor dem neutralen Ministaat nicht halt, wenn es darum ging, die europäischen Juden möglichst vollständig auszulöschen.

So machte sich mein Freund voller Elan an die gute Sache und fühlte sich geehrt mit der Aufgabe betreut worden zu sein. Da er vom Film kommt, war sein erster Gedanke seine Kollegen aus der Branche für Kulissenbau, Requisiten und Aufbau anzuheuern. Zu seiner großen Überraschung lehnte die überwiegende Mehrheit ab. Genauso Lehrer und Professoren, die an der Veranstaltung teilnehmen sollten. Ihre einhellige Antwort: Sie wollen mit einer Sache nichts zu tun haben, die den Apartheids- und Unrechtsstaat Israel unterstützt, der die armen „Palästinenser“ unterdrückt, verfolgt und tötet. Seine Argumente, dass die jüdischen Opfer des Nazi-Massenmordes zu ehren, nicht das Geringste mit Israel zu tun habe, aber umso mehr mit Anstand, Mitgefühl und Solidarität, stieß bei seinen „ehrenwerten“, pseudo-humanistischen Gesprächspartnern auf taube Ohren. Ihre Haltung zu Israel war in Beton gegossen – unverrückbar. Und sie merkten dabei nicht einmal, wie sie sich selbst und ihre vorgeschobenen Beweggründe ad absurdum führen. Mein Freund fiel vom Glauben ab – von seinem christlichen, versteht sich. Er konnte es einfach nicht fassen, wie die Menschen derart auf seine Anfrage reagieren konnten. Es sei nur am Rande erwähnt, dass natürlich niemand von ihnen je im „Heiligen Land“ war.

„Willkommen in meiner Welt“ – antwortete ich meinem immer noch entsetzten Freund. Denn mit den genannten Begründungen sind wir schon wieder mittendrin im „jüdischen Schlammassel“. Wer kennt es wohl nicht in der „Selbsthilfegruppe“ der in der Diaspora lebenden Juden, wenn mal wieder die alte Schallplatte aufgelegt wird? Es beginnt fast immer mit der Frage: „Sag mal. Warum macht Ihr das mit den armen Palästinensern? Ihr benehmt euch doch wie die Nazis damals! …. Wer sind „wir“? … Na Ihr Juden!“ Und so weiter, und so fort.

Ich antwortete in solchen Fällen früher, als die Basken noch in verlässlicher Regelmäßigkeit in Spanien Bombenattentate und Mordanschläge auf unschuldige Menschen verübten: „Warum macht Ihr das mit den Basken?“ Verdutzt fragten dann die Delinquenten nach. „Warum wir?“ Worauf ich erwiderte: „Ihr seid doch Westeuropäer, oder?“

Wie auch immer. In Deutschland habe ich mich inzwischen an die ständigen Attacken gegen Israel gewöhnt. Nicht nur ich erkläre dieses Verhalten zum Teil damit, dass viele, auf den ersten Blick scheinbar anständige Menschen zwanghaft nach jedem Strohhalm greifen, der ihnen hilft, die unrühmliche Vergangenheit ihrer Vorfahren besser zu verdauen, ohne ständig kotzen zu müssen. Was hilf dabei am besten? Richtig! Wenn aus jüdischen Opfern endlich jüdische Täter werden. Motto: „Sieht ihr, sie sind auch nur Mörder, Besatzer und Unterdrücker! Keinen Deut besser als wir!“ Selbst wenn es so wäre, fällt es mir persönlich schwer nachzuvollziehen, was meine im KZ ermordete Oma mit dem Nahost-Konflikt zwischen Juden und Arabern zu tun hat. Aber sei es darum. Die menschliche Psyche ist unergründlich und perfekt darin Lügen zu erfinden, damit wir uns besser fühlen und die Eigenverantwortung abwälzen können.

Kaum jemand liefert für diese These einen besseren, lebenden Beweis als Jakob Augstein, der nichts auslässt, um Israel zu diffamieren, ohne je vor Ort gewesen zu sein. Der Mann hat eine ausgeprägte Fantasie. Tatsachen stören nur. Zugleich beteuert er ständig kein Judenhasser zu sein. Vermutlich glaubt er das selbst auch noch. Exemplare wie er, regen mich gar nicht mehr auf. Na ja, fast nie…

Es verwirrt mich jedoch, dass auch in Ländern wie eben Luxemburg, die kaum Schuld am Holocaust tragen, eine so tiefe Ablehnung gegenüber Juden und Israel herrscht. Denn ihre Bewohner müssen sich nicht schlecht fühlen und ständig nach faulen Ausreden suchen. Ist der Grund dafür nur der latente Antisemitismus aus guter alten, europäischen Tradition? Oder steckt mehr dahinter?

Viele erklären dieses Verhalten damit, dass der Mensch dazu neigt, sich mit den vermeintlich Schwachen zu solidarisieren. Da bei den Auseinandersetzungen im sogenannten Nahostkonflikt in der Regel mehr „Palästinenser“ sterben als Juden, werden sie zu Opfern auserkoren. Es wird Israel schlichtweg übelgenommen, dass es sich erfolgreich wehrt. Über 2.000 Jahre lang ließ sich das jüdische Volk immer wieder ohne zu murren abschlachten – und jetzt plötzlich nicht mehr? Was ist das für ein flegelhaftes Benehmen? Würden auch genügend Juden ihr Leben lassen, wäre alles in bester Ordnung, die Welt könnte sie wieder beweinen und bedauern. Aber so?

Die Medien tun ihr Übriges, um die völlig verzerrte Wahrnehmung zu verfestigen. Tag für Tag. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Ausgewogene, neutrale, geschweige denn faire Berichte bilden die Ausnahmen, wenn es um Israel geht. Meistens bleiben die Fakten auf der Strecke. Und die „Palästinenser“ nutzen die ihnen auf dem Silbertablett präsentierte Möglichkeiten in der Opferrolle zu glänzen nach besten Kräften.

Zur Veranschaulichung eine kleine Geschichte: Einer meiner israelischen Freunde wohnte folgender Szene in Jerusalem bei. Er war damals Soldat und hatte das zweifelhafte Vergnügen mit seinen Kameraden eine weitere Runde der „palästinensischen Steinewerfer-Oberliga“ zu beenden. Dabei verhafteten sie einige Jugendliche, die sich besonders hervorgetan hatten. Einer von ihnen saß mit Kabelbindern gefesselt gemütlich neben den Soldaten an einer Hauswand, während seine Mutter bei einem netten Plausch versuchte, ihren missratenen Sprössling freizubekommen. Die Lage beruhigte sich, es war klar, dass der Junge wohl mit heimgehen kann. Doch plötzlich tauchte um die Ecke ein ausländisches Kamerateam auf. Als die besorgte Mutter es sah, warf sie sich auf den Boden, begann zu heulen, wälzte sich im Dreck und sang so laut sie es nur konnte, ihr einstudiertes Klagelied über die „bösen israelischen Soldaten“, die ihren „unschuldigen“ Sohn terrorisieren und misshandeln. Das Team machte seine Aufnahmen und zog wieder von Dannen. Die Frau stand sofort auf, putzte ihre Kleider und setzte ihr Gespräch mit den Soldaten genauso freundlich und nett fort wie zuvor. Davon gab es natürlich keine Aufnahmen. Nur von ihrem „Leid“.

Solche Beispiele gibt es Tausende, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Denn die Macht der Bilder ist groß. Umso mehr bei Menschen, die von der Realität vor Ort keine Ahnung haben. Sie glauben das, was sie von den Medien vorgesetzt bekommen, und bilden sich anhand dieser, bewusst oder unbewusst verfälschten Berichterstattung, ihre Meinung über Israel.

Allerdings können all die genannten Gründe keine Entschuldigung dafür liefern, warum einige Landsleute meines luxemburgischen Freundes die Opfer der Schoah nicht für würdig halten ihrer zu Gedenken. Zum Glück denken nicht alle so. Am Ende gab es dann doch eine sehr bewegende Gedenkfeier für die 323 Menschen, die im Rahmen des ersten Transports am 16. Oktober 1941 vom Hauptbahnhof von Luxemburg ins Ghetto nach Litzmannstadt (Lodz) in Polen deportiert wurden. Nur 12 von ihnen hatten das Glück zu überleben. Und ich denke immer noch darüber nach, ob Israelkritik gleich Antisemitismus bedeutet. Im Prinzip nicht – aber in der Regel schon!

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