Mit 43 das erste Mal daheim!  

Von Attila Teri

Es ist schon seltsam, wenn man 25 Jahre lang auf der Flucht ist, keine Ahnung hat, wovor geschweige denn warum. Die Lage wird dadurch auch nicht einfacher, wenn es einem nicht mal klar ist überhaupt auf der Flucht zu sein. Aber es kann genauso gut sein, dass ich es geschafft habe, mich mein halbes Leben lang erfolgreich selbst hinters Licht zu führen – bewusst oder unbewusst.

Ich bin mit meinem guten Freund Hansi, der auch noch ein ausgezeichneter Kameramann ist, im Anflug auf Tel Aviv. Es ist fast tragikomisch, dass wir zusammen unterwegs sind – je nach Ansicht – in das gelobte, heilige oder verfluchte Land namens Israel. Hansi kenne ich seit Anfang der 1980er Jahre. Er ist äußerlich der personifizierte Traum des österreichischen Hobbymalers, der 1939 auszog, die Welt nach seinen sehr eigenartigen Vorstellungen umzugestalten. Die krampfhaften Bemühungen endeten bekanntlich damit alles in Schutt und Asche zu legen, inklusive seiner selbst. Hansi ist 1,90 Meter groß, blond, blauäugig und um das Klischeebild abzurunden, selbst Österreicher. Natürlich hat er inhaltlich nicht das Geringste mit der morbiden Beschreibung der „Herrenrasse“ gemein, ihn damit überhaupt in Verbindung zu bringen ist schon sehr gemein. Trotz seines Namens (er heißt Goldfuß!) ist Hansi kein Mitglied der jüdischen Weltverschwörung.

Nun sitzen wir gemeinsam in der Maschine, kurz vor der Landung auf dem Ben-Gurion-Flughafen. Mitten in der zweiten Intifada gelang es mir Pro Sieben davon zu überzeugen, einige mehr oder eher weniger gemütliche Reportagen über das „Heilige Land“ zu machen. Der ungarische Wochenend-Hobbyjude, der weder religiös ist, noch hebräisch kann, geschweige denn Freunde oder Verwandte in Israel hat, bekommt endlich einen offiziellen Grund „heim“ zu fliegen.

Ich lande mit meinem Vorzeige-Goj auf dem Flughafen von Tel Aviv. Noch recht gelassen gehe ich die Gangway runter, aber als meine Füße plötzlich den Boden berühren, ändert sich alles in meinem Leben!

Von einer auf die andere Sekunde „überfällt“ mich ein Heulkrampf. Er kommt wie ein Tornado aus dem Nichts und ich habe nicht die geringste Chance zu entkommen. Ich war zwar schon immer emotional, aber so hatte es mich noch nie erwischt. Was ist los? Ist der Wahnsinn plötzlich über mich hereingebrochen? Ich kann es weder begreifen noch erklären, was gerade mit mir und tief in meinem Innersten in diesem Moment geschieht. Meine Tränen strömen wie ein Bach an meinem Gesicht herunter und ich kann nichts dagegen tun.

Normalerweise haben nur Schwangere solche Gefühlswallungen, was allerdings eine Folge ihres durcheinander geratenen Hormonhaushaltes ist. Aber warum weine ich wie ein Schlosshund und kann nicht damit aufhören? Ich habe mich überhaupt nicht mehr im Griff.

Hansi und ich gehen zur Passkontrolle, ich zeige der überaus hübschen israelischen Grenzbeamtin meinen deutschen Pass und weine hemmungslos weiter vor mich hin. Etwas verdutzt guckt sie mich an und fragt ganz freundlich auf Englisch nach, ob es mir schlecht ginge. „Nein, ich bin ein 43-jähriger ungarischer Jude, der das erste Mal das Heilige Land betritt.“ – antworte ich ihr schluchzend. Plötzlich legt sie meinen Pass beiseite, fängt an zu lächeln, nimmt meine Hand und sagt einen einzigen Satz: „Welcome home!“

Das hat mir noch in meiner Lage gefehlt! Was vorher nur ein Bach war, verwandelt sich nun zu einem reißenden Fluss. Allmählich schimmert es mir, was gerade vor sich geht, will es aber noch nicht zugeben. Wie auch? Wenn man sein ganzes Leben lang vor sich flieht, kann man damit nicht einfach mir nichts dir nichts aufhören.

Sie gibt mir die Papiere zurück, wir gehen in die Halle. Ein Gewusel wie auf jedem Flughafen. Ich gucke umher und mitten im Gewühl sehe ich plötzlich Patrick, den ich bislang nur am Telefon gesprochen, aber noch nie gesehen habe. Er ist mein „Stringer“, der für mich den Dreh in Israel vorbereitet hat. Ein 26-jähriger Münchener Jude, der vor ein paar Jahren nach Tel Aviv zog und nun dort studiert. Wir erkennen uns sofort und umarmen uns. Immerhin, ich heule nicht mehr – was sich jedoch bald als nur vorübergehende Entspannung vor der nächsten Sturmflut erweisen sollte. Patrick könnte mein Sohn sein, aber ich fühle mich wie sein älterer Bruder.

Nach der ausgiebigen Begrüßungsarie machen wir uns auf den Weg nach Jerusalem, wo wir am nächsten Tag mit der Arbeit beginnen wollen. Es ist der 4. Dezember 2002, in der heiligen und zu gleich heillos zerstrittenen Stadt sind noch 20 Grad am Abend, was für diese Jahreszeit eher ungewöhnlich ist, aber was ist an diesem merkwürdigen Tag schon normal? Schon seltsam – es ist der 20. Todestag meines Vaters.

Nach dem Abendessen spazieren wir gemütlich durch die arabische Altstadt zur Klagemauer. Es ist 11 Uhr abends. Plötzlich ist sie vor mir! Hell beleuchtet, erhaben, unheimlich und unendlich heimisch zu gleich. Ich breche das zweite Mal völlig zusammen. Ich fühle mich wie vermutlich ein Mensch nach einem schweren Schlaganfall, der nicht mehr gehen, sprechen und kaum klar denken kann. Ich bekomme wieder einen Heulkrampf und der ist noch heftiger als der bei der Landung. Eine gute halbe Stunde sitze ich auf den Stufen, ich bin einfach nicht im Stande mich zu rühren.

Da irrst du 43 Jahre lang durch die Welt, suchst nach dir und plötzlich begegnest du dir. So wie du bist, fühlst, mit allen schrecklich schönen und erschreckenden Eigenschaften, die dich ausmachen. Sich selbst zu treffen, das erste Mal sein Inneres zu erblicken, nicht mehr wegzuschauen, davonlaufen zu können oder zu wollen, ist wohl einer der größten, erhabensten und härtesten Prüfungen, die wir auf unserer Reise auf diesem sonderbaren Planeten erleben können, wenn wir endlich bereit sind, uns zu stellen, was auch immer geschehen möge. Und so gehe ich, nachdem ich mich einigermaßen wieder gesammelt habe, zur „Kotel“, dem größten und wichtigsten Heiligtum meines Volkes. Wie ferngesteuert setze ich mir eine Kippa auf und schleppe mich in Zeitlupe, von Geisterhand geführt weiter bis es nicht mehr geht, weil ich sonst gegen die Mauer laufe. Nu stehe ich da!

Und mir gegenüber die Unendlichkeit. Ich schließe die Augen und nach Minuten der Ewigkeit berühren meine Hände SIE! Plötzlich durchströmt mich etwas, was ich noch nie gespürt habe. Das Schicksal ist schon eine seltsame Veranstaltung. Ich verstehe nichts und zugleich alles. Ich bin daheim!

Das erste Mal in meinem kleinen, flüchtigen Leben. Daheim! Meine Hand streichelt zärtlich diese seltsamen, alten Steine und es erfasst mich ein Gefühl des endlosen Glücks. Ich bin endlich daheim. Meine Hände sind die Hände von all denen, die ich nie kannte, die irgendwann von hier in die weite Welt auszogen, ihr Glück oder ihre Verdammnis gefunden haben und sich MEINE FAMILIE nennen. Ich kam nach Hause! Für sie, für meine Oma, die ich nie kennengelernt habe, weil sie damals durch den Schornstein ging. Für meine Mutter, meinen Vater, aber vor allem, FÜR MICH. In diesem Augenblick begreife ich endgültig, wer ich bin und weiß, dass nichts umsonst war. Schalom heißt Frieden – ich fand in diesem Augenblick meinen Frieden mit mir und meine Reise zu mir hatte ein Ende, wie auch einen Neuanfang.

Ja, ich bin ein törichter, stolzer und arroganter, ungarischer Wochenendhobbyjude und werde es bleiben bis sich meine Augen für immer schließen.

Jetzt verstehe ich endlich auch einen wunderbaren Witz. Frau Merkel besucht den Papst in Rom. In seinem Büro steht ein rotes Telefon. „Was ist das für ein Apparat?“ – fragt sie den Heiligen Vater. „Nun, meine Tochter, mit dem Telefon kommuniziere ich mit Gott.“ – „Heiliger Vater, wäre es möglich, dass ich auch kurz mit ihm sprechen darf?“ – „Klar, aber halte Dich kurz, die Minute kostet 10.000 Euro.“ Ein paar Monate später besucht sie den Oberrabbiner von Jerusalem. Bei ihm steht ebenfalls so ein seltsames Telefon, also folgt die gleiche Frage. „Kein Problem, meine Tochter, Du kannst mit ihm solange sprechen wie Du möchtest.“ – „Wie bitte? Beim Papst kostet die Minute 10.000 Euro!“ – „Nu, bei uns ist es ein Ortsgespräch!“ – lautet die Antwort des Oberrabbiners.

Wie viel Wahrheit in diesem Witz steckt, weiß ich jetzt, sogar als „g-ttloser Geselle“.

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