Meine Zeit während des Sechstage-Kriegs 1967 in Be‘er Schewa  

Von Dr. Elvira Grözinger

Um es vorweg zu sagen: Ich bin keine Historikerin, keine Politikwissenschaftlerin und keine Heldin. Ich habe das Glück, niemals gekämpft haben zu müssen. Die folgenden Erinnerungen an die längst vergangenen Jahrzehnte, die ich auf Wunsch der Jüngeren hier skizziere, ist daher rein subjektiv. Aber sie ist authentisch.

Bis März 1968, also ein knappes Dreivierteljahr nach dem Sechstagekrieg, waren auf dem deutschsprachigen Buchmarkt acht Bücher über Israel aus der Feder europäischer Autoren und dieses einmalige historische Ereignis erschienen, im Volksmund der „Sieg des Davids über Goliath“ genannt. Der überraschende und atemberaubende „Blitzsieg“ des kleinen jüdischen Staates im Verteidigungskampf gegen drei arabische Staaten beeindruckte Freund wie Feind. Wenige ließ dieses „Wunder“ kalt. Das Ergebnis dieses Staunens waren diese Publikationen – wie z.B. György Sebestyens Klassiker zum Thema, Anatomie eines Sieges – Blitzkrieg um Israel (Wien und Hamburg). Der spätere Präsident der österreichischen PEN-Clubs wirft ein Licht auf die historischen Anfänge des jüdisch-arabischen Konflikts und die Rolle der Sowjetunion; oder die Klage über die Ohnmacht bzw. die Parteilichkeit der UN-Truppen des demissionierten schwedischen Generals Carl von Horn Soldaten mit beschränkter Haftung – Ein UN-General rechnet ab (Wien), der auch mit dem israelischen Geheimdienst abrechnet. Der Historiker und Kriegsberichterstatter Randolph S. Churchill, Sohn von Winston S. Churchill, schrieb ein detailliertes und kenntnisreiches Buch, das ich in einer schon 1967 erschienen hebräischen Übersetzung unter dem Titel Der Sechstage-Krieg erwarb, auf Deutsch hieß es …. und siegten am siebenten Tag (Bern, München, Wien). Schließlich hat der Bericht eines Beauftragten – Die Deutsch-Israelischen Beziehungen 1951-1968 (Tübingen) von Felix S. Shinnar, dem späteren Leiter der israelischen Mission in Köln und Wegbereiter der deutsch-israelischen Versöhnung, über die Hintergründe und Folgen dieses dritten arabisch-israelischen Krieges innerhalb von 19 Jahren seit der Gründung des jüdischen Staates aufgeklärt.

Das Interesse an Israel weltweit und so auch hierzulande entflammte damals auf einmal und erlosch eigentlich bis heute nicht, wobei die Haltung sich von jubelnd über positiv bis hin zu feindselig gewandelt hat, was der erfolgreichen arabischen Propaganda, gepaart mit wirtschaftlichen Interessen und alten Ressentiments geschuldet ist. Es gab eine Reihe von Männern auch in Deutschland, die auf der Seite Israels in den Kampf ziehen wollten, was Israel aber dankend ablehnte. Das nahmen diese Hitzköpfe übel. Ein solcher beklagte sich später bei mir über diese Zurückweisung mit antisemitischem Unterton.

Vom waldigen Riesengebirge in die Wüste
Das war die Außensicht. Wie die Bewohner des Landes selbst die Dinge sahen, kann man auch aus Darstellungen jener Zeit erfahren. Ich wohnte in der Wüstenstadt Be‘er Schewa, wohin ich als Neueinwanderin aus Polen mit meinen Eltern 1958 zog. Be‘er Schewa war damals die Hauptstadt der Negev-Wüste, spärlich bewachsen mit Eukalyptusbäumchen, die kaum Schatten spendeten. Das war für jemanden, der aus dem Riesengebirge kam und in schöner, üppig bewaldeter Natur die Kindheit verbracht hatte, sehr gewöhnungsbedürftig. Die kleine orientalische Altstadt mit dem Minarett, einem aus der britischen Mandatszeit stammenden Gefängnis, in der zugleich die Polizeidirektion und die Staatsanwaltschaft untergebracht waren, hatte ein gutes Restaurant „Kassit“ an der einzigen Hauptstraße und den allwöchentlich am Donnerstag stattfindenden Beduinenmarkt. Dieser Kern wurde in einem schnellen Tempo von Neubausiedlungen umgeben. Sie wurden vor allem von den beiden großen staatlichen Baugenossenschaften errichtet – „Solel Bone“ und „Amidar“. Heute werden sie vielfach abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Es entstanden Siedlungen, die man einfachheitshalber der Reihe nach nach dem hebräischen Alphabet benannte, „Schikun alef“, „Shikun bet“, „Shikun gimel“, usw. In der ersten Siedlung wohnten mehrheitlich die aus Marokko eingewanderten Juden, meine Eltern als Akademiker aus Polen konnten (wie viele andere aus der sogenannten „Gomulka-Alija“, der Antisemitismus geschuldeten Einwanderungswelle von 1957/58) eine Wohnung in einem typischen Mehrfamilienhaus in dem dritten neuentstandenen Wohnviertel erwerben. Sie beide fanden in der Stadt Arbeit in derselben nahgelegenen Poliklinik, meine Mutter als Zahnärztin, mein Vater als Hautarzt. Als Nachbarn hatten wir Akademiker aus Polen, Ungarn und Holland. In allen Vierteln befanden sich Beratungsstellen für Schwangere, Mütter und Kleinkinder bis 6 Jahren, „Tippat Chalaw“ genannt, ein „Tropfen Milch“. Sie wurden 1921 durch die zionistische Frauen-Organisationen Hadassa und WIZO, der auch ich angehöre, ins Leben gerufen. Eine war gegenüber meinem Haus.

Die Textilfabrik, die ein Atomreaktor war
Es gab zwei Kinos mit gutem Programm, Fernsehen gab es noch lange nicht. Es war nicht sehr viel los in der Stadt, einige Cafés, das Schwimmbad, in dem wir als Kinder und Jugendliche die Sommerferien verbrachten. Ewas außerhalb wurde damals ein Luxushotel mit Country Club eröffnet, „Desert Inn“, ein Treffpunkt der damaligen „Yuppies“ und der „jeunesse doree“, deren Eltern ihren Söhnen Autos kauften, mit denen man hinfahren konnte. Die hatten Vorrang bei den Mädchen. Der Strand von Aschkelon, damals noch ein kleines Nest, war der nächstgelegene. In dem „Haus des Volkes“ (Bejt ha-am), einem Mehrzweckgebäude, fanden Theateraufführungen, Konzerte und Vorträge statt. Sonntags verwandelte sich der große Saal in eine katholische Kirche. Diese wurde für die Franzosen eingerichtet, die offiziell am Bau einer Textilfabrik arbeiteten, es war aber ein offenes Geheimnis, dass es sich um den Atomreaktor in Dimona, einer nahen Kleinstadt, handelte.

Das Gymnasium in Be’er Schewa wurde damals von der legendären Puah Menczel-Ben-Tovim (1903/4-1991) geleitet, die als Franz Kafkas kurzzeitige Geliebte und Hebräischlehrerin Weltberühmtheit erlangte. Von ihr sprach man immer mit tiefstem Respekt. Ihr Sohn Ehud Netzer war einer der bedeutendsten israelischen Archäologen. Er hatte das Grab des Herodes auf dem Herodion-Hügel entdeckt.

Die Anfänge der heutigen Ben-Gurion-Universität liegen in jener Zeit. Die ersten Kurse fanden in dem damaligen Hyatt-Hotel statt. Mein Vater hielt die ersten Vorlesungen in der Medizin. 1964, zu jung für den Militärdienst, begann ich mein Studium der Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalem und verbrachte wenig Zeit in Be’er Schewa. In den Sommermonaten jobbte ich jedoch in der Exportabteilung im Verwaltungsgebäude der Dead Sea Works, eines Unternehmens, das die Mineralien des Toten Meeres in Sodom verwertete.

Auf einmal wurde es unruhig in der Wüstenprovinz
Diese provinzielle Ruhe der Kleinstadt ging dann ab Mitte Mai 1967 schlagartig zu Ende. Die Spannungen mit den arabischen Nachbarn waren nichts Neues, aber nun verschärften sie sich durch Gamal Abdel Nassers Provokationen durch Truppenkonzentration im demilitarisierten Sinai und die Kapitulation des UN-Generalsekretärs U-Thant sowie den Abzug der UN-Truppen, die seit dem Suez-Krieg 1956 dort stationiert waren. All das verhieß nichts Gutes. Israels Erfahrungen mit der UNO sind also seit langem nicht die besten. Am 23. Mai 1967 sperrte Nasser, enger Verbündeter der Sowjetunion, die ihn mit Geheimdienstberichten versorgte und ihm die Lieferung von Atombomben in Aussicht stellte, die Wasserstraßen von Tiran im Golf von Aqaba für israelische und andere Schiffe. Damit wurde Israel der Zugang zum Indischen Ozean versperrt, für Israel ein Casus Belli. Es war die Fortsetzung des Stellvertreterkriegs der Blöcke im Kalten Krieg von 1956, in dem Israel als „Handlanger des amerikanischen Imperialismus“ zum Feindbild der Ostblockstaaten wie der Araber wurde, den es zu vernichten galt. Man begann umgehend mit der Mobilisierung, die Städte leerten sich von Männern im kampffähigen Alter. Auch der Universitätsbetrieb wurde eingestellt und so fuhr ich aus Jerusalem nach Hause. Die Busse und die damals noch nicht so zahlreichen Privatwagen wurden für militärische Zwecke eingesetzt. Ein Krieg bahnte sich an und Unheil lag in der Luft.

Frauen und Kinder ersetzten die Männer im Zivilleben
Die Zivilbevölkerung betätigte sich auf vielfältige Weise und ersetzte nach Kräften die fehlenden Männer – ob mit dem Befüllen von Sandsäcken, mit denen Hauseingänge vor Einschlägen geschützt werden sollten, beim Aushub von Schutzgräben, bei der Kinder- und Altenbetreuung. Auch in den Krankenhäusern wurden Hilfskräfte gebraucht. Meine Mutter war in ihrer Poliklinik im Bereitschaftsdienst, ich wurde Schwesternhelferin im Rahmen des Vereins „Yad Esra La-hole“ (Eine helfende Hand für den Kranken, YAEL) des Krankenhauses. Wir bereiteten vor allem Vorräte an Verbandsmaterial vor, denn man musste mit großen Zahlen an Verwundeten rechnen und bereit dafür sein. Man sah Militärkonvois auf den Straßen, sie zogen gen Westen zur ägyptischen Grenze. Spannungen gab es auch an der Grenze zu Syrien im Norden.

Die Angst vor einem „Auschwitz II“ ging um: Musste man mit Schiffen aus dem Lande fliehen?
Die – leider – schon kriegserprobten Israelis reagierten auf die Lage wie stets in Krisenzeiten mit bewundernswerter Disziplin, Vernunft und gegenseitiger Hilfsbereitschaft. Man legte Vorräte an, verklebte die Fenster mit Klebestreifen, brachte Verdunkelung an, den Alten und Pflegebedürftigen wurde dabei geholfen. Jeder hatte ein Gepäckstück mit dem Nötigsten und Wertvollsten dabei, um damit in einen Luftschutzraum länger bleiben zu können oder, im schlimmsten Fall, mit dem Schiff zu fliehen zu versuchen. In einer Gemeinschaft ließ sich die täglich steigende Spannung, die Angst um die eingezogenen Angehörigen und vor der unsicheren Zukunft besser ertragen. Denn alle Daheimgebliebenen fürchteten sich vor dem Krieg, der erneuten Vernichtung, einem „Auschwitz II“. Für die traumatisierten Überlebenden der Schoa war es sehr schwer und nun knapp 22 Jahre danach übertrugen sie ihre Ängste auf ihre Kinder. Man wusste von den Gräueln der Araber Juden gegenüber und die irakischen Juden hatten den Farhud des Jahres 1941, den Pogrom von Bagdad, noch frisch in Erinnerung, zumal aus Ägypten Vernichtungsdrohungen kamen. „Juden ins Meer!“ war die damalige Parole, die arabische Presse war sich in dem Ziel einig, den jüdischen Staat zu beseitigen.

Die immer enger werdende Schlinge zog sich am 5. Juni 1967 zu. Be’er Schewa rückte ins Zentrum des Konflikts mit Ägypten. Es war der Ausgangspunkt der Truppen und Anlaufstelle für Verletzte, als der Krieg am Morgen ausbrach, in dem Israel keine Unterstützung aus dem Ausland erhielt. Allein gegen die Welt, die uns erneut im Stich lässt, so empfanden wir es damals. Charles de Gaulle verhängte ein Embargo gegen Israel. Die Reaktion war typisch jüdisch, Galgenhumor, mit Spottgedichten auf den Franzosen. Der gallische Hahn als Symbol wurde verspottet: „Ku-ku-ri-ku tarnegol, mi sham’a po al de Gaulle“ (Kikeriki kräht der Hahn, wer hat hier von einem de Gaulle gehört), reimten sogar die Kinder. Es war ein Präventivkrieg nach der Meinung von Übelwollenden, da Israel eine Überraschungs-Offensive gegen Ägypten begann, ich aber empfand ihn als einen Verteidigungskrieg eines von allen Seiten von Feinden umgebenen Landes und wollte, 19-jährig, leben, nicht sterben.

Obwohl ich nicht religiös bin, musste ich bei der Eroberung der Klagemauer weinen
Im Krankenhaus, zuständig für die ägyptische Front, waren alle in ständiger Alarmbereitschaft. Überall hörte man Nachrichten, die Radios waren Tag und Nacht an, jeder trug ein Transistorradio, sogar auf der Toilette, mit sich. Wir schliefen dort, sofern man zum Schlafen kam. Israel beabsichtigte, die Straße von Tiran wieder zu öffnen und die ägyptische Armee zu zerschlagen. In der Tat gelang es innerhalb von wenigen Stunden die von den Sowjets aufgebaute Luftwaffe und das Heer zu vernichten, während die ägyptische Propaganda Lügen-Meldungen über den Sieg und die Zerstörung Israels in die Welt schickte und Siegesmusik erschallen ließ. Die offiziellen Meldungen der israelischen Regierung, trotz der verhängten Nachrichtensperre, machten uns zuversichtlicher, doch Jordanien und Syrien traten in den Krieg ein und Israel musste fortan an drei Fronten kämpfen. Am dritten Tag wurde Ostjerusalem mit der Klagemauer erobert. Diese Nachricht elektrisierte und begeisterte alle. Wiewohl ich nicht religiös bin, vergoss ich wie meine Kolleginnen Freudentränen. Das prophetische Lied „Jeruschalaim schel sahav“ (Das goldene Jerusalem von Naomi Shemer) gesungen durch Shuli Nathan seit Mitte Mai, wurde zu einer Siegeshymne dieses Krieges und alle summten mit. Bis heute ist es bekannt und beliebt.

Blutspende für den Feind
Wir waren gleich mit dem Kriegsausbruch in vollem Einsatz. In kurzen Abständen landeten Hubschrauber mit verwundeten Soldaten und verletzten ägyptischen Kriegsgefangenen. Heute noch, wenn der Rettungshubschrauber über mir in die nahegelegene Klinik fliegt, zucke ich zusammen. Man hatte immer Angst, denn es war meist ein Freund oder Verwandter darunter. Als meine seltene Blutgruppe für die ägyptischen Gefangenen dringend gesucht wurde, spendete ich mein Blut für diese barfüßigen Männer, die mich voller Hass anblickten. Ich hoffte, dazu beizutragen, dass aus Feinden künftige Freunde werden, die ihr Leben dem Feind verdanken. Wie aber der nächste Jom-Kippur-Krieg bewies, war es leider eine der vielen diesbezüglichen Illusionen.

Alle hofften auf den Waffenstillstand – Ägypten und Jordanien waren einverstanden, Syrien aber nicht. Wieder eine Zitterpartie. Die israelischen Truppen wurden deswegen von der ägyptischen an die syrische Front verlegt und eroberten den Golan, von dem aus jahrelang die israelischen Felder in der Ebene beschossen wurden. Am Abend des 10. Juni 1967 trat der Waffenstillstand endlich in Kraft. Der Krieg war gewonnen, die Erleichterung und der Jubel unbeschreiblich. Euphorisch und wie im Rausch durchlebten wir die ersten Tage nach dem Albtraum. Man holte den fehlenden Schlaf nach, freute sich über die unversehrten Heimkehrer und trauerte um die vielen Toten und Verletzten in fast allen Familien. Israel war klein, es sprach sich schnell herum. Freud und Leid, Siegespartys und Begräbnisse wechselten sich ab.

Gaza war eine Müllkippe
In den ersten Nachkriegstagen bereiste ich mit anderen den Gazastreifen und das Westjordanland. Gaza war eine einzige Müllkippe, ein Slum – was wir dort sahen, entsetzte uns. Ägypten hielt die dortige Bevölkerung im Elend! Das jordanische Westjordanland war unterentwickelt, vielerorts nicht elektrifiziert, viele primitive Behausungen, Ziegenherden am Straßenrand. Eine Agrargesellschaft, sehr orientalisch, aber nicht idyllisch. Jericho war eine Oase in der Wüste wie zu Zeiten des Lawrence von Arabien. In Hebron besuchte ich das Grab der Patriarchen, in Bethlehem die Geburtskirche. Nablus war eine typische arabische Stadt. Ich befand mich in einer Welt wie sie die Orientreisenden im 19. Jahrhundert beschrieben. Das junge Israel war zu der Zeit schon ein hochentwickelter Staat.

Die Hoffnung auf eine friedliche Koexistenz der beiden Völker zum Wohle aller in der Region, die wir nach diesem Krieg hegten, erfüllte sich leider bis heute nicht. Es war nicht der letzte Krieg.

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