Gespräch mit Prof. Andor Izsák, dem Gründer des „Europäischen Zentrums für Jüdische Musik“  

Das imposante Gebäude ist ein Schatz für sich: an der Westseite des größten Stadtwalds Europas – Hannovers „Eilenriede“ – gelegen, erhebt sich die Villa Seligmann, einstmals Heim des jüdischen Großbürgers Siegmund Seligmann, Direktor der Continental AG. Die auf einem großen Grundstück erbaute Villa aus Sandstein mit seiner fast vollständig erhaltenen Innenausstattung erinnert an eine vergangene Zeit des Großbürgertums und zeugt vom wirtschaftlichen Geschick seines Erbauers und Bewohners. Der wahre Schatz erschließt sich aber erst, wenn man eintritt und erfährt, was sich im Inneren des denkmalgeschützten Gebäudes abspielt. Hier pocht das Herz der lebendigen Erinnerung an den großen Schatz der jüdischen Sakralmusikkultur.

Die „Siegmund Seligmann Stiftung“ hat hier ihren Sitz und nutzt die Villa als Schauplatz für Konzerte, Vorträge, Ausstellungen und andere Veranstaltungen, die weitaus mehr sind als eine Erinnerung an ein Relikt vergangener Zeiten. Auch das „Europäische Zentrum für Jüdische Musik“ hat hier mit der „Andor Izsák Sammlung“ seine Heimat gefunden.

Die JÜDISCHE RUNDSCHAU hatte die Gelegenheit, sich mit Prof. Andor Izsák, dem Budapester Musiker und Musikwissenschaftler über das Projekt der Villa Seligmann und die Wiederentdeckung der verschollenen synagogalen Musik zu sprechen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr Izsák, können Sie uns kurz skizzieren, welche Mission das „Europäische Zentrum für Jüdische Musik“ hat?

Andor Izsák: Ich habe das „Europäische Zentrum für Jüdische Musik“ am 9. November 1988 in Augsburg gegründet. Ich habe bewusst den Tag der Zerstörung der Synagogen gewählt, den Tag, an dem auch die Synagogal-Musik zerstört wurde. 50 Jahre nach der Zerstörung wollte ich ein Signal in die Welt senden: Moment, ich bin da, ich habe Freunde und wir bleiben da! Wir können die Tradition nicht wiederherstellen, aber wir können daran erinnern. Wenn diese großartige Musiktradition der Synagoge, diese großartige liturgische Form in Vergessenheit geraten würde, dann hätte Hitler sein Ziel erreicht. Wir wollten dem entgegentreten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Das Zentrum macht sich zur Aufgabe, Noten und Fragmente der jüdischen Synagogal-Musik aus aller Welt zu sammeln. Sie haben damit begonnen – aber wo wurde der Anfang gemacht?

Andor Izsák: Das war irgendwie zwar nur eine Vision oder eine Illusion. Ich hatte ein Zimmer in der Augsburger Universität – bei geeignetem Wetter hatte ich einen herrlichen Blick auf die Alpen – wo ich mit meinem ersten Fund, so 30 oder 40 Noten angefangen habe. Das war sozusagen ein Akt der Generalprobe. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Wie sollte ich vorgehen? Ich hatte noch nicht das Knowhow. Zwar haben mich sehr nette, wohlwollende Freunde unterstützt, aber das war noch nicht professionell. Trotzdem habe ich meine ersten Konzerte veranstaltet, in Paris, in Brüssel und weiß Gott noch wo in den Synagogen. Dort habe ich neue Konzepte gestaltet, mit der von mir entdeckten Musik. Damals ging ich noch davon aus, dass die synagogale Musik in ihrer Gesamtheit nicht mehr wiederzubeleben sei. Die Tonträger und die Noten schienen weitgehend vernichtet worden zu sein.

Gott sei Dank war meine Vermutung falsch. Sehr viele Dokumente konnten gefunden werden, zunächst in Argentinien, dann in Südafrika und dann in Nordamerika, in Australien und überall. Ich habe eine Art von Netzwerk aufgebaut, wie eine Spinne, und wenn es irgendwo im Netz geraschelt hat, dann sprang ich sofort dahin, um ausfindig zu machen, was es gab. So habe ich unerwarteterweise in einer Garage in Kapstadt die Musik der Leipziger Synagoge, oder in einem Keller in Philadelphia die Musik der zerstörten Synagoge von Hannover gefunden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was hat sie nach Hannover geführt?

Andor Izsák: Es war ein Glücksfall! Ich war bei einem Vortrag des ehemaligen Direktors des Historischen Museums, Dr. Waldemar Röhrbein. Er hatte damals ein Buch geschrieben „Jüdische Persönlichkeiten in Hannovers Geschichte“ und im Museum ein Vortrag darüber gehalten. Dort habe ich zum ersten Mal den Namen Siegmund Seligmann gehört. Nach dem Vortrag bin ich also – wie das so ist – zu ihm hingegangen und habe ihn nach der Villa gefragt, und ob es sie noch gebe. Er antwortete: „Ja, natürlich, in der Hohenzollernstr. 39 – gehen Sie mal hin.“

Ich habe mir die Villa angesehen und war sofort Feuer und Flamme. Sie war das, was ich mein Leben lang gesucht hatte. Hier das erträumte Zentrum zu errichten, dem wollte ich fortan mein Leben widmen. So habe ich zunächst damit begonnen, Verbündete zu finden. Das war nicht einfach. Da kommt ein ungarischer Jude hierher und glaubt, dass er die Welt erlösen kann. Die Sympathie für das Projekt habe ich aber von Anfang an bei vielen geweckt. Es hat 20 Jahre gedauert, dass aus diesem Traum Realität wurde. Im Jahre 1992 habe ich die Villa zum ersten Mal gesehen und am 17. Januar 2012 wurde das die Villa Seligmann in neuem Glanz schließlich eröffnet. Ich habe 20 Jahre lang dafür gekämpft. Und es war knallhart. Oft wurde ich unter der Gürtellinie geschlagen, geohrfeigt und bespuckt, ich weiß nicht, was ich alles durchleiden musste…es war kein Zuckerschlecken. Es war ein Feldzug. Aber nach 10 oder 15 Jahren hat man schon gespürt, dass daraus etwas werden wird.
Das war der Zeitpunkt, zu dem wir die „Siegmund Seligmann Stiftung“ gegründet haben, was dann der Schlüssel für die Realisierung meines Traums wurde. So haben wir das Haus von der Stadt Hannover kaufen können. Wir haben uns verpflichtet, die Villa auch standesgerecht und der Bedeutung gemäß zu restaurieren.

1992 gab es dann unseren Wechsel nach Hannover an die Musikhochschule. Dort fand ich eine richtige Ausstattung mit einem fachgerechten Hochschulinstitut und das eröffnete mir Perspektiven. Es war beeindruckend, wie ich die Entwicklung spüren konnte, auch geographisch; alles wurde möglich durch die professionelle Besetzung. Wir haben professionelle wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter zur Verfügung. In der Musikhochschule Hannover hat das „Europäische Zentrum für Jüdische Musik“ ein richtiges und angemessenes Forum bekommen. Und von Anfang an suchte ich einen Ort für meine Noten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie viele Noten hatten Sie zu dem Zeitpunkt?

Andor Izsák: Also ich kann nur eines sagen, damals hatte ich die Notensammlung bei mir zu Hause. Ihr Umfang betrug ungefähr 25 Meter Länge und 2,5 Meter Breite. Nach dem Umzug nach Hannover ist sie noch ein bisschen gewachsen. Ich wollte in Augsburg ursprünglich in die Synagoge gehen, dort gibt es nämlich die schönste Jugendstil-Synagoge Europas. Dieser Plan ließ sich nicht verwirklichen. Ich hatte nicht die notwendige Sympathie dafür. In Hannover gab es keine Synagoge. Die neue Synagoge war dafür nicht geeignet, die alte Synagoge war zerstört. Ich wollte aber unbedingt autonom, authentisch jüdischen Boden unter den Füßen haben.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Die Villa Seligmann konnte also ihr Archiv aufnehmen. Wenn man eintritt, sieht man im Untergeschoss auch eine Orgelsammlung. Eine der Orgeln stammt aus der Synagoge in Budapest. Können Sie darüber etwas erzählen?

Andor Izsák: Ich muss zunächst einmal den Anfang machen. Eine Orgel gab es bereits im Tempel. Im Tempel von Jerusalem gab es instrumentale Musik. Nehmen Sie den Psalm 150, da werden alle Instrumente aufgezählt. Der Talmud spricht von der Magrepha. Das war die erste Orgel, die im jüdischen Gottesdienst eingesetzt wurde. Als der Tempel zerstört wurde, also nach der Zeitrechnung im Jahre 70, wurden sämtliche Merkmale des Tempel-Gottesdienstes verboten. Sie wurden aber nicht gesetzlich verboten, aber sie wurden einfach nicht gemacht. Als Beispiel: wenn Sie in Rom den Titusbogen sehen, dann sehen Sie die Menora. Sie werden nie in einer Synagoge die Menora so sehen, wie sie auf dieser Abbildung zu sehen ist. Das ist verboten. Ich wiederhole, das ist kein Gesetz, aber so wird es eben gemacht. So wurde auch die Musik des Tempels als wichtiges Zeichen in den Diaspora-Synagogen verboten. Sie wurde einfach nicht gespielt, um der Gefahr vorzubeugen, dass wir Juden uns in der Diaspora wohlfühlen und dann nicht mehr den Ruf „nächstes Jahr in Jerusalem“ beten. Sollten wir uns wohlfühlen, dann hätten wir vielleicht gar nicht mehr nach Jerusalem zurückgewollt; vielleicht hätten wir hier dann dortbleiben wollen. Das wollte man nicht. Wir wollten immer, dass die Wunde blutet, und anstelle sie zu verarzten, wollte man sie lieber aufkratzen. Wir sollten diese Kluft, diese Sehnsucht nach der Musik im Tempel spüren, bei jeder Feier. Daher gab es keine instrumentale Musik in den Synagogen. Das einzige Instrument, das erlaubt war, war der Schofar. Der wird am Jom Kippur geblasen. Das ist aber ein Signalinstrument und wurde nicht wegen seiner Schönheit, sondern wegen seiner Symbolik geblasen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie kamen dann also die Orgeln zustande?

Andor Izsák: Im Jahr 1810 gab es einen Mann in der Nähe von Hannover, in Seesen am Harz, er hieß Israel Jacobson. Jacobson betrieb eine jüdische Schule. Er nahm an dieser Schule auch nicht-jüdische Kinder auf. Dass man in christlichen Schulen jüdische Kinder aufnahm, das war gang und gäbe, aber es war ziemlich ungewöhnlich, dass man in eine jüdische Grundschule auch nicht-jüdische Kinder aufgenommen hat. Jacobson wollte ein Zeichen setzen. Er baute auch eine Synagoge und er nannte die Synagoge „Tempel“. Das genügte nicht – er baute auch eine Orgel hinein. Das war Blasphemie, das war ein Horror! Der Mann wusste das nicht, aber er hat ungewollt das liberale Judentum erfunden. Jacobson war der Vater des liberalen Judentums. Das Wahrzeichen des liberalen Judentums wurde die Orgel. Nun gab es dort eine Orgel, die auch benutzt wurde. (…)

Das Gespräch führte
Jan Bentz

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