März 8, 2019 – 1 Adar II 5779
„In einem Jahr kann so viel passieren!“

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Ein Interview der JÜDISCHEN RUNDSCHAU mit dem deutsch-jüdischen Model Tamar Morali 

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Liebe Tamar, als Model mit deutsch-israelischem Hintergrund hast Du eine gewisse Bekanntheit erlangt. So warst Du beispielsweise beim Israelkongress 2018 in Frankfurt am Main an prominenter Stelle als Rednerin präsent. Bitte erzähle unseren Lesern etwas über Deine Herkunft und über Dich, was zeichnet Dich aus und macht Dich besonders?

Tamar Morali: Meine Eltern sind Juden georgischen Ursprungs, mein Vater ist in Tbilisi geboren und kam im Alter von drei Jahren nach Israel. Dort lernte er meine Mutter kennen, die in Netanja geboren ist. Ich selbst bin 1996 in Karlsruhe geboren. Mit acht Jahren sind wir nach Wien gezogen, wo ich im Jahr 2014 mein Abitur gemacht habe. Anschließend ging ich für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Israel, wo ich kürzlich mein Studium der Kommunikationswissenschaften und Wirtschaft an der Universität Herzliya mit Auszeichnung abgeschlossen habe.

Schon im jungen Alter habe ich mich für Mode, Fashion und Lifestyle interessiert, jedoch war das für mich immer nur ein Hobby – bis ich 2017 im Rahmen der Fashion Week den „Vienna Look Style Award“, einen Modewettbewerb, gewonnen habe. Das war mein großer Durchbruch! Nach diesem Wettbewerb habe ich einen Fashion Blog auf Instagram gegründet – „moralifashion“ –, welcher sich nicht nur mit Mode beschäftigt, sondern auch mit meinen alltäglichen Erlebnissen, Reisen und dem Familienleben, wo ich versuche viele junge Leute zu ermutigen und meine Lebensfreude mit meinen Fans zu teilen. Ich würde mich auf jeden Fall als einen sehr lebensfrohen Menschen bezeichnen. Ich würde fast meinen, es gibt kaum Momente, an denen ich nicht lächle. Ich versuche, so oft es geht mein Leben mit einer positiven Einstellung und viel Freude zu leben.

Darüber hinaus war es mir schon immer wichtig, ein gutes Vorbild zu sein. Ich habe nämlich vier jüngere Geschwister, mit denen ich viel teile und die mir die Welt bedeuten – daher war es mir schon immer wichtig, dass sie mich als verantwortungsvolle große Schwester sehen. Seit meiner Kandidatur bei der „Miss Germany“-Wahl hat sich mein Leben drastisch verändert und ich merke immer mehr, wie stark diese Verantwortung zunimmt – natürlich im guten Sinne! Seit dem Sieg bei der „Miss Internet“-Wahl habe ich die Möglichkeit, im Fernsehen und in der Presse von meinen Gedanken, meiner Geschichte und meinen Interessen zu erzählen, vor allem aber auch über mein deutsch-israelisches Zuhause. Beide Länder, Deutschland und Israel, sowie die Beziehungen zwischen diesen, spielen in meinem Leben eine bedeutende Rolle. Ich bin beiden Ländern sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich dort machen durfte. Ich möchte aufzeigen, wie das alltägliche Leben in Israel jenseits der medialen Schlagzeilen und zumeist politikfokussierten Berichterstattung abläuft. Dadurch möchte ich junge Menschen motivieren, selbst aktiv zu werden und ihr Leben selbstbewusst zu gestalten. Für mich ist es auch sehr wichtig, dass ich mich in allen drei Ländern, auch in Österreich, immer zuhause fühlen kann.

JR: Welche Rolle spielt der jüdische Glauben in Deinem Leben? Würdest Du Dich als „religiös“ bezeichnen?

TM: Ich bin in einem religiös-traditionellen Haushalt und zweisprachig mit Hebräisch und Deutsch aufgewachsen. Besonders meinem Großvater bin ich sehr dankbar dafür, dass er mir schon früh die Bedeutung der hebräischen Sprache und Kaschrut für uns aufgezeigt hat. Er hat übrigens die jüdische Gemeinde in Karlsruhe mitgegründet und das Engagement in der jüdischen Gemeinde nimmt in meiner ganzen Familie einen wichtigen Platz ein. Meine Familie und ich gehen gemeinsam jeden Samstagmorgen an Schabbat in die Synagoge. Es ist ein schönes Gefühl, als Familie in die Synagoge zu gehen und jeden Freitag auch den Schabbat zu feiern. Die Glaubenspraxis hat mich näher zu G’tt gebracht, und ich halte die Speisegesetze, den Kaschrut, ein und möchte auch unbedingt jüdisch heiraten.

JR: Wie passt Dein religiöses Selbstverständnis mit der Tätigkeit als Model zusammen?

TM: „Religiös“ zu sein bedeutet überall etwas anderes. Besonders im Judentum sind die Möglichkeiten, die einem zur Verfügung stehen, um seinen Glauben auszuleben, sehr individuell. Letztendlich geht es darum sich bei dem, was man tut, wohl zu fühlen und einen Sinn darin zu erkennen. Vor der Wahl zur „Miss Internet 2018“ (Auszeichnung der „Miss Germany Corporation“, Anm. d. Red.) war Mode wie bereits erwähnt nur ein Hobby. Ich habe es nie mit dem vorrangigen Ziel betrieben, damit Geld zu verdienen. Bei Shootings im Bikini bin ich zurückhaltender als manch andere Models und war anfangs nicht mit der Veröffentlichung aller Fotos einverstanden. Man muss seine persönlichen Grenzen finden, innerhalb derer man sich wohlfühlt. Ich sehe mich auch als Repräsentantin von Deutschland und Israel, das bringt wieder eine gewisse Verantwortung mit sich. Als ich dann am Schönheitswettbewerb „Miss Germany 2018“ teilgenommen habe, war ich positiv überrascht, dass es weniger um Größe oder sonstige Klischeekategorien ging, sondern primär darum, sich wohl zu fühlen und dabei seine Persönlichkeit und Geschichte mit Menschen zu teilen. Dass die „Miss Germany“ immer hinter meinen Entscheidungen stand, dafür bin ich sehr dankbar.

JR: Das Restaurant Feinberg’s, in dem wir uns gerade befinden, war bereits mehrfach von antisemitischen Übergriffen betroffen. Musstest Du selbst bereits Erfahrungen mit Antisemitismus in Deutschland sammeln? Und wenn ja, wie sahen diese aus?

TM: Ich habe bisher wirklich keine negativen Erfahrungen in Deutschland gemacht, darüber bin ich sehr glücklich. Auch nicht in Österreich. Wenn ich auf mein Judentum angesprochen wurde, dann nur im positiv interessierten Sinne. Deshalb möchte ich ein neues Bild von Deutschland in Israel vermitteln, vor allem, dass jüdisches Leben in Deutschland möglich und auch sehr lebendig ist. Ein gutes Beispiel sind die zahlreichen Vereine, Projekte und Initiativen wie beispielsweise der größte jüdische Gesangswettbewerb Europas, die „Jewrovision“, die dieses Jahr in Frankfurt am Main stattfinden wird, wo ich selbst moderieren werde. Oder die Machanot, jüdische Sommer- und Wintercamps, die jedes Jahr mit mehreren hundert Teilnehmern stattfinden.

JR: Du studierst aktuell Kommunikationswissenschaften in Herzliya, nördlich von Tel Aviv, pendelst jedoch oft zwischen Israel, Österreich und Deutschland. Wie schaffst Du das alles?

TM: Ich habe diesen Sommer mein Studium erfolgreich abgeschlossen, darauf bin ich sehr stolz. Vor allem, weil ich auf Englisch studiert habe, welches nicht meine Muttersprache ist. Mit 17 Jahren ging ich alleine nach Israel. Es war anfangs sehr schwer für mich, vor allem, weil ich in so einem jungen Alter entschlossen habe, alleine in ein Land zu gehen, das so anders ist als Europa. Ich habe mit jedem Schritt, den ich gemacht habe, vieles gelernt. Und ich habe jede neue Herausforderung angenommen, die mir in den Weg kam. So habe ich mich in diesen Jahren sehr entwickeln können. Da ich heute ständig unterwegs bin, möchte ich von verschiedenen Orten so viel wie möglich mitnehmen.

Ich habe ich gelernt, dass man sich Dinge einfach zutrauen und seine Angst vor dem Handeln überwinden muss. Der erste Schritt ist einfach der Schwerste. Es ist wichtig, dass man einen Job ausübt, den man liebt. Und ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass ich das, was ich heute mache, liebe. Ich liebe es zu reisen und ich liebe es, präsent zu sein und zu reden. Wir verfügen durch die digitale Kommunikation über so viele Möglichkeiten, die es früher nicht gab. Das müssen wir unbedingt nutzen, um daraus das Beste für uns zu machen und Dinge, die wir erleben, mit anderen zu teilen. Für mich ist es auch sehr wichtig, dass ich mich in allen drei Ländern immer zuhause fühlen kann.

JR: Du bist auch Mitglied der zionistischen Jugendorganisation. Was hat Dich zu diesem Engagement motiviert?

TM: Ich komme aus einer zionistischen Familie. Seit vielen Jahren bin ich Mitglied der Bnei Akiva, mit 14 Jahren übernahm ich die Verantwortung als Leiterin einer Jugendgruppe. Anschließend habe ich mit Bnei Akiva mein Freiwilliges Soziales Jahr in Israel absolviert. Dabei habe ich das Land in seiner ganzen Vielfalt erleben können, da wir alle zwei Monate an einem anderen Ort waren. Ich war im Kibbuz, an einer Midrascha, beim Roten Kreuz und habe bei dem tollen Projekt „Safe a Child‘s Heart“ für herzkranke Kinder mitgewirkt. Kürzlich hatte ich die große Freude, an einer Delegationsreise der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands (JSUD) nach Buenos Aires teilzunehmen. Neben dem Treffen mit dem israelischen Botschafter in Argentinien haben wir auch sehr interessante Gespräche mit jüdischen Leuten meines Alters aus Lateinamerika geführt.

JR: Wie sehen Deine Pläne für die Zukunft aus?

TM: Ich möchte die Gelegenheiten nutzen, die sich infolge der Wahl zur „Miss Internet 2018“ ergeben haben – und dabei stehe ich erst am Anfang. Beispielsweise sind die „Bild“ und die „Welt“ extra nach Israel geflogen, um mit mir Interviews zu führen. Bei einem persönlichen Abendessen mit dem Bürgermeister von Los Angeles, Eric Garcetti, der jüdisch-mexikanischer Abstammung ist, hat sich mein Interesse an der Filmbranche entwickelt. Die meisten der amerikanischen Filmproduzenten, die ich kennengelernt habe, sind jüdisch – da war ich sehr überrascht. In einem Jahr kann so viel passieren – es kommt alles darauf an, was Du daraus machst. Jedenfalls ist es mir ein Herzensanliegen, mich weiterhin für ein positives Bild von Deutschland in Israel zu engagieren und meiner Generation den Optimismus für ein erfülltes Leben zu vermitteln, den ich selbst verspüre. Ich wünsche mir sehr, dass ich mit dem Weg, den ich einschlage, nicht nur auf meinen persönlichen Erfolg hinstrebe, sondern auch anderen immer mehr zu geben habe. Ich bin selbst gespannt darauf, wohin der Weg mich noch führen wird.

JR: Liebe Tamar, herzlichen Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

Das Interview führte Urs Unkauf.

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