Aus unserer Reihe zu 70 Jahren Israel  

Februar 9, 2018 – 24 Shevat 5778
Israel-Jahr 2018: Die große Rede Golda Meirs in Chicago

Von Stefan Frank (Redaktion Audiatur)

Am 29. November 1947 feierte der Jischuw – die Juden in Palästina – die Resolution der UN-Generalversammlung zur Teilung des britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat.

Doch David Ben-Gurion, der Vorsitzende der Jewish Aggolda meir ebenfalls, dass der Jischuw es bald nicht nur mit den Überfällen bewaffneter arabischer Banden zu tun haben würde – die Ende 1947 alltäglich waren –, sondern mit Armeen, die über Panzer, Flugzeuge und Artillerie verfügten. Ende November rief er Ehud Avriel in sein Büro, der für Waffenkäufe in Europa zuständig war, und sagte zu ihm: „Wir müssen unsere Taktik ändern.“ Es sei nicht ausreichend, weiter wahllos irgendwelche Waffen ins Land zu schmuggeln. Wie überliefert ist, soll Ben-Gurion einen zusammengefalteten Zettel aus seiner Hemdtasche gezogen haben, auf dem stand, was er wünschte: 10.000 Gewehre, 2,5 Millionen Patronen, 500 Maschinenpistolen, 100 Maschinengewehre. Das zu beschaffen, war nicht leicht; die Vereinigten Staaten hatten ein Waffenembargo gegen die ganze Region verhängt, das vor allem die traf, die noch keine Waffen hatten: die Juden. In der Tschechoslowakei ließen sich – mit Stalins Einverständnis – Waffen besorgen, doch wie sollten sie bezahlt werden? Das Geld konnte nur von Juden aus der Diaspora – aus Amerika – kommen.

Der bei der Jewish Agency für Finanzen zuständige Eliezer Kaplan wurde entsandt, in den USA Spenden in Höhe von sieben Millionen Dollar zu sammeln. Anfang Januar 1948 kehrte er zurück – mit leeren Händen. Bei einem Treffen der Jewish Agency in Tel Aviv erklärte er, es sei nicht möglich gewesen; die amerikanischen Juden hätten das Gefühl, während des Krieges und danach bereits genug gegeben zu haben.

Ben-Gurion „brodelte“, erinnerte sich Golda Meyerson (später Golda Meir), die Vorsitzende der politischen Abteilung der Jewish Agency, später. Ben-Gurion erklärte, er werde selbst in die Vereinigten Staaten reisen. Oft hat Golda Meir später erzählt, was sie daraufhin zu ihm sagte: „Was du hier tun kannst, kann ich nicht tun, aber was du in den Vereinigten Staaten tun kannst, kann ich tun.“ Es wurde abgestimmt. Am 13. Januar schrieb Ben-Gurion in sein Tagebuch: „Es wurde beschlossen, dass Golda nach Amerika reist.“

In ihrer kürzlich erschienenen Biografie Golda Meirs kommentiert Francine Klagsbrun: Meirs eigener späteren Erinnerung nach sei sie unverzüglich nach Amerika gereist, ohne vorher auch nur in ihre Wohnung in Jerusalem zurückzukehren, um sich umzuziehen und einen Koffer zu packen. „In Wirklichkeit“, so Klagsbrun, „reiste sie nicht vor dem 22. Januar ab, neun Tage später. Sie war lange genug in Palästina, um von dem Gemetzel an 35 Haganah-Männern zu erfahren, die meisten von ihnen Studenten der Hebräischen Universität aus prominenten Familien des Jischuw.“ Arabische Kräfte hatten die Straße zum Etzion-Block, einer Gruppe von Siedlungen südlich von Jerusalem, abgeschnitten, und die jungen Männer machten sich zu Fuß auf den Weg, durch die Hügel, um die Straße zu umgehen und die eingekesselten Menschen mit Proviant zu versorgen. Ein arabischer Schafhirte bemerkte sie, rasch wurden sie von Hunderten Dorfbewohnern angegriffen. Der Kampf dauerte sieben Stunden. Als der letzte Mann tot war, verstümmelten die Araber die Leichen. „Das Gemetzel an den jungen Männern war ein schwerer Schlag für den Jischuw“, so Klagsbrun, Verzweiflung und Pessimismus machten sich breit. „In Jerusalem traf Golda die schmerzgeplagten Eltern, teilte ihre Trauer und ihre Tränen. Sie würde die Geschichte mit sich in die Vereinigten Staaten tragen.“

Goldas Familie war 1906 von der Ukraine in die USA ausgewandert. Ihre Schwester Clara lebte 1948 in Bridgeport, Connecticut und war dort Vorsitzende des Wohltätigkeitsvereins Jewish Federation. Sie begrüßte Golda in den USA und schlug ihr vor, eine Rede vor dem Dachverband, dem Council of Jewish Federations and Welfare Funds, zu halten, der für Ende Januar eine Veranstaltung im Sheraton-Hotel in Chicago geplant hatte, zu der zahlreiche Mäzene erwartet wurden. Es gelang, Golda kurzfristig Redezeit am 25. Januar einzuräumen. „Sie hielt ihre Rede ohne Notizen“, schreibt Klagsbrun, „die von ihr favorisierte Form der öffentlichen Rede.“

Die Rede

„Ich hatte das Privileg, das Judentum Palästinas in diesem Land und in anderen Ländern zu repräsentieren, als die Probleme, denen wir gegenüberstanden, derart waren, mehr Kibbuzim zu bauen und mehr Juden ins Land zu bringen, trotz der politischen Hindernisse und der arabischen Gewaltausbrüche. Wir hatten immer das Vertrauen, dass wir am Ende gewinnen würden, dass alles, was wir in dem Land tun, zur Unabhängigkeit des jüdischen Volkes und zu einem jüdischen Staat führen würde.

Lange, bevor wir es gewagt hatten, dieses Wort auszusprechen, wussten wir, was auf uns wartete. Heute haben wir einen Punkt erreicht, wo die Nationen der Welt uns ihre Entscheidung gegeben haben – die Gründung eines jüdischen Staates in einem Teil Palästinas. Jetzt kämpfen wir in Palästina, um die Resolution der Vereinten Nationen Wirklichkeit werden zu lassen, nicht, weil wir hätten kämpfen wollen. Wenn wir die Wahl gehabt hätten, hätten wir Frieden gewählt, um in Frieden zu bauen.

Freunde, wir haben in Palästina keine Alternative. Der Mufti und seine Männer haben uns den Krieg erklärt. Wir müssen um unser Leben kämpfen, um unsere Sicherheit und für das, was wir in Palästina erreicht haben, und vielleicht mehr als alles andere müssen wir für die jüdische Ehre und jüdische Unabhängigkeit kämpfen. Ohne Übertreibung kann ich euch sagen, dass die jüdische Gemeinschaft in Palästina dies gut macht. Viele von euch haben Palästina besucht; ihr alle habt von unseren jungen Leuten gelesen und habt eine Vorstellung davon, wie unsere Jugend ist. Ich kenne diese Generation seit 27 Jahren. Ich dachte, ich würde sie kennen. Jetzt erkenne ich, dass nicht einmal ich sie kannte.

Die jungen Knaben und Mädchen, viele von ihnen Teenager, tragen die Last dessen, was in unserem Land geschieht, mit einem Geist, den Worte nicht beschreiben können. Ihr seht diese Jugendlichen in offenen Autos – nicht in gepanzerten Fahrzeugen – in Konvois, die von Tel Aviv nach Jerusalem fahren, im Wissen, dass jedes Mal, wenn sie von Tel Aviv oder Jerusalem losfahren, wahrscheinlich Araber hinter den Orangenhainen oder den Hügeln sind, die darauf warten, den Konvoi aus dem Hinterhalt zu überfallen.

Diese Jungen und Mädchen haben die Aufgabe, Juden in Sicherheit über diese Straßen zu begleiten mit einer Selbstverständlichkeit akzeptiert, als wenn sie zu ihrer täglichen Arbeit oder einem Seminar an der Universität gehen würden.

Wir müssen die Juden überall auf der Welt auffordern, uns als die Frontlinie zu betrachten.

Alles, was wir von den Juden überall auf der Welt, und vor allem von denen in den Vereinigten Staaten, verlangen, ist, uns die Möglichkeit zu geben, unseren Kampf fortzusetzen.

Als die Probleme anfingen, forderten wir alle jungen Leute im Alter zwischen 17 und 25, die keine Mitglieder der Haganah waren, auf, sich freiwillig zu melden. Bis Donnerstagmorgen, als ich aus dem Haus ging, während die Registrierung dieser Altersgruppe immer noch im Gange war, hatten sich 20.000 junge Männer und Frauen gemeldet. Derzeit haben wir rund 9.000 Menschen in verschiedenen Teilen des Landes mobilisiert. Wir müssen diese Zahl innerhalb der nächsten Tage verdreifachen.

Wir müssen diese Männer versorgen. Keine Regierung schickt ihre Soldaten an die Front und erwartet, dass sie die allernötigsten Dinge wie Bettdecken, Bettwäsche und Kleidung von zu Hause mitnehmen.

Ein Volk, das um das schiere Überleben kämpft, weiß, wie es die Männer versorgt, die es an die Front schickt. Wir müssen das auch.

35 junge Männer
Fünfunddreißig unserer Jungs haben sich, weil sie nicht mit dem Auto in das belagerte Kfar Etzion fahren konnten, um Hilfe zu bringen, zu Fuß auf den Weg durch die Hügel gemacht; sie kannten die Straße, die arabischen Dörfer auf dem Weg und die Gefahr, der sie sich auszusetzen hätten. In dieser Gruppe waren einige der großartigsten Jugendlichen, die wie im Land haben, und sie alle wurden getötet, jeder von ihnen. Wir haben die Schilderung eines Arabers, wie sie bis zum Ende gekämpft haben, über sieben Stunden, gegen Hunderte von Arabern. Laut diesem Araber wurde der letzte Junge getötet, als keine Munition mehr übrig war, er starb mit einem Stein in seiner Hand.

Ich will euch sagen, Freunde, dass die jüdische Gemeinschaft in Palästina bis ganz zum Ende kämpfen wird. Wenn wir Waffen haben, mit denen wir kämpfen können, werden wir mit ihnen kämpfen, und wenn nicht, werden wir mit Steinen in unseren Händen kämpfen.

Ich will, dass ihr mir glaubt, wenn ich sage, dass ich heute in dieser besonderen Mission in die Vereinigten Staaten nicht gekommen bin, um 700.000 Juden zu retten. Während der letzten Jahre hat das jüdische Volk sechs Millionen Juden verloren, und es wäre dreist von uns, dem jüdischen Volk überall auf der Welt Sorgen zu bereiten, weil ein paar Hunderttausend Juden mehr in Gefahr wären. Darum geht es nicht.

Es geht darum, dass wenn diese 700.000 Juden in Palästina am Leben bleiben können, das jüdische Volk als solches lebt und die jüdische Unabhängigkeit gesichert ist. Wenn diese 700.000 Menschen getötet werden, dann sind wir für viele Jahrhunderte lang durch mit dem Traum von einem jüdischen Volk und einer jüdischen Heimat.

Meine Freunde, wir sind im Krieg. Es gibt in Palästina keinen Juden, der nicht glaubt, dass wir am Ende siegreich sein werden. Das ist der Geist des Landes. Wir kennen arabische Gewaltausbrüche seit 1921 und `29 und `36. Wir wissen, was mit den Juden Europas im letzten Krieg geschehen ist. Und jeder Jude im Land weiß auch, dass innerhalb weniger Monate ein jüdischer Staat in Palästina gegründet werden wird.

Wir wussten, dass der Preis, den wir würden zu zahlen haben, die Besten unseres Volkes sein würde. Über 300 wurden bis jetzt getötet. Es werden mehr werden. Es gibt keinen Zweifel daran, dass es mehr werden. Aber es gibt auch keinen Zweifel daran, dass der Geist unserer jungen Leute so beschaffen ist, dass egal wie viele Araber in das Land einmarschieren werden, ihr Geist nicht wanken wird. Jedoch kann dieser tapfere Geist allein es nicht mit Gewehren und Maschinengewehren aufnehmen. Gewehre und Maschinengewehre ohne Geist sind nicht viel wert, doch Geist ohne Waffen kann früher oder später mit dem Körper gebrochen werden.

Vieles muss nun vorbereitet werden, damit wir aushalten können. Es gibt unbegrenzte Möglichkeiten, doch werden wir die notwendigen Mittel erhalten? Da ich mich nicht als Gast betrachte, sondern als einer von euch, sage ich, dass die Frage, die vor jedem einzelnen liegt, einfach die ist, ob der Jischuw und die Jugendlichen, die an der Frontlinie sind, scheitern werden, weil Geld, das Palästina heute erreichen sollte, es erst in ein oder zwei Monaten erreicht. (…)

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