Mai 10, 2019 – 5 Iyyar 5779
Gesegnetes Essen

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Geheimnisse der Erziehung, falsche Ratschläge und das Ernte-Wunder in der Parschijot-Übersicht des Monats Mai  

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Wegen der Besonderheit des jüdischen Kalenders werden von Pessach bis Anfang August im Land Israel und in der Diaspora jeweils verschiedene Wochenabschnitte gelesen. In diesem Artikel betrachten wir mit den Abschnitten Acharej („Nachdem“), Kedoshim („Heilige“), Emor („Sage“) und Behar („Auf dem Berge“), die Parschijot, die in der Diaspora gelesen werden.

Geistiger Schutz für Kinder

Auch wenn der Tempeldienst vom Hohenpriester am Jom Kippur wohl das spannendste Thema in „Acharej“ ist, so gibt es mehrere andere bekannte und weniger bekannte Gebote in diesem Wochenabschnitt. Eines, das weniger auffallend – aber doch sehr wichtig – ist, ist das Verbot die Kinder dem Moloch zu geben. In der Thora steht (18:21) „Du sollst auch von deinen Kindern keines hergeben, dass es dem Moloch geopfert werde, damit du den Namen deines G‘ttes nicht entweihest; ich bin der HERR!“.

Der Hauptkommentator der Thora Raschi (Rabbi Schlomo ben Jitzhak, 1040-1105) erklärt, was damit gemeint ist: „Das ist ein Götze, der Molech genannt wurde, und sein Dienst bestand darin, dass einer sein Kind den Götzenpriestern übergab; diese machten zwei große Feuer und führten das Kind zu Fuß zwischen den beiden Feuerstätten hindurch“.

Für den modernen Menschen scheint ein solcher Akt eine absolute Unmöglichkeit und Widerlichkeit zu sein. So könnte man meinen, dass dies mit uns modernen Menschen von heute wirklich nichts mehr zu tun habe. Jedoch sagte der 7. Ljubawitscher Rebbe (1902-1994), dass jedes Wort der Thora für alle Generationen und für alle Menschen relevant ist. Und wir müssen aus jedem Satz der Thora etwas für uns lernen.

Auch wenn heutzutage dieser Kult nicht mehr existiert, sagen unsere Weisen, dass auch in unserer Zeit manche Eltern dieses Verbot übertreten könnten. Rav Josef Chaim Sonnenfeld (1848-1932), der Oberrabbiner von Jerusalem, meinte, dass wenn die Eltern ihr Kind in eine „normale“, säkulare Schule geben, dann ist es so, als ob sie dieses Kind vor den Moloch führen. Die Eltern sollen natürlich für die physische Gesundheit ihres Kindes sorgen, aber nicht weniger sollen sie auf die geistige Gesundheit des Kindes achten. Auf die empfindliche Seele eines Kindes nimmt nicht nur der Inhalt des Unterrichts Einfluss, es spürt auch die moralische Einstellung seines Lehrers, aufgrund dessen Verhalten oder durch dahingesagte Kommentare.

Interessanterweise schicken in Israel, wo antireligiöse Propaganda auf vollen Touren ist, immer mehr säkulare Eltern ihre Kinder auf Schulen des religiösen Systems Shuwu. „Schuwu“ („kehrt zurück“) sind traditionelle Schulen für die Kinder der nichtreligiösen jüdischen Repatrianten aus der ehemaligen Sowjetunion. Dort stimmt oft nicht nur das Lernniveau. Die Kinder bekommen auch die richtige Erziehung. Sie benehmen sich anständig, respektieren ihre Eltern, halten sich fern von Alkohol und Drogen, werden seltener gemobbt und leiden seltener an Depressionen. Natürlich sind auch solche Schulen keine Garantie für ein Happy End. Jedoch stehen die Chancen dafür viel höher und die Eltern haben gute Gründe eine religiöse „Schuwu“-Schule zu wählen.

Auch in Deutschland sollte eine religiöse Schule für jüdische Eltern, falls es in der Stadt denn eine solche gibt, durchaus eine Überlegung wert sein. Und nicht nur wegen des Mobbings durch antisemitische Mitschüler, sondern vor allem wegen der geistlichen Gesundheit des Kindes.

Hindernis für den Blinden

Der Wochenabschnitt „Kedoschim“ beinhaltet sehr viele Gebote, die zwischenmenschliche Beziehungen regeln. So kommentiert Raschi, den zweiten Vers des Abschnittes („Rede mit der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig, der HERR, euer G‘tt!“) folgendermaßen: „Das lehrt, dass dieser Abschnitt in einer Versammlung des Volkes mitgeteilt wurde, weil die meisten Grundsatze der Thora von ihm abhängig sind“.

Unter anderem gibt es hier den weltberühmten Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Unter den vielen Geboten aus diesem Bereich gibt es eines, das sehr merkwürdig anmutet (19:14): „…Du sollst dem Blinden nichts in den Weg legen, sondern sollst dich fürchten vor deinem G‘tt; denn Ich bin der HERR!“.

Auf den ersten Blick versteht man nicht, weshalb der Ewige uns eine solch ungewöhnliche Sache gebieten muss. Kann es wirklich sein, dass einem normalen, adäquaten Menschen in den Sinn kommen kann, einen solchen unschönen Scherz zu veranstalten?

Interessanterweise gibt es tatsächlich Weise, die meinen, dass es sich darauf beziehe, dass der Blinde wissen wird, wer es getan hat. Unter anderem vertritt erstaunlicherweise auch Ramban diese Meinung, obgleich er dazu neigt, überall einen tieferen Sinn zu suchen. Und andersrum meint ausgerechnet Raschi, der in der Regel sehr nah am Text bleibt, dass es sich hier um ein Verbot handelt einem Menschen einen schlechten Rat zu geben! In seinem Kommentar zitiert Raschi Torat Kohanim: „Einem, der in einer Sache blind ist, gib nicht einen Rat, der nicht gut für ihn ist; sage nicht, verkaufe dein Feld und kaufe dir einen Esel, während du nur einen Vorwand suchst, um es ihm zu nehmen“.

Der Ljubawitscher Rebbe wundert sich über diesen Kommentar, und stellt einige starke Fragen an diesen Raschi. Erstens: weshalb nimmt Raschi nicht den einfachen Sinn, wie es Ramban tut? Zweitens: weshalb hält er es für nötig, ein Beispiel für einen schlechten Rat anzuführen? Ist es nicht auch ohne dieses Beispiel klar? Meistens ist Raschi sehr knapp und bemüht sich darum, nichts Unnötiges zu schreiben. Auch ist die Tatsache komisch, dass während Korat Kohanim, die Quelle von Raschi, drei verschiedene Beispiele anführt, er aber in seinem Kommentar nur das dritte davon nutzt. Und welchen Unterschied macht es, dass der Ratgeber selbst das Feld kaufen möchte? Geht es nicht primär darum, dass das Opfer einen schlechten Rat erhält? Der Rebbe gibt darauf eine brillante Antwort. Im Wochenabschnitt Mischpatim (21:33-34) haben wir schon gelernt „Wenn jemand eine Grube abdeckt oder eine solche gräbt und sie nicht zudeckt, und es fällt ein Ochs oder Esel hinein, so hat der Grubenbesitzer den Eigentümer des Viehes mit Geld zu entschädigen, das Aas aber mag er behalten“.

Deswegen zieht Raschi den Schluss, dass es hier um etwas Anderes geht: nicht um den physischen Schaden, sondern um den materiellen als Folge eines schlechten Rates. Um zu klären, um welche Art von Ratschlägen es geht, bringt Raschi das Beispiel mit dem Feld an. Der Verkauf eines Feldes ist nicht immer ein schlechter Rat: die Bestellung eines Feldes ist wesentlich anstrengender als Transportdienste mit einem Esel. Jedoch haben die Transportdienste auch ihre Nachteile. Alles hängt von der Lebensweise des Opfers ab.

Deswegen, so der Rebbe, ist hier die Absicht des Ratgebers entscheidend! Das ist der Grund, weshalb Raschi nur ein Beispiel aus Torat Kohanim auswählt, denn nur dieses erläutert die Meinung von Raschi. Auch deswegen beendet die Thora diesen Vers mit „denn Ich bin der HERR!“, worauf Raschi anmerkt, „Der deine Absichten kennt“.

Dieses Verbot, das in der Halacha „Lifnei Ever“ (vor dem Blinden) heißt, hat viele andere Anwendungsbereiche. Die Quintessenz dieses Verbotes ist, dass solche Taten verboten sind, die einen anderen Juden zu einer Sünde bzw. zu einem Schaden führen könnten. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, und unsere Taten sorgfältig durchdenken, damit andere unseretwegen nicht „stolpern“.  (…)

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