Dezember 13, 2016 – 13 Kislev 5777
Goldfine, übernehmen Sie!

image

Ein Porträt des Star-Anwalts Yitzhak Goldfine  

  • Dezember 13, 2016 – 13 Kislev 5777
  • Israel, Politik
  • 667 mal gelesen

Von Martin Jehle

Mitte Oktober, wenige Tage vor Beginn der jährlichen Frankfurter Buchmesse, warteten überregionale Zeitungen wie „Die Welt“ plötzlich mit angeblichen Enthüllungen zur CDU-Spendenaffäre um Helmut Kohl aus den Jahren 1990/2000 auf. Unter den bis heute vom Altkanzler nicht preisgegebenen Namen der Parteispender soll sich auch der 1997 Jahren verurteilte Baulöwe Jürgen Schneider befinden. Das jedenfalls behauptet sein damaliger Anwalt: Dr. jur. Yitzhak Goldfine aus Israel. In seinem im Herbst erschienen Buch „Die Wahrheit hinter der Wahrheit. Die Goldfine-Akten“ (zusammen mit Peter Mathews, Europa Verlag, 232 S., 19,90 €) ist dem Fall des Millionen-Pleitiers Jürgen Schneider ein Kapitel gewidmet. Schneider soll, so Anwalt Goldfine, die Hoffnung gehabt haben, durch seine angeblichen Spenden an Bundeskanzler Kohl einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Es kam aber anders, Schneider zog für ein paar Jahre in die Justizvollzugsanstalt Frankfurt-Preungesheim ein. Für Goldfine ist der Fall aber noch nicht zu Ende: Er vermutet, dass Schneider Geld auf Kuba beiseitegeschafft hat und verlangt ausstehendes Anwaltshonorar.

Der Bezug zur „CDU-Spendenaffäre“ war ein willkommener Aufhänger für deutsche Medien und hat die Berichterstattung über das Buch überlagert. Dabei haben die in dem Werk gesammelten Kriminalfälle und Erzählungen aus Goldfines ereignisreichem Leben zwischen Deutschland und Israel noch viel mehr zu bieten.
Mit Goldfine, der israelischer und deutscher Staatsbürger ist, traf ich mich in einem Café in der Ortschaft Yahud in der Nähe von Tel Aviv. Goldfine ist seit fast 50 Jahren Strafverteidiger, er gehört der Kanzlei Weiss Porat & Co. in Tel Aviv an. Studiert hat er an der Hebräischen Universität Jerusalem, während seines ersten Semesters 1954 fand gerade der „Kasztner-Prozess“ statt, der in die israelische Rechtsgeschichte eingehen sollte. Goldfine besuchte als Zuschauer die Gerichtsverhandlung und war fasziniert. „Ich wusste ab diesem Moment: Ich werde Strafverteidiger“, so der agile 80-jährige, für den dieser Prozess bis heute „der größte politische Prozess in der Geschichte Israel ist.“ Dem Verfahren, in dem am Beispiel der Person von Rudolf Kasztner die Rolle der jüdischen „Kapos“ in den Konzentrationslagern und ihre Mitverantwortung am Holocaust verhandelt wurde, hat Goldfine eins von zehn Kapiteln gewidmet, in denen bedeutende Fälle geschildert werden, an denen er entweder als Strafverteidiger mitgewirkt hat oder die ihn auf andere Weise geprägt haben.

Ein Bein in Israel, eins in Deutschland
Der Tod eines Onkels führte Goldfine 1961 nach Frankfurt a.M., wo er kurz darauf an der Universität zu promovieren beginnt. Es folgten weitere wissenschaftliche Stationen an der Freien Universität, als Assistent von Aharon Barak, dem späteren Präsidenten des Obersten Gerichtshofs in Israel, und – durch Vermittlung des Jerusalemer Bürgermeisters Teddy Kollek – am Max-Planck-Institut in Hamburg, wo Goldfine Schriften zum israelischen und jüdischen Recht veröffentlichte. In Hamburg lernte Goldfine den jungen Rechtsanwalt Gerhard Strate kennen (heute einer der bekanntesten Strafverteidiger Deutschlands), der ihn in einen Fall mit einem israelischen Angeklagten einbezieht. Es ist der Auftakt für Goldfines Arbeit als Strafverteidiger in Deutschland, Israel und der Welt. Sein Buch erzählt davon zehn Fälle, die unterschiedlicher, spektakulärer und unglaublicher nicht sein können:

Den Auftakt macht die Geschichte von Leo („Der perfekte Irrtum“), der vermeintlich in Notwehr einen Einbrecher erschießt. Das Opfer, ein in Israel stationierter UN-Blauhelmsoldat, hatte sich vielleicht nur in der Tür geirrt. Die Staatsanwaltschaft klagte dennoch an, eine ganze Salve aus der Uzi und dann noch in den Rücken des Opfers, das sich bereits von der Tür wegbewegt hatte, war ihr dann doch zu viel. Goldfine erstritt für seinen Mandanten einen Freispruch, der von der 2. Instanz noch bestätigt wird. Später erfährt er, dass sein Mandant nicht nur das Gericht, sondern auch ihn in die Irre geführt hatte. Der UN-Soldat war in Wirklichkeit der Geliebte seiner Frau, den er loswerden wollte. Für Goldfine als junger Strafverteidiger eine einschneidende Erfahrung.

Goldfine erinnert auch an die Ermordung des israelischen Premierminister Yitzhak Rabin im Jahre 1995, den polizeilichen Ermittlungen und der Verurteilung von Jigal Amir. An dem Prozess war er selbst nicht beteiligt, aber er erhielt später die Gelegenheit, die Ermittlungsakten zu studieren und stellt auf dieser Grundlage verschiedene Theorien zu dem Mord an Rabin dar, wägt sie untereinander ab, um sein Urteil abzugeben: Amir war Einzeltäter, kein Auftragskiller oder Marionette. „Verschwörungstheorien“ erteilt er eine Absage.

Dann wäre da noch Tamar Segal, eine gebürtige Israelin, die als Therapeutin in einer Psychiatrie mit Maßregelvollzug arbeitete und dem dreifachen Sexualmörder Thomas Holst („Heidemörder“) 1995 zur (vorübergehenden) Flucht verhalf. Goldfine holte für sie zwei Jahre auf Bewährung raus; sie konnte das Gericht als freie Frau verlassen. Die Verteidigung hatte er im Sinne seiner Mandantin genutzt, die mit ihrer Tat gegen die Verhältnisse in der geschlossenen Psychiatrie protestieren wollte. Goldfine spielte gekonnt mit Öffentlichkeit und Medien und machte aus der Angeklagten selbst eine Anklägerin.

Oder der Fall der Münchnerin Ursula Glück, Nichte des früheren bayerischen Landtagspräsidenten Alois Glück, die mit einem Israeli verheiratet war, der erst verschiedene Lebensversicherungen auf sie abschloss und sie schließlich auf einer Reise in den Anden erschoss.

Oder die drei jungen orthodoxen Männer aus Williamsburg, die als Drogenkuriere missbraucht wurden und sich in einem japanischen Gefängnis wiederfanden. Plötzlich verhandelte Goldfine zwischen einer chassidischen Sekte und der japanischen Mafia. Kein Zweifel, Goldfine ist da, wo es heikel und international wird, politische Verwicklungen nicht weit sind.

In einer Erbschaftsangelegenheit bekommt Goldfine heraus, dass der Verstorbene kurz vor seinem Tod von seiner Haushälterin wegen seiner Vergangenheit als „Kapo“ in einem Konzentrationslager erpresst wurde und das Testament änderte. Der um einen Teil des Erbes gebrachte Neffe berät sich mit Goldfine, ob er das Testament anfechten soll. Der Preis wäre, dass die Wahrheit über den Onkel an das Licht der Öffentlichkeit kommt.

Unorthodoxe Wege
Goldfine konfrontierte Prozessgegner schon mal mit ihrer Vergangenheit, Funden aus Archiven oder anderem. Er ist ideenreich, wenn es darum geht, „der Wahrheit hin und wieder auf die Sprünge zu helfen“, wie er freimütig schreibt.

Das unterhaltsame und gut lesbare Buch wird abgerundet durch autobiographische Ausführungen, die auf die israelische Gründungsgeschichte Bezug nehmen. Goldfines Vater kam als sozialistischer Zionist nach der russischen Revolution nach Palästina und gründete einen Kibbuz, seine Mutter entstammt einer seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Libanon und in Jaffa ansässigen Rabbinerfamilie. Goldfine ist mit einer Hamburgerin verheiratet und lebt abwechselnd in Israel und Deutschland.
Für Goldfine sind „Recht und Gesetz nur die Verkehrsordnung im Dschungel des Lebens“, „Fakten sind Bau- oder Stolpersteine auf dem Weg zum Ziel.“ Deshalb habe er sich nie nur auf die Aktenlage und auf Paragraphen verlassen, sondern sei oft lange und mühsame Wege gegangen, um die Wahrheit zu finden.

Und noch etwas ist Goldfine wichtig: „Ich will zeigen, dass Recht und Gerechtigkeit zwei völlig verschiedene Sachen sind. “ Das gelingt ihm mit seinem Buch hervorragend. Dass er als Strafverteidiger für diese Diskrepanz auch mitverantwortlich ist, verhehlt er nicht. Ein Schmunzeln geht über seine Lippen, bevor er freudig mitteilt, dass auch eine englischsprachige Fassung seines Buchs und Veröffentlichung in Amerika geplant sei. Dann aber ohne das Kapitel über Jürgen Schneider.

Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben

Email This Page