Dezember 8, 2017 – 20 Kislev 5778
Israel hat die höchste Veganer-Quote der Welt

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Wie hängen Tierschutz, Judentum und Veganismus zusammen?  

Von Shecharya Flatte (Redaktion Audiatur)

Die Tierschutzbewegung zieht in ganz Israel zunehmend Anhänger an. Ihr Aktivismus ebnet den Weg für ein neues Zeitalter im Tierschutz – einem Tierschutz, der in uraltem jüdischem Recht wurzelt.

In Israel gibt es die meisten Veganer pro Kopf der Bevölkerung. Was Vegetarier pro Kopf der Bevölkerung angeht, liegt Israel nur hinter Indien.

Veganismus ist nur ein Teil der Geschichte des Tierschutzes in Israel. 2015 marschierten zehntausend Menschen bei einer Tierschutzkundgebung in Tel Aviv mit, nachdem bei einer Brandstiftung an einem Hundezwinger zwei Hunde getötet und dreizehn verletzt worden waren. Die Demonstranten verlangten drakonische Strafen für die Übeltäter, aber auch einen Importstopp für Fleisch aus Ländern, die für die Misshandlung von Tieren bekannt sind und eine strafrechtliche Verfolgung von Unternehmen, wo Tiere misshandelt werden.

Eine der Organisatorinnen der Kundgebung, Orly Vilnai, befürchtete, man würde sie „als realitätsfern beschuldigen, als Teil der Tel-Aviv-Blase.“ Aber vielleicht waren ihre Befürchtungen unbegründet. Anders als in europäischen und nordamerikanischen Ländern, wo sich Veganismus und die Verteidigung von Tierrechten in der Regel auf eine Clique säkularer Städter beschränken, ist der Respekt für den Tierschutz in Israel weitverbreitet. Veganismus breitet sich in der Gemeinschaft der Orthodoxen ebenso aus wie unter säkularen Juden. Ein landesweites Verbot des Besitzes von Pelzen ist auf dem Weg durch die Knesset – ein solches Gesetz wäre weltweit das erste dieser Art.

Nach der Übersetzung einer 70-minütigen Rede des Tierschutzaktivisten Gary Yourofsky ins Hebräische 2012 verbreitete sich der Veganismus in Israel explosionsartig. Die Rede wurde über eine Million Mal in Hebräisch angesehen – und vermutlich hauptsächlich von Israelis. Aber warum verbreitete sie sich gerade in Israel wie ein Lauffeuer? Yourofskys Rede wurde in mindestens 34 Sprachen übersetzt. Die englische Übersetzung wurde nur drei Millionen Mal angeschaut – öfter als die hebräische, aber ein erheblich kleinerer Prozentsatz der englischsprachigen Welt. Was ist so besonders an Israel?

Sowohl Säkulare als auch Orthodoxe werden vegan
Die lange Geschichte des jüdischen Volkes ist gekennzeichnet von einer Reihe von Zwischenschritten beim Tierschutz. Vielleicht ist Veganismus der nächste Schritt, obwohl es auch sein kann, dass der Veganismus wieder zurückgeht, wenn die Produktion von Fleisch und tierischen Erzeugnissen weniger mechanisch und humaner erfolgt. Ein orthodoxer Rabbi, Jeremy Gimpel, wurde Veganer – und Tierschutzaktivist – nachdem er Schlachtungen in einer Fabrikumgebung mitangesehen hatte. „Ich konnte nicht wegsehen. Ich war schockiert. Ich sagte mir immer wieder, das ist nicht koscher. Mir ist egal, was das Rabbinat sagt.”

Aber was immer der nächste Schritt im Verhältnis des jüdischen Volkes zu den Tieren ist, die es verzehrt – es wird zweifellos ein Schritt hin zu mehr Rechten sein. Dies geschieht nicht aus einem Gefühl des Umweltbewusstseins oder der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit heraus, auf das sich Tierschutzaktivisten in Europa und Nordamerika häufig berufen. Es ist vielmehr die natürliche Fortsetzung des einzigartigen Verhältnisses der Juden zu Tieren, das „im Anfang“ mit der Erschaffung der Tiere und des Menschen begann und sich zu einem ausgeprägten System ethischer Normen rund um die Behandlung von Tieren entwickelt hat. Israelis respektieren die Rechte von Tieren, weil Juden Tierrechte respektieren und das aufgrund der ethischen Verpflichtung der Juden, Tiere gut zu behandeln – eine Verpflichtung, die unter den abrahamitischen Religionen einzigartig ist.

In der Thora gibt Gott dem Menschen die Herrschaft über alle Tiere (Gen 1,28). Aber dabei handelt es sich nicht um eine absolute Herrschaft. Nach der Flut erteilt Gott Noah und dessen Söhnen – und damit der ganzen Menschheit – Anweisungen. Eine dieser Anweisungen ist, kein „Fleisch zu essen, während sein Blut noch in ihm ist.“ Durch die Vorschrift, dass das Tier völlig ausgeblutet sein muss, wurde im Wesentlichen verboten, Fleisch von einem noch lebenden Tier zu nehmen. So etwas würde dem Tier große Qualen zufügen, ohne Nutzen für den Konsumenten. In solch einem Fall ist das Recht der Tiere, nicht leiden zu müssen, zu wahren.

Das Verbot, Tieren unnötig Leid zuzufügen, wurde dann in den Speisegesetzen für die Schlachtung erweitert. Das verwendete Messer muss völlig makellos sein und die Schlachtung muss in einem einzigen, raschen Schnitt erfolgen, damit das Tier auch sicher keine Schmerzen leidet.

Tiere sollen nicht zusehen wie ihre Eltern oder Kinder geschlachtet werden
Das Verbot, Tieren unnötiges Leid zuzufügen, erstreckt sich über das Körperliche hinaus. „Ihr sollt aber kein Rind noch Schaf zugleich mit seinem Jungen schächten am gleichen Tag“ (Lev. 22,28). Würde man ein Tier am selben Tag schlachten wie sein Junges, würde man riskieren, dass entweder Muttertier oder Junges mitansehen müssen, wie das andere geschlachtet wird. So etwas zu erleben würde dem Tier großes seelisches Leid zufügen.

Darüber hinaus ist es verboten, Tiere zu erniedrigen. Der Rashbam benennt die Grausamkeit, die es bedeutet, ein Böcklein in der Milch seiner Mutter zu kochen (verboten in Ex. 23,19): „Es ist widerlich, abstoßend, fast Völlerei, die Milch der Mutter zusammen mit dem Böcklein zu verzehren, als dessen Nahrung diese Milch gedacht war.“

Trotz der starken Verwurzelung der ethischen Behandlung von Tieren im jüdischen Gesetz gelingt es Israel mitunter nicht, Tiere zu schützen. So scheiterte zum Beispiel im Jahr 2010 ein Gesetz zum Verbot von Pelztierzucht am Widerstand ultraorthodoxer Mitglieder der Regierungskoalition, obwohl über 80 % der Israelis gegen Pelztierzucht sind. Bei dieser Frage geriet der Schtreimel, eine traditionelle Kopfbedeckung aus Zobelfell, die von den Ultraorthodoxen am Sabbat und anderen Feiertagen getragen wird, in den Mittelpunkt der Diskussion. Das Verbot wurde dahingehend abgeändert, dass es eine religiöse Ausnahme für den Schtreimel geben sollte, aber die Ultraorthodoxen waren dennoch dagegen mit der Begründung, dass die meisten Pelze ohnehin aus religiösen Gründen nach Israel importiert würden.

2012 kam ans Licht, dass im von Tnuva Food Industries betriebenen Schlachthaus Adom Adom schwere Misshandlungen an Tieren begangen worden waren. Tiere wurden mit Elektroschocks und Schlägen an Genitalien und Augen gezwungen, sich in Bewegung zu setzen. Konnten sie nicht gezwungen werden, wurden kleinere Tiere gezerrt – und dann mit dem Kopf nach unten aufgehängt, ehe sie geschlachtet wurden. Vier Arbeiter des Schlachthauses wurden danach wegen Tierquälerei angeklagt, das Unternehmen Tnuva selbst dagegen musste sich nicht verantworten.

Ähnliche Fälle werden regelmäßig in den Vereinigten Staaten aufgedeckt. Der Dokumentarfilm „Food, Inc“, in dem es zu einem großen Teil um Tierquälerei geht, kam 2008 heraus, erhielt begeisterte Kritiken und spielte über 20 Millionen Dollar an den Kinokassen und an DVD-Verkäufen ein. Ein Video mit der Darstellung der Quälerei von Schweinen in einem Schlachthaus wurde in den Mainstream-Medien gezeigt und von 1,7 Millionen Menschen auf YouTube angesehen. Dennoch erscheinen die Amerikaner teilnahmslos – 2008 gab es 1 Million Veganer und 7,3 Millionen Vegetarier in den USA. Im Jahr 2013 waren es … 1 Million Veganer und 7,5 Millionen Vegetarier. Das einzige – und daher aktuellste – artenübergreifende Gesetz gegen Tierquälerei in den Vereinigten Staaten ist der Animal Welfare Act von 1966.

Ein Video brachte den Boom in Israel
Israel reagierte anders. Der Skandal um Adom Adom kam ans Licht, als Yourofskys Video zum Tierschutz in Hebräisch herauskam. Der Anteil der Vegetarier und Veganer schoss von zusammen 2,6 % im Jahr 2010 auf 5 % Veganer und 8 % Vegetarier im Jahr 2015 hoch, ein Anstieg von 500 % über fünf Jahre. Es wurde ein Sammelklage gegen Tnuva eingereicht mit der Anschuldigung, man habe dort Lebensmittel fälschlicherweise als koscher etikettiert. Der Hauptkläger in diesem Fall holte eine rabbinische Entscheidung ein, die besagte, unnötige Quälerei von Tieren sei nicht koscher. „Wir haben eine heilige Thora“, so der Kläger, ein ultraorthodoxer Jude, „und die verbietet Tierquälerei ausdrücklich.“ (…)

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