Ein Interview mit Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe  

Das Adelsgeschlecht zu Schaumburg-Lippe geht auf das Jahr 1647 zurück, somit gehört der heutige Chef des Hauses Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe dem deutschen Hochadel an. Der Publizist Gerhard Haase-Hindenberg unterhielt sich mit dem Aristokraten über dessen besonderes Verhältnis zu Israel, zum Judentum und über die Verstrickung von Teilen seiner Familie in die Nazi-Verbrechen. Aber auch zur aktuellen Islam-Diskussion hat der Unternehmer und Forstwirt eine dezidierte Meinung.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Sie sind der Chef des Hauses zu Schaumburg-Lippe. Was bedeutet es für Sie, dem deutschen Hochadel anzugehören?

Zu Schaumburg-Lippe: Als Chef meines Hauses habe ich die Aufgabe, meine Familie zu repräsentieren und Schaden von ihr abzuwenden. Was die Aristokratie angeht, ist es ja so, dass wir inzwischen keine politische Funktion und keinen besonderen rechtlichen Status mehr haben. Das ist politisch in Ordnung, macht aber die Traditionspflege ziemlich schwierig, weil die Traditionen vom Recht nicht mehr geschützt werden. Es kann also eigentlich jeder kommen und sie vandalisieren. Die Rechtsmittel dagegen sind sehr begrenzt.

Nach eigenen Angaben tragen Sie „soziale Verantwortung für Menschen, die weniger Glück hatten“ als Sie selbst. So unterstützen Sie als Schirmherr den Fonds „Poorest of the Poor“ – also die Ärmsten der Armen – unter den Patienten des Hadassah Medical Centers in Jerusalem…

Wir verstehen uns als eine Unterstützerorganisation für den Fonds „Poorest of the Poor“ hier in Deutschland. Diese wiederum war ursprünglich dafür gegründet worden, Personen in Israel, die keine Krankenversicherung hatten, eine medizinische Behandlung zu ermöglichen. Das ist heute nicht mehr so relevant, aufgrund der Tatsache, dass seit 1995 alle israelischen Staatsbürger automatisch krankenversichert sind. Mittlerweile wird der Fond vor allem dort wirksam, wo es sich um nicht-israelische Araber handelt, die im Hassadah Medical Center anklopfen und um medizinische Behandlung bitten. Sehr oft handelt es sich dabei um Frühgebärende.

Was bedeutet für Sie diese unterstützende Tätigkeit für Hassadah emotional?

Sehr viel, obwohl ich nicht einmal so ganz genau weiß, warum mir Israel im Speziellen und das Judentum im Allgemeinen so nahe stehen. Ich suche allerdings nach diesen Gründen schon lange nicht mehr. Ich denke vor allem, dass ich damit auch historische Verantwortung übernehme. Das erschöpft das Thema aber nicht. Warum also? Ich weiß es nicht genau. Mit meiner Familiengeschichte ist das nur unzureichend erklärt. Wirtschaftliche Interessen verbinden sich damit jedenfalls nicht.

Wann haben Sie denn angefangen, sich mit Israel zu beschäftigen?

Als sehr junger Mensch habe ich Ephraim Kishon gelesen und war von Friedrich Torbergs Fußnoten über Israel und das jüdische Leben fasziniert. Als 14-jähriger las ich Werner Keller „Und wurden zerstreut unter alle Völker. Die nachbiblische Geschichte des jüdischen Volkes“ und mit 23, die Auschwitz-Memoiren von Primo Levi. Diese Lektüren haben einen lebenslangen Einfluss auf mich ausgeübt.

Sie haben Israel mehrfach besucht. Welche Erinnerungen sind Ihnen noch besonders prägend vor Augen?

Als ich zum ersten Mal im Hadassah Medical Centre auf dem Mount Scopus in Jerusalem angekommen bin, sah ich im Eingangsbereich auf einer Bank eine offensichtlich orthodoxe Jüdin und eine tief verschleierte Muslimin nebeneinander sitzen und sich unterhalten. Das ist ein Bild, welches man sonst im Nahen Osten schlicht und einfach nicht zu sehen bekommt. Man muss bedenken, dass in dieser Region die weitaus meisten Muslime noch niemals mit Juden auch nur gesprochen haben. Unter dem Dach dieser Einrichtung finden wie selbstverständlich Verschwisterungen statt, die außerhalb von Hadassah in der Regel weder stattfinden, noch überhaupt denkbar sind. Es hat mich schon sehr beeindruckt, wie dieses Center als eine Oase des Friedens wirkt. Außerdem hat mich ganz besonders mein Jerusalem-Besuch fasziniert, weil ich noch nie eine Stadt gesehen habe, in der jahrtausende alte Geschichte so unmittelbar erlebbar ist.

Wenige Tage vor diesem Interview wurde von arabischen Terroristen mitten in Tel Aviv ein Massaker an unschuldigen Zivilisten verübt…

Sie meinen die beiden bewaffneten Araber, die in ein Café eingedrungen sind und um sich geschossen haben?

Richtig. Welches Adjektiv beschreibt Ihr Gefühl am ehesten, wenn Sie so etwas hören: Sind Sie entsetzt, wütend oder hilflos?

Alles drei.

Schenken Sie auch dem jüdischen Leben hierzulande Beachtung?

Selbstverständlich. Ich bin mit vielen Juden in Deutschland freundschaftlich verbunden und ich denke, dass meine Tätigkeit für Hadassah auch im Zusammenhang mit dem deutschen Judentum stattfindet.

Eine Frage an den bekennenden Liberalen: Anfang Juli wird wieder zum sogenannten Al-Kuds-Tag auf deutschen Straßen für die „Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern“ demonstriert. Ist das Ihrer Ansicht nach noch von der freien Meinungsäußerung gedeckt?

Es hängt natürlich davon ab, mit welchen Parolen die Organisatoren zu dieser Demonstration aufrufen. Typischerweise aber sind die Parolen eindeutig antisemitisch. Und wenn den Juden insgesamt oder dem Staat Israel der Tod gewünscht wird, kann von Freiheit der Meinungsäußerung keine Rede mehr sein.

In fast allen Familien gibt es schwarze Schafe. Würden Sie mir recht geben, wenn ich sage, in der Ihrigen war das Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe?

Ganz eindeutig! Der Mann war ein problematischer Fall. Es ist natürlich unvermeidbar, dass eine solche Gestalt auch auf das Image des Hauses ausstrahlt. Außerdem muss ich sagen, dass es auch andere Brüder meines Großvaters gegeben hat, die sich in einem gewissen Umfang auf die Nazis eingelassen haben. Auch meinem Großvater wurde dies nachgesagt, aber nach meinem besten Wissen trifft es auf ihn nicht in diesem Umfang zu.

Hatten Sie als junger Mensch Gelegenheit jenen Bruder Ihres Großvaters, Friedrich Christian, etwa zur Schoah zu befragen?

Er ist ja Anfang der achtziger Jahre gestorben, da war ich bereits ein denkender, auch politisch denkender Mensch. Ich habe mich hin und wieder mit ihm in schriftlicher Form auseinandergesetzt. Allerdings nicht über die Schoah, von der er angeblich glaubte, sein direkter Vorgesetzter Goebbels habe nichts davon gewusst, weil ein „guter Propagandaminister“ glauben müsse, was er sagt. Ich frage mich heute noch, ob er diese absurde Behauptung selbst für wahr gehalten hat. Er war in seinen Nachkriegsbüchern ein Apologet Hitlers, den er gut kannte und den er als vergeistigt und kultiviert darstellte. Es ist alles ziemlich abstoßend, vor allem, wenn er seinem Hang zur esoterischen Deutung nachgibt. Da grüßt ihn der tote „Führer“ zum Beispiel noch durch „überzufällige“ Zeichen aus dem Jenseits, nur weil beim Besuch des Obersalzbergs sein angebliches Lieblingslied im Radio läuft. Wirklich unerträglich, widerlich, frei von Hinterfragung, getränkt mit selbstgerechter, unkritischer Nibelungentreue. Wir hatten relativ wenig Kontakt und mein Vater, der ein streng konservativer christlicher Antifaschist gewesen ist und die Nazis wie die Pest hasste, war mit ihm heillos zerstritten. Er konnte ihn schlichtweg nicht ertragen. Ich sehe mich als Chef meines Hauses heute in der Pflicht, mit dieser historischen Verantwortung umzugehen, sie anzuerkennen und mich dementsprechend zu verhalten. Dies ist sicherlich einer der Gründe, weshalb ich für Israel tätig bin.

Inwiefern hat die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bei Ihnen in der Folge zum liberalen Weltbild geführt?

Die Auseinandersetzung hat ja schon recht früh stattgefunden. Wie gesagt, habe ich schon als Jugendlicher entsprechende Literatur gelesen. Eine zentrale Rolle in meinem politischen Weltbild hat die Frage der Freiheit gespielt. Deshalb bin ich nach Jahrzehnten der parteipolitischen Abstinenz im Jahre 2002 FDP-Mitglied geworden. Und trotz der später einsetzenden Diffamierungskampagne – also mit Eintritt in die Regierung 2009, damals wurde ja in Teilen der deutschen Presse der Liberalismus zu einem Schimpfwort – bin ich dabei geblieben, weil ich der Überzeugung bin, dass es die richtige Entscheidung war. Denn die bürgerlichen Freiheiten sind ein äußerst fragiles Gut. Man muss sie engagiert verteidigen und darf sie nicht als selbstverständlich hinnehmen.

Sie nehmen, wie ich auch, an der politischen Debatte auf Facebook teil und ich würde gern auf einige Postings von Ihnen zu sprechen kommen. Im Zusammenhang mit dem Massaker von Orlando entdeckte plötzlich die Journalistin Eva Marie Kogel die Ursache dafür im gesellschaftlichen System des Westens. Sie haben daraufhin ironisierend gepostet „Dä Jodn sind an allöm schold!“ und dann kommentiert „Hauptsache, das abgezirkelte Weltbild bekommt keinen Knacks“. Wie nehmen Sie dieses abgezirkelte Weltbild in unserem Lande wahr?

In diesem ironisierten Satz habe ich durch den Austausch von Vokalen den Tonfall Hitlers nachgeahmt. Und zwar weil sehr oft diejenigen, die die Schuld für solche Vorgänge von der arabischen Welt und vom Islam deflektieren wollen, sich entweder gegen den Westen wenden oder gegen die Juden. Das ist bei diesen Leuten ein völlig normaler Vorgang.

Von welchen gesellschaftlichen Gruppen ist die Rede?

Ein solches Denken ist zunächst mal da wahrzunehmen, wo sich der Islam politisch positionieren konnte. Aber auch bei Leuten, denen es aus welchen Gründen auch immer darauf ankommt, die Gefahren des politisierten Islam zu verharmlosen. Davon gibt es nicht ganz wenige. Das wird mit einer psychologischen Gewalttätigkeit vorgegangen, die ich für sehr gefährlich halte. Da wird versucht, Leute aus dem Diskurs auszugrenzen, die lediglich auf die Gefahren des politischen Islam hinweisen. Was aber soll daran rassistisch sein?

Sie haben auf Ihrer Facebook-Seite einen Artikel aus der „Welt“ geteilt, in welchem der stellvertretende Chefredakteur Ulf Poschardt schrieb: „Aus einer politisch radikalen Auslegung religiöser Anliegen ist eine nihilistische Bewegung geworden, die den Koran zu einer Unterdrückungs- und Vernichtungstheorie umdeuten will.“ Sie stellten daraufhin die Fragen: „Weil er sich besonders gut dafür eignet? Gelänge das mit dem Buddhismus?“ Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Das sind eben die Fragen, die ich wie üblich zur Diskussion gestellt habe. Solche Fragen werden ja unterschiedlich beantwortet. Wenn Ayman Mazyek…

…der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland…

…auf die Ursache des islamistischen Terrorismus angesprochen wird, dann wird er stereotyp erklären, dass das nichts mit dem Islam zu tun habe. Aber es ist nun mal nicht so ganz von der Hand zu weisen, dass im islamischen Schrifttum eine Fülle von Zitaten vorzufinden sind, die sich für eine gewalttätige Radikalisierung sehr gut eignen. Von daher halte ich es für zu kurz gegriffen, wenn behauptet wird, dass dies eine Fehlinterpretation des Islam sei. Damit wird man dem Problem nicht gerecht. Nein, es ist eine Interpretation des Islam, aber keine Fehlinterpretation. Sicherlich ist auch eine andere möglich. Aber wenn man darauf beharrt, dass die friedfertige Lesart die einzig Richtige sei, kommt man in Argumentationsschwierigkeiten. Richtig ist, dass sich Muslime bewusst für die friedfertige Lesart entscheiden müssen und gegen die, die Intoleranz und Gewalttaten befürworten und fördern.

Haben Sie Verständnis dafür, dass jüdische Persönlichkeiten und auch jüdische Organisationen bei aller Unterschiedlichkeit vor einer sogenannten „Islamophobie“ warnen?

Ich kann mit dem Begriff Islamophobie überhaupt nichts anfangen. In der Tat halte ich diesen Begriff für das Unwort der Dekade. Zunächst einmal ist er von den iranischen Mullahs erfunden worden, um jede Form der Kritik an islamischen Praktiken – wie etwa Steinigung oder das Hidschab-Gebot (Kopftuch-Gebot) – zu diskreditieren. Zum anderen ist eine Phobie begrifflich eine irrationale Furcht, wie etwa die Agoraphobie (Platzangst) oder die Arachnophobie (Spinnenangst). Die Angst vor einem politisierten Islam ist aber mitnichten irrational, sondern im Gegenteil sehr gut zu begründen. Wer den Begriff der Islamophobie benutzt, legt nahe, dass es keine rational nachvollziehbaren Gründe gäbe, die Konsequenzen der islamischen Politisierung im Westen zu fürchten. Wer aber etwa die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ liest…

… die im Jahr 1990 von den Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz beschlossen wurde…

… der muss erkennen, dass diese Resolution die Menschenrechte eigentlich aufhebt, weil sie subsidiär unter den Vorbehalt der Schariah gestellt werden. Das ist also kein System, das sich mit dem Verfassungsrecht des säkularen Westens vereinbaren lässt. Die Kairoer Erklärung ist nach unserem Rechtsverständnis verfassungswidrig, und Organisationen, die sich auf sie berufen, sollten observiert und gegebenenfalls verboten werden. Der Rechtsstaat darf nicht zulassen, dass religiös begründete Rechtsordnungen über das Grundgesetz gestellt werden. Wer diese einfache und klare Forderung politisch diskreditieren will, muss sich fragen lassen, wessen Geschäft er betreibt. Wir Liberalen sind aufgerufen, gegen solche Bestrebungen das Ideal der bürgerlichen Freiheit konsequent zu verteidigen. Leider ist das inzwischen auch im demokratischen Spektrum nötig geworden.

In der Frage der Nachfolge von Joachim Gauck im Bundespräsidialamt haben Sie Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München, für das Amt ins Spiel gebracht und dafür gar eine Unterstützerseite ins Leben gerufen. Hatten Sie mittlerweile Gelegenheit, Frau Knobloch zu fragen, ob Sie gegebenenfalls überhaupt zur Verfügung stünde?

Diese Gelegenheit habe ich noch nicht gehabt. Sie wird sich sicher ergeben, denn wir kennen uns ja recht gut. Ich bin ein großer Bewunderer von ihr. Aber ich habe ganz bewusst nicht um ihre Genehmigung nachgesucht, als ich diese Seite ins Leben gerufen habe, denn die hätte sie mir wahrscheinlich verweigert. Mir kam es aber darauf an, herauszufinden, wie groß die Akzeptanz überhaupt wäre. Nun ist Frau Dr. Knobloch schon 84, was für dieses Amt doch recht alt ist. Auf der anderen Seite aber ist sie von einer außerordentlichen Vitalität und ich würde es wunderbar finden, wenn sie wenigstens in der Diskussion wäre. Dass sie im Ergebnis nicht Bundespräsidentin würde, sondern jemand, auf den der notwendige Parteienproporz entfällt, das dürfte nahezu gesichert sein. Aber allein ihre Kandidatur hätte Zeichen gesetzt und das hätte mich gefreut.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Email This Page