Juni 8, 2018 – 25 Sivan 5778
Ich bin kein Musiker – ich bin die Musik!

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Mit nur 62 Jahren ist der berühmte jüdische Jazz-Musiker Michail Alperin gestorben 

Von Sergei Gawrilow

Selten hat das sowjetische Plattenlabel „Melodiya“ Anstalten unternommen, um Jazzaufnahmen zu produzieren. Umso wertvoller war jedes Vinyl-Zeugnis von der Freiheit des Geistes in jenem Land, in welchem ein solcher Luxus von der Regierung nicht begrüßt wurde, ihr gar verdächtig erschien.

Als ein solcher seltener Kontrapunkt zu der allgemeinen Linie der Partei erschien die zweite Platte aus der Reihe „Jazz-82“, die auf dem VIII. Moskauer Festival der Jazzmusik aufgenommen wurde. Die Seite A ist fast komplett den Musikern der Kischenewer Formation „Quarte“ von Simon Shirman gewidmet, in der mir sofort der Pianist aufgefallen war – Michail Alperin. Auch von den Produzenten der Platte wurde er hervorgehoben, indem sie ein Solostück des Musikers, „Karikatur in aller Freundschaft“, auf der Platte veröffentlichten.

Eine leuchtende persönliche Handschrift, unaufhaltsame Fantasie und einen leidenschaftlichen Drang, der Trägheit und Routine zu entgehen – all das besaß Mischa (so wurde er später liebevoll und vertraut unter Freunden sowie auf Plattencovern genannt). Bald hatte ich das Glück, mich mit Alperin ein wenig zu unterhalten. Das war nach dem Kiewer Konzert der Formation „Arsenal“, in welcher Mischa kurz wie ein Asteroid aufblitzte, um dann die neuen Weiten des Alls zu bezwingen. Letzten Herbst erinnerte ich ihn an die damalige Begegnung. Das passierte in der Pause beim Berliner Auftritt des legendären „Moscow Art Trio“, das im zweiten Teil durch die Präsenz der extraordinären, hervorragenden Akkordeonistin und Vokalistin Evelina Petrova, der Gattin Alperins, zum Quartett erweitert wurde.

Krebs
Viele wussten bereits, dass Mischa schon seit einigen Jahren mit einer Krebs-Erkrankung kämpft. Es gab beste Hoffnungen auf Genesung. So schien es auch an diesem Abend, als ob er die Krankheit bezwungen habe – das sah man in seinen Augen, hörte man in seiner Musik. So, als würde er uns eine Botschaft übermitteln: „Ihr Lieben, ich bleibe noch lange bei euch, und ihr hört zu! Hört und staunt!“ Und plötzlich der erschütternde Post von Evelina auf Facebook:

„Am 11. Mai um 8.30 Uhr in der Früh ist mein allerteuerster Freund, Mischa Alperin, auf die himmlische Reise gegangen. Er kämpfte bis zuletzt, er glaubte an das Leben und an die Unsterblichkeit. Selbst auf dem schweren Weg der Krankheit jubelte seine Seele wegen den kleinen Freuden des Lebens, die für ihn das ganze Leben lebenswert machten.

Er ging wie ein Sieger, demütig und stolz auf sein Leben! Sogar im schweren Zustand predigte er leidenschaftlich das einzige Gesetz des Lebens – die Dankbarkeit. Und fühlte sich absolut glücklich! Zusammen gingen wir diesen Weg und für jede Sekunde dieser Prüfung bin ich dankbar. Etwas Großes und Mächtiges ist geschehen! Er versprach, dass er nicht weg sein wird. Und ich weiß, dass er für ewig mit uns ist! Er sagte mir einmal: Ich bin kein Musiker – ich bin Musik. Und Musik stirbt nie!“

Wunderbare, präzise Worte. Jedoch, wie unfair: ein weiterer Eingeweihter, der in die verborgenen Geheimnisse der Musik, also auch des Universums, eingedrungen ist, hat die physische Hülle so frühzeitig abgeworfen. Soll man das schon wieder mit der Floskel „So ist nun mal das Leben“ abtun?

Ein langjähriger Weggefährte Alperins in vielen Projekten ist der Virtuose der Blasinstrumente Arkady Shilkloper (Horn, Flügelhorn, Alphorn). Ihr gemeinsames Duo-Album „Wave Of Sorrow“ wurde 1989 von dem Münchner Label ECM produziert, was dem Eintreten in das Pantheon des Ruhms des zeitgenössischen Jazz gleichzusetzen war. Die Fortsetzung der Geschichte Alperin/Shilkloper fand im „Moscow Art Trio“ statt. Und wer sollte Mischa besser gedenken, als Arkady – durchlebten sie doch zusammen so viele Augenblicke des schöpferischen Glücks. Am Anfang unseres Gedenkgesprächs sagt Shilkloper:

Auf dem Portal jazz.ru wurde ein Nachruf auf Mischa veröffentlicht und ich schrieb dazu einen Kommentar. Er beginnt so: „Freund, Kollege, Lehrer, Weggefährte, der Begründer des ‚Moscow Art Trio‘ ist gegangen... Mischa veränderte mein Leben radikal!... Wir lernten uns im Jahr 1985 kennen. Nach einem meiner Auftritte mit Mischa Karetnikov kam Alperin auf mich zu und sagte: „Alter! Du spielst gut, aber du spielst nicht deine Musik“. Ich antwortete: „Ja. Ich weiß.“ Dann schlug Mischa vor, im Rahmen seines Abends zwei Teile der Suite „Licht und Schatten“ zu spielen. Sie erklangen Ende Dezember desselben Jahres im Kulturhaus „Moskworetschje“. Proben fanden im Krylatskoje statt, meist nachts, zuerst im Verwaltungshaus, dann später im Kindergarten – ein Glück, dass wir in der Nähe wohnten! Ich begriff Mischas Sprache nicht sofort, ungeachtet dessen, dass ich begeistert war von seinen musikalischen Ideen und wie ein Wahnsinniger probte, die Zeit vergessend. Später gesellte sich Sergey Starostin zu uns und es entstand das „Moscow Art Trio“. So waren die Anfänge.

Mischa wurde in eine jüdischen Familie geboren, lebte in der Ukraine, in Moldawien, Russland, Norwegen. Und wie ein wahrer Weltbürger spürte er sehr fein den musikalischen Kulturen verschiedener Länder nach. Andrey Kondakov veröffentlichte im Internet eine der letzten Videoaufnahmen, die bei Alperin zuhause gemacht wurden. Da improvisiert Alperin zu einem Video, auf dem Koreaner Flöte und Schlagzeug spielen – und da hat man sofort diese unglaublich tiefe und perfekte Synthese der verschiedenen musikalischen Welten.

Vereinte Nationen der Musik
Er hatte die Idee, im Sommer eine Arbeitsgruppe mit Musikern aus der ganzen Welt zu organisieren. Hat sogar schon einen Raum gefunden, der von einer norwegischen Gemeinde kostenlos zur Verfügung gestellt würde. Viele waren bereit, anzureisen. Und genau das ist eine der Hauptaufgaben dieses globalen Dorfes – Demonstration dessen, dass die musikalische Welt, und im Besonderen die Welt der folkloristischen Tradition, ein Ganzes sind. Diese Idee trug Mischa im Verlauf vieler Jahre in sich und wollte diesen Weg weiter beschreiten – eine Art „musikalische Vereinte Nationen“ gründen. Diese Aufgabe löste er teilweise, denn das „Moscow Art Trio“ trat zusammen mit bulgarischen und russischen Chören, mit Tuwinern, Italienern, Spaniern und Norwegern auf. Mischa war offen für einen Dialog mit den Musikschöpfern aus allen Ländern der Welt, er war ein absolut kosmopolitischer Mensch, wie in der Musik, so auch im Leben. Jedoch erlebte er im Moskau der 80er Jahre viel Unangenehmes und Unschönes. Der Antisemitismus hat ihm das Leben schwergemacht. Man hat ihn nicht auftreten lassen, er hungerte, ich habe ihm geholfen, wo ich konnte. In Moldawien konnte er wenigstens auf Hochzeiten spielen, in Moskau war nicht einmal das möglich. Es waren schwere Zeiten für ihn. Man warf ihm sogar Scheiße auf den Balkon mit den Zetteln „Hau ab, Judenfratze!“. Das war kurz bevor er nach Norwegen übergesiedelt ist, im Jahr 1991.

Und nach zwei Jahren unterrichtete er schon an der norwegischen Musikakademie, voll und ganz an seinem Platz. Er hatte keine Angst zu riskieren, sich lächerlich zu machen, wenn er etwas Komisches, Lustiges, Ironisches spielte. Er machte das dermaßen innig und aufrichtig, dass es nicht möglich war, ihm nicht zu glauben. In seinen letzten Jahren pflegte er zu sagen: „Der, der kein Risiko in der Kunst eingeht, der ist so gar kein Schöpfer mehr, kein Künstler“. Yuri Markin sagte: „Ein echter Künstler ist ein Kamikaze, der auf eine Rakete aufspringt, die Richtung versteinerter Begriffe fliegt“. Und so war auch Mischa.

Ich führe ihn immer als Beispiel für andere Pianisten an, weil er einer der wenigen „atmenden” Klaviermeistern war. Glenn Gould war so, Vladimir Horowitz auch. Bevor ein eine Note spielte, atmete Mischa ein – das ist ähnlich bei den Dirigenten, wenn sie, bevor sie dem Orchester ein Zeichen zum Beginnen geben, die Hand aufschwingen. Anders kann man nicht spielen, denn wenn es keine Pausen, kein Atmen gibt, kann man die Phrase nicht mit der Bedeutung, dem Sinn und der Tiefe beladen.

Man fragte mich schon oft, ob es ein „Moscow Art Trio-2“ geben kann. Nein, Leute. „Moscow Art Trio“ – das war eine Formation, die nur unter Zusammenkunft der drei Persönlichkeiten existieren konnte. Und wenn eine der Drei das Trio verlässt, ist das alles Mögliche, nur nicht das „Moscow Art Trio“. Deswegen kann es und wird es keinerlei „Moscow Art Trio-2“ geben. Eine andere Sache ist, dass es eine riesige Zahl an Menschen gibt, die von Mischa beeinflusst wurden. Sie gehen weiter ihren Weg und machen ihre Sache. Er wollte nie, dass man ihn nachahmt. Er wollte, dass seine Studenten ihre eigene Stimmen suchten und ihren eigenen Weg gingen. Und er half ihnen, freute sich über ihre Erfolge und konnte mal da, mal dort einen gutgemeinten Rat geben. Dabei war er Sternzeichen Skorpion – seine Kritik konnte zuweilen beißend sein, jedoch immer gerecht. Er sagte zu seinen Schülern: „Wenn ihr etwas verändern wollt, müsst ihr die Wahrheit kennen. Wenn ihr sie aber verdeckt, dann werdet ihr weiterhin im Unwissen tappen und im eigenen Saft schmoren. Am Anfang waren seine Studenten gereizt von diesen Worten. Dann vergingen aber Jahre und sie sind selbst zu Künstlern geworden. Weil sie sich „dehnten“ – das war Mischas Lieblingswort, um Entwicklung zu beschreiben. Er war eine wundervolle Persönlichkeit.

Aus dem Russischen übersetzt von David Serebryanik

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