Drei Jahre nach „Charlie Hebdo“ hat sich West-Europa an den Terror gewöhnt  

Von Alexander Will

Erinnert sich noch jemand? Es gab einmal „Je suis Charlie!“. Es gab „Je suis Nice“, „Je suis Paris“ und „Je suis Bruxelles“. In den Sozialen Medien waren diese Sätze als Hashtags allgegenwärtig. Millionen ersetzen in den Jahren 2016 und auch noch 2017 ihre Profilbilder durch Grafiken mit diesen Sätzen. Das waren Solidaritätsbekundungen mit den Opfern islamischen Terrors – und es war ein Weg, mit dem eigenen Schrecken umzugehen. 2018 aber ist niemand „Straßburg“.

Europa nahm den Anschlag des Terroristen Chérif Chekatt auf den Weihnachtsmarkt mit fünf Toten fast emotionslos hin. Man hat sich offenbar an den Terror, das Morden auf offener Straße gewöhnt. Das trifft auch auf die Weihnachtsmarkt-Festungen in deutschen Innenstädten zu. Glühwein hinter Zäunen und Barrikaden – eine deutsche, eine europäische Normalität. Wer erinnert sich noch an Zeiten ohne solche Sicherheitstrakte?

Es ist eingetreten, was Politiker in der Hochzeit des islamischen Terrors vor zwei Jahren bereits durch die Blume gefordert hatten: Die Gewöhnung an die terroristische Bedrohung. Sie wird heute hingenommen wie schlechtes Wetter. Im September 2017 vergangenen Jahres sagte der damalige Innenminister Thomas de Maizière: „Wir werden auf Dauer mit der terroristischen Gefahr leben müssen.“ Sadiq Khan, Bürgermeister von London, meinte, terroristische Bedrohung sei eben „Teil des Lebens in einer Großstadt“.

Ist solche Gewöhnung nun vielleicht sogar eine positive Angelegenheit? Vermindert sie nicht den Schrecken, den Attentäter zu verbreiten vermögen? Vordergründig mag das so scheinen. In Wirklichkeit ist sie Symptom einer Teil-Kapitulation vor dem Terror: Man kann es eben nicht verhindern – so what! Stellt euch nicht so an! Die Pannen im Fall Amri und Chekatt sind wohl auch durch solches Denken in Behörden und Politik zu erklären, ebenso wie der lieblose Umgang mit den Opfern des Terrors. Nur nicht drüber reden! Nur nicht daran erinnern! Doch auch in einem Bürgerkrieg gewöhnen sich die Leute irgendwann an den Beschuss – tolerabel oder gar wünschenswert ist der Zustand trotzdem nicht.

Inzwischen sind wir in der Debatte bereits einen Schritt weiter: Im Netzauftritt der „Süddeutschen Zeitung“ war da in dieser Woche ein Text zu lesen, der forderte man möge das Wort „Terrorismus auf den Müllhaufen“ werfen. Begründung unter anderem: Was für den einen Terror sei, sei für den anderen ja positiv belegt. Beispiele sind ausgerechnet der Terror der französischen Revolutionäre von 1789 und die Sowjetunion.

Natürlich ist das Unfug. Leute, die durch Morde an Zivilisten, durch Angriffe auf die Infrastruktur ganz konkreten Schaden anrichten und Furcht säen wollen, sind das abgrundtief Böse. Da hilft keine Relativierung. Einer, der das genau wusste, war Helmut Schmidt. Am 16. September 1977 prangte sein Gesicht auf dem Titel der „Bild“ neben der programmatischen Schlagzeile „Wir besiegen die Terroristen“. Was für ein Kontrast zu den Defätisten, den de Maizières und Khans, des frühen 21. Jahrhunderts!

Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung der Nordwest-Zeitung (Oldenburg)

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben