März 8, 2019 – 1 Adar II 5779
Grenze ohne Frieden

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Die Bewohner der benachbarten israelischen Kibbuzim warnen auch in Zeiten relativer Ruhe vor Sorglosigkeit und Nachlässigkeit gegenüber der Raketen- und Angriffsgefahr aus Gaza. 

Von Oliver Vrankovic


Adele Raemer lebt seit fast 45 Jahren im Kibbuz Nirim an der Grenze zum Gazastreifen. Bis zum Ausbruch der ersten Intifada (1987) ging Adele nach Gaza zum Einkaufen und an den Strand. Sie war eine Befürworterin des israelischen Abzugs aus dem Gazastreifen 2005. Doch der von ihr erhoffte Frieden mit ihren „palästinensischen“ Nachbarn blieb aus. Adele beschreibt ihr Leben im Umland von Gaza als 95 % Himmel und 5 % Hölle. Vom Sicherheitszaun des Kibbuz sieht man die Moschee von Abasan Al-Kabira. Die Felder des Kibbuz reichen bis genau an den Grenzzaun. Die Einrichtungen für Kinder in Nirim sind von einem dicken Betonmantel eingekleidet, der sie bombensicher macht.

Die Bewohner des Kibbuz Nirim wehren sich

Nirim wurde seit 2001 von Dutzenden Raketen und Mörsergranaten getroffen. Oft hatte Adele nicht genug Zeit einen Bunker zu erreichen.

Im Dezember 2008/Januar 2009 erlebte Adele die Militäroperation „Gegossenes Blei“ aus nächster Nähe mit, im November 2012 die Militäroperation „Wolkensäule“. Aus Frust über das mangelnde Interesse der Politik für Ruhe in der westlichen Negev zu sorgen, gründete Adele 2011 die Facebook Gruppe „Life on the border with gaza – things people may not know (but should)“.

Vor einigen Jahren berichteten die ersten Bewohner von Nirim und anderen Kibbuzim, dass unter ihnen gegraben würde. Das Ausmaß des Netzwerks von Angriffstunneln wurde während Militäroperation „Schutzlinie“ im Sommer 2014 deutlich. Traumatisch ist Adele ein Abend während der Kämpfe in Erinnerung, als Eindringlinge in Nirim vermutet wurden und sich alle Bewohner in ihren Häuser verschanzen mussten.

Bewohner zogen weg von der Grenze

Die militärische Auseinandersetzung 2014 war härter als die vorangegangenen und viele Bewohner des Kibbuz zogen sich ins Landesinnere zurück. Neben denjenigen, die für die Land- und Milchwirtschaft nicht entbehrlich waren, blieben aber auch viele Bewohner, die gewillt waren, dem Terror zu trotzen. Dazu gehörte neben Adele und Anderen auch die Familie von Melamed Shachar, dem Assistenten von Zevik Etzion, dem Sicherheitsbeauftragten (Rafschatz) von Nirim.

Am 26. August 2014 wurde Nirim mit Sperrfeuer belegt. Eine Mörsergranate explodierte neben dem Haus von Adele. Die Granatsplitter zerstörten ihren Wasserboiler und verwüsteten ihr Schlafzimmer. Das Sperrfeuer zog einen Stromausfall im Kibbuz nach sich. Shahar Melameds Frau Anat und ihre drei Kinder gingen in das Gebäude der Kinderkrippe, wo Anat als Erzieherin arbeitete. Unterstützt von Zevik Etzion, Shahar Melamed und Gadi Yarkoni führten Arbeiter der israelischen Elektrizitätswerke Reparaturen an einem Strommast direkt neben dem Gebäude der Kinderkrippe durch. Während der Reparaturen wurde Nirim Ziel von Raketenangriffen.


Shahars Kinder konnten ihren Vater und die anderen, die an der Wiederherstellung der Elektrizität arbeiteten, bei Alarm um Deckung rennen sehen. Bis zu einem Alarm, der für die Männer zu kurz war. Die Splitter einer Rakete töteten Zevik Etzion, Vater von fünf Kindern, sofort. Shahar, der schwer verletzt wurde, erlag am gleichen Tag seinen Wunden. Gadi Yarkoni, der heute Vorsitzender des Regionalrats Eshkol ist, verlor beide Beine. Eine Stunde später war der 50 Tage andauernde Krieg vorbei.

Nach dem Gaza-Krieg 2014 schloss sich Adele der „Bewegung für die Zukunft des westlichen Negev“ an, die fordert, dem Umland von Gaza Frieden und Sicherheit zu bringen. Adele will nicht länger hinnehmen, dass die Situation zwischen den einzelnen Militäroperationen aus den Augen gerät. Ihr ist es wichtig, viele Israelis und auch Nicht-Israelis dazu zu bringen, ihr Anliegen zu teilen, um so Druck auf die Politik zu machen. Ein langfristiges Abkommen ist möglich, sagt Adele und verweist auf die Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien. Israel ist stark und kann Zugeständnisse machen, erklärt sie. Und wenn sich die Hamas der Kooperation verweigert, müsse die Terrororganisation auf verschiedenen Wegen in die Knie gezwungen werden.

Im Frühjahr des vergangenen Jahres kamen zum Raketenterror und den Terrortunneln die „Rückkehrmärsche“ und der Feuerterror. Um auf die Bedrohung durch die Feuer aufmerksam zu machen, führt Adele seit Juni eine Feuerkarte, in die sie alle Feuer, die ihr berichtet werden, einträgt. Seit Herbst beschränkt sich die Aufklärungsarbeit von Adele nicht mehr nur auf das Netz. Gemeinsam mit der „Kassam Generation“, einem Zusammenschluss junger Menschen aus dem Umland von Gaza, die seit ihrer Kindheit bzw. Jugend im Raketenhagel leben, hat die „Bewegung für die Zukunft des westlichen Negev“ mehrere lautstarke und weithin beachtete Demonstrationen in Tel Aviv organisiert, um den Menschen im Zentrum des Landes das Leben im Süden zu verdeutlichen.

Adele ist zu keinem Waffenstillstand bereit, der kein Ende der Feuer-Ballons und -Drachen und kein Ende der gewalttätigen Ausschreitungen an der Grenze bedeutet. Sie sagt, dass es nichts Schlimmeres gibt, als dem Gefühl ausgesetzt zu sein, dass die Hamas über ihr Leben bestimmt und sich ständig im Unklaren darüber zu sein, was als nächstes passiert.

Besuch bei der UNO

Ende vergangenen November wurden Adele Raemer aus Nirim und Batia Holin aus Kfar Aza von der UNO eingeladen, um über das Leben im Umland von Gaza zu sprechen. Adele erzählt, dass die UNO-Vertreter überrascht waren zu hören, dass sich die Israelis an der Grenze wirklich bedroht fühlen. „Ich glaube nicht, dass sie verstanden haben, wie nahe einige von uns sind. Wir leben so nahe an der Grenze, dass wir das Geschrei und die Explosionen der Randale hören. Wir mussten erklären, wie direkt wir von den Krawallen und den Brandanschlägen betroffen sind. (…)

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