Gutmenschen-Geheuchel nun auch im Bettenverleih  

Dezember 13, 2016 – 13 Kislev 5777
Gilt das globale „Community-Bekenntnis“ von Airbnb auch in Saudi-Arabien?

Von Dirk Maxeiner

Ich werde nicht gerne ungefragt geduzt. Angefangen hat damit IKEA. Der Bettenvermittler Airbnb hat es sich da offenbar abgeschaut. Das Ganze soll locker, bunt und unkommerziell rüberkommen. Motto: Was sind wir doch für eine tadellose, hundert Prozent tolerante, bunte und weltoffene Community! Meine persönliche Lebenserfahrung hat leider ergeben, dass es in solchen DU-Läden häufig besonders intrigant und hinterhältig zugeht. Riecht immer leicht nach Sekte. Als Arbeitnehmer würde ich in jedem Fall irgendeinen Spießerladen vorziehen, da muss man arbeiten und nicht heucheln.

Und damit komme ich nun zu Airbnb. Wer dort ein Zimmer vermieten will (was ich nicht will) oder ein Zimmer mieten will, der kann das nämlich nicht einfach buchen, bezahlen und fertig ist. Nein. Zuerst einmal muss er ein „Community-Bekennntnis“ ablegen. Nun ist der moderne Mensch ja gewöhnt, im Internet ständig irgendwelche Allgemeinen Geschäftsbedingungen ungelesen abzuhaken. Aber ein Bekenntnis? Ist das nicht eher was für die örtliche Sektion der Wiedertäufer?

„Du erklärst dich bereit, jeden – unabhängig von Rasse, Religion, Herkunft, Volkszugehörigkeit, einer Behinderung, Geschlecht, Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung oder Alter – respektvoll, vorurteilsfrei und unvoreingenommen zu behandeln,“ heißt es da. Schön und gut. Aber ich weiß selbst, wie ich mich zu benehmen habe, dafür brauche ich keine Nachhilfe vom Bettenhandel. Davon ganz abgesehen: Gibt es dafür in Deutschland nicht längst ein Anti-Diskriminierungsgesetz?

Verlangt Mercedes demnächst von mir, dass ich vor dem Kauf einer S-Klasse ein Bekenntnis zum Klimaschutz abgebe und feierlich gelobe, niemals über 130 zu fahren? Verlangt meine Bank demnächst von mir, dass ich bestimmte Parteien meide, wenn ich ein Girokonto eröffnen will? Stellt jetzt jeder seine eigenen Gesetze auf? Dem einen seine Scharia, dem anderen sein Community-Bekenntnis? Fröhliches Diskriminieren nach Gutdünken rundum?

Zeitgeistige Gesinnungsschnüffelei als Promotion und Corporate Identity
Wo wir gerade dabei sind, lieber Gemeindevorstand von Airbnb: Ihr vermietet doch auch Schlafgelegenheiten in Saudi-Arabien und anderen lupenrein demokratischen Staaten. Wie haltet ihr es da eigentlich mit eurem Community-Bekenntnis? Wie macht ihr das bloß in Ländern, wo Frauen im Haus und Homosexuelle im Knast eingesperrt werden? Müsst Ihr eure Geschäftstätigkeit dort nicht umgehend einstellen, wenn Ihr euer eigenes Community-Bekenntnis auch nur halbwegs ernst nehmt? Oder ist das Bekenntnis etwa nur für politische Schönwetter-Regionen gedacht, wo Ihr euch ein bisschen weltoffen, bunt und unglaublich tolerant gerieren wollt? Ein bisschen zeitgeistige Gesinnungsschnüffelei als Promotion und Corporate Identity?

Ach ja, was passiert eigentlich, wenn ich dem Bekenntnis nicht zustimme? „Wenn du dem Bekenntnis nicht zustimmst, kannst du nicht als Gastgeber auf Airbnb fungieren oder über Airbnb verreisen. Du hast dann die Möglichkeit, deinen Account zu löschen.“ Dacht ich mir es doch. Genau meine Erfahrung mit Leuten, die einen ungefragt duzen. Welch wunderbar subtile Unterstellung in euren dürren Zeilen liegt: Wer euren Gesinnungskodex aus welchen Gründen auch immer nicht unterschreiben will, wird aus der Gemeinschaft der Wohlmeinenden ausgeschlossen.

Ich bin mir übrigens gar nicht sicher, ob das mit dem deutschen Anti-Diskriminierungsgesetz in Einklang zu bringen ist. Darin steht nämlich, dass niemand aufgrund seiner Weltanschauung diskriminiert werden darf. Und meine Weltanschauung sagt mir unmittelbar, dass ich mir keine semi-religiösen Bekenntnisse irgendwelcher Art aufs Auge drücken lasse, um am allgemeinen Geschäftsverkehr teilzunehmen.