Der Vorsitzende einer fast vergessenen Partei greift an.  

Von Gerd Buurmann

„Antisemitismus und Ressentiments gegenüber Minderheiten, beispielsweise gegenüber Homosexuellen, die gibt es überall auch unter Deutschen, die seit Generationen hier sind, also insofern, Antisemitismus und Homophobie, das ist kein Spezialproblem von Flüchtlingen. Das halte ich für falsch und es ist ein weiterer Beitrag, das gesellschaftliche Klima zu vergiften.“

Mit diesen Worten kommentierte Christian Lindner am 25. November 2015 bei „Anne Will“ folgende Worte des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Josef Schuster:

„Viele der Flüchtlinge fliehen vor dem Terror des ‚Islamischen Staates‘ und wollen in Frieden und Freiheit leben, gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil ist. Denken Sie nicht nur an die Juden, denken Sie an die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder den Umgang mit Homosexuellen.“

Lieber Christian Lindner,
der Vorsitzende des Zentralrats der Juden vergiftet das Klima in Deutschland, weil er berechtigte Sorgen formuliert? Vor einigen Tagen erfuhr die Öffentlichkeit von einer muslimischen Gemeinde der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V.“ (DITIB) in Nordhessen, die auf ihrer Internetseite eine ausführliche Sammlung judenfeindlicher Sprüche aus dem Koran und den Hadithen auf Türkisch veröffentlicht hatte.

„Die Juden predigen Gutes, aber hören nicht auf Böses zu tun. (…) Die Juden sind gemein. (…) Juden haben ihre eigenen Propheten umgebracht. (…) Juden sind geizig. (…) Juden sind schwache Kämpfer.“

Im Sommer 2014 schallten übele Parolen gegen Juden über deutsche Straßen:

„Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“ (Berlin)
„Juden ins Gas!“ (Gelsenkirchen)
„Scheiß Jude, brenn!“ (Essen)

Am 12. Juli 2014 zog eine Menschenmenge durch die Frankfurter Innenstadt und brüllte „Allah ist groß“ und „Kindermörder Israel“. Sie bekamen dafür sogar die Lautsprecher eines Polizeiwagens geliehen, damit jeder ihre Hetze hören konnte!

Bei der Demonstration wurden Plakate mit deutlichen Aussagen gezeigt.
Auf einem Plakat stand: „Ihr Juden seid Bestien“

Am 23. Januar 2015 wurde in einer Berliner Moschee eine Predigt mit diesen Worten gehalten:

„Eine Frau darf niemals das Haus ohne die Erlaubnis ihres Mannes verlassen und unter keinen Umständen darf sie eine Nacht außerhalb des Hauses verbringen ohne Erlaubnis ihres Mannes! Nicht mal bei ihrem eigenen Vater! (…) Eine Frau darf nicht arbeiten ohne die Erlaubnis ihres Mannes! (…) Ein Mann sollte seiner Frau nie das Arbeiten außerhalb des eigenen Hauses erlauben! (…) Das Leben einer Frau muss auf das Haus ihres Mannes beschränkt sein! (…) Eine Frau muss kochen, den Boden wischen, sauber machen und sich um ihren Mann, ihre Söhne und Töchter kümmern! (…) Einer Frau ist es nicht gestattet, den Beischlaf mit ihrem Mann zu verweigern! Mit keiner Entschuldigung darf sie sich rausreden!“

In Aachen wurde in der Nacht vom 1. auf den 2. August 2010 der jüdische Friedhof mit Hakenkreuz und der Parole „Freiheit für Palästina“ beschmiert. In Hannover wurden 2010 Juden von Kindern und Jugendlichen mit Steinen beworfen. In Duisburg wurde 2009 unter massiver Polizeigewalt eine Israelfahne aus einer privaten Wohnung entfernt, weil sie von draußen zu sehen war und so den öffentlichen Frieden stören sollte. Auch in Berlin wurde die Polizei gegen eine Israelfahne aktiv. In Bochum musste sogar eine Frau Strafe zahlen, weil sie eine israelische Fahne öffentlich gezeigt hatte. Am 24. Mai 2014 um 16.59 Uhr brüllte das Publikum in der mit 18.000 Menschen besetzten Lanxess Arena in Köln lautstark „Verflucht sei Israel!“. Am selben Tag wurde ein israelisches Paar und eine französische Besucherin im jüdischen Museum in Brüssel erschossen. Am selben Tag wurden in Frankreich zwei Juden, die aus einer Synagoge kamen, brutal zusammengeschlagen.

In Frankreich erschoss einer der Terroristen rund um den Anschlag auf „Charlie Hebdo“, Amedy Coulibaly, in einem jüdischen Supermarkt Juden, weil sie Juden waren. Am 21. Januar 2006 wurde in Frankreich Ilan Halimi entführt und über einen Zeitraum von drei Wochen zu Tode gefoltert, weil er Jude war. Am 19. März 2012 wurden vier Menschen vor einer jüdischen Schule in Toulouse getötet, drei der Opfer waren Kinder. In der Stadt Odense in Dänemark wurden Ende 2008 zwei Israelis angeschossen. Ein paar Wochen später am 8. Januar 2009 riefen auf den Straßen in Oslo ungefähr zehntausend Menschen „Tötet die Juden!“ und „Schlachtet die Juden ab!“

All diese Hassverbrechen wurden begangen von Menschen, die Kulturen entstammen, „in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil ist. Denken Sie nicht nur an die Juden, denken Sie an die Gleichberechtigung von Frau und Mann oder den Umgang mit Homosexuellen.“

Lieber Christian Lindner,
der Vorsitzende des Zentralrats der Juden vergiftet das Klima in Deutschland, weil er in dieser Atmosphäre berechtigte Sorgen formuliert? Vergiften auch all die Menschen das Klima in Deutschland, die sich brechtigte Sorgen aufgrund des Rechtsrucks in Deutschland machen?

Zeige mir nur eine Kirche in Deutschland, in der gepredigt wird, dass sich eine Frau nicht sexuell verweigern oder das Haus verlassen darf und ich zeige Dir eine Kirche, gegen die ich persönlich demonstrieren werde, wenn ich nicht sogar im Stile Jesus‘ eine Peitsche in die Hand nehmen und die Gemeinde persönlich besuchen werde. Würde eine Kirche so etwas predigen, eine große Zahl Christen würde mit Sicherheit dagegen demonstrieren. In einer Berliner Moschee wurde so gepredigt und die muslimischen Gemeinden in Deutschland blieben erstaunlich still, wenn man bedenkt, wie schnell muslimische Vertreter in diesem Land sonst beleidigt sein können. Was wäre wohl los, würde auf einer PEGIDA-Demonstration dies gebrüllt: „Moslem, Moslem, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein! Muslime ins Gas! Scheiß Moslem, brenn!“

Die Hölle wäre los! Zu Recht! Eine große Zahl von Deutschen und Christen, Mitglieder eben jener Gruppe, die die selbsternannten patriotischen Europäer vorgeben zu verteidigen, würde sich aufmachen, lautstark gegen diese Vereinnahmung zu demonstrieren. Sie würden nicht sagen „Das hat nichts mit Deutschland zu tun“ und nichts tun. Sie würden die Verantwortung nicht von sich weisen! Sie würden sagen: „Das hat leider was mit Deutschland zu tun und deshalb ändern wir das!“ In Deutschland wird gegen Hass aus den Reihen der PEGIDA demonstriert. Der Hass von Islamisten wird jedoch wegdefiniert.

Als auf deutschen Straßen gebrüllt wurde „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein! Juden ins Gas! Scheiß Jude, brenn“ und zwar von Menschen, die Kulturen entstammen, „in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil ist“, da übernahm kaum jemand Verantwortung. Es gab keine nennenswerten Gegendemonstrationen. Die Deutschen blieben zu Hause. Sogar Medien, die sonst bei der AfD und PEGIDA den denkbar kritischsten Ton anschlagen, spielten die Demonstrationen gegen Juden in atemberaubender Art herunter und das obwohl bei den Demostrationen von Hakenkreuz und Lügenpresse alles dabei war.

Den Vogel schoß ein Bericht der Lokalzeit vom WDR zu einer Demonstration in Essen ab. Dort wurde unter anderem ein Hakenkreuz im Davidstern gezeigt. Auf einem anderen Plakat stand sogar: „Früher angeblich Opfer“, ganz so, als habe es den Holocaust niemals gegeben.

Ein anderes Plakat geißelte den „Judenterror“:

Der WDR-Journalist Stefan Göke interviewte auf dieser Demonstration die Polizistin Tanja Hagelüken, die von einer friedlichen Demonstration zu berichten wusste. Während sie sprach, brüllten im Hintergrund einige Demonstranten:

„WDR, Heuchler! Lügner, Lügner, Lügner! WDR, Ihr Lügner. Alles Lügner. Schwachsinn!“

Dennoch wusste Stefan Göke vom WDR zu berichten:

„Gucken wir noch mal auf die Jugendorganisation der Linkspartei, die zu der Demo aufgerufen hatte. Es waren dann aber sehr, sehr viele arabischstämmige Menschen da. Viele haben die Palästinenserflagge gehisst und geschwenkt und es waren dann Parolen auf Spruchbändern zu lesen wie „Freiheit für den Gazastreifen“ oder „Free Gaza“. Das heißt, es hat sich alles konzentriert tatsächlich auf den eigentlichen Sinn dieser Demonstration. (…) Was ich damit sagen will ist: Es hat keine Anzeichen dafür gegeben, dass sich Extremisten unter diese Demonstration gemischt haben, also weder von islamistischer Seite auf der einen Seite, aber auch keine Rechtsextreme, die dann das ganze nutzen konnten als Plattform, um ihren Hass aufs Judentum oder auf Israel kundzutun. Das ist jedenfalls alles nicht passiert. Und bisher ist alles ein bißchen brisant, aber durchaus friedlich.”

Während Stefan Göke im WDR dieser Worte in den Kamera sprach, zeigte ein Demonstrant direkt hinter ihm ein Plakat mit diesen Worten in die Kamera: „Israel = Terrorist“.

Lieber Christian,
in dieser Atmosphäre, in der der Hass auf Juden heruntergespielt wird, formuliert der Vorsitzende des Zentralrats der Juden seine Sorgen und Du erklärst, er vergifte damit das Klima in Deutschland. Ich bin zwar nur ein kleines Rad in der FDP, aber ich werde alles tun, damit dieser Blick von Dir keine Zukunft in der FDP hat!

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