Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
Israel sollte sich an die Bedrohung nicht gewöhnen

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Wir entscheiden selbst, ob die derzeitigen Zustände „israelische Normalität“ werden oder nicht.  

  • Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
  • Israel
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Von Judith Bergman

Die Menschen in Israel gehen ihrem Alltag nach, ganz so, als ob sich nichts Ungewöhnliches ereignet; weil wir müssen, weil wir zäh sind und weil das Leben weitergeht. Hierin verbirgt sich ein gewaltiger Trugschluss.

Die Gewährung von Sicherheit für die eigenen Bürger, so dass diese ohne Angst um ihre körperliche Unversehrtheit oder ihr Leben, ihren täglichen Erledigungen nachgehen können, ist die vorrangige Verantwortlichkeit einer jeden Regierung.

Wenn es an dieser Sicherheit grundlegend fehlt, reden wir nicht mehr über eine Gesellschaft, die sich alltäglichen Dingen widmet, sondern über einen Zustand der Anomalie, gleich ob die Bevölkerung oder ihre Regierung diese Deformation als solche wahrnimmt oder nicht. Denn der den Staat legitimierende Vertrag zwischen der Regierung und dem Bürger liegt in Scherben.

Israel lebt in solch einer Abnormität. Diejenigen, die sagen, das sei schon immer so gewesen und auch der Zustand fortwährenden Terrors, der seit September mehr als 30 Personen das Leben und fast 400 Menschen die körperliche Unversehrtheit kostete, ändere diese Beurteilung nicht, verstehen das Wesentliche nicht.

Jene, die mit einer Unmenge an Entschuldigen kommen, warum die Situation nicht zu ändern bzw. die Gefährdung nicht zu beheben sei, und die tägliche Sicherheit auf den Straßen nicht wiederherzustellen sei, verstehen noch weniger.

Aus der Perspektive des Israelis, der seinen Bürgerpflichten nachkommt, also den Wehrdienst leistet oder seine Kinder zur Ableistung entsendet, der Steuern zahlt und sich gesetzestreu verhält, ist die Frage, warum der Vertragspartner des bestehenden (staatstheoretischen) Gesellschaftsvertrages, also der Staat, seine Leistung, nämlich die Gewährleistung der körperlichen Sicherheit, nicht liefert, die einzig entscheidende.

Es ist ein fundamentales Recht des Menschen, ohne die Angst erschossen oder erstochen zu werden, ohne die Angst von einem Auto gerammt oder von einem Stein getroffen zu werden, leben zu dürfen.

Die körperliche Unversehrtheit ist des Menschen Grundrecht. Nichts kann darüber stehen. Die Antwort auf die bestehende Gefährdung kann nicht sein, dass die internationale Gemeinschaft die Maßnahmen, die für die Gewährleistung der beanspruchten Sicherheit notwendig sind, möglicherweise beanstandet. Nebenbei ist zu bemerken, dass die internationale Gemeinschaft, bzw. die sogeannnte internationale Gemeinschaft, dieser Tage bereits bewiesen hat, dass sie sich nicht um israelische Menschenleben schert.

Die Europäische Union pumpt ununterbrochen Millionen von Euros in den „palästinensischen“ Machtapparat, ungeachtet der Tatsache, dass diese als autoritär und undemokratisch zu qualifizieren ist, ihre eigenen Bürger gezielt zur Ermordung von Israelis indoktriniert, und hierzu selbst die eigenen Kinder kaltblütig missbraucht und einer Gehirnwäsche unterzieht.

Die internationale Gemeinschaft interessiert sich für die israelischen Häuser, nicht aber die israelischen Menschenleben
Die internationale Gemeinschaft interessiert sich nicht für die Israelis. Vielmehr dreht sich alles, auffällig oft, um israelische Häuser. Endlos wird über den israelischen „Siedlungsbau“ und den Boden, auf dem die Häuser stehen, debattiert. Die jüdischen Häuser und das jüdische Gemüse bereiten dem Westen Schwierigkeiten, nicht aber die Messer und Schusswaffen oder die arabischen Terroristen, die diese Angriffswerkzeuge mit sich führen. Wie viele Jahrzehnte brauchen wir noch, um diese wichtige Lektion zu lernen?

Vergangenen Dienstag wurde mindestens eine Person ermordet und mehr als ein Dutzend wurden, in einer Reihe von Terroranschlägen quer durch Israel, verwundet. Am darauffolgenden Tag ereigneten sich zwei weitere Terroranschläge in Jerusalem. Ein Israeli wurde lebensgefährlich verletzt.
Was gibt es da zu debattieren? Da waren ein Dutzend Messerangriffe, Schießereien und Attacken mit Kraftfahrzeugen. Das ist nicht normal. Das ist nichts, was wir akzeptieren sollten. Das ist blanker Wahnsinn.

Und doch bewegen sich die Menschen in Israel jeden Tag, als sei nichts Unnatürliches geschehen; weil wir müssen, weil wir zäh sind und weil das Leben weiter geht. Hierin liegt ein großer Irrtum. Dieser Gedankengang verleiht dem Status quo eine bedrohliche Legitimität, die letztlich zur Annahme der Gefährdung als auswegloses, unvermeidbares Schicksal führt. Warum? Weil die Welt nicht erfreut sein könnte, wenn unsere Regierung härtere Maßnahmen, die den Terror von unseren Straßen wirksam ausrotten, ergreift?

Wenn wir uns weniger darum sorgen, was unsere Handelspartner über unsere Sicherheitspolitik denken, könnte das die Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen – oder auch nicht. Persönlich würde ich eine schlechte Wirtschaftslage einer nicht normalen, verheerenden Sicherheitslage vorziehen.

Vielleicht haben sich die Jahrtausende im Exil und das Leben in politischer Abnormität (ein Leben ohne eigenen Staat oder die Möglichkeit der Selbstbestimmung, in andauernder Abhängigkeit von Willkür und Gnade fremder Herrscher) in der israelischen DNS dermaßen festgesetzt, dass gar der patriotischste Israeli unbeabsichtigt glaubt, diese Sicherheitslage sei, anders als bei jeder anderen zivilisierten Nation dieser Erde „jüdische Normalität“.
Aber das ist es nicht. Und wenn wir den Status eines vollwertigen Staates begehren, der von den anderen Staaten der Welt respektiert wird, darf dieser Zustand nicht zur „jüdischen Normalität“ erklärt werden. Stärke ist die einzige Sprache, die Respekt erzeugt. Und Stärke bedeutet die Aufrechterhaltung und Bewahrung fundamentaler Rechte eines Menschen.

Jeder Israeli hat ein fundamentales, ihm angeborenes Recht auf körperliche Unversehrtheit. Gleichwohl scheint es, als ob wir genau das vergessen hätten und leichtfertig akzeptiert haben, dass wir stets nach hinten schauend, auf unsere Kinder und Supermärkte ebenso achten müssen, wie auf das Risiko im Hausflur auf einen Araber mit Messern und Schusswaffen zu treffen.

Wir müssen verstehen, dass es nicht so sein muss. Solch eine zerstörerische, nicht normale Situation ist nicht zwingend. Wir haben uns diese Situation ausgesucht und entscheiden uns täglich neu für sie, solange wir uns erlauben, erstochen oder erschossen zu werden, von einem Auto gerammt oder von Steinen beworfen zu werden, während wir so tun, als ob all das normal wäre.

Der Artikel von Judith Bergman ist zuerst erschienen auf „Israel Hayom“.

Übersetzung ins Deutsche von Jaklin Chatschadorian.

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