Februar 9, 2018 – 24 Shevat 5778
„Gelehrter Talmid Chacham und Kümmerer“

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Die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen hat einen neuen Gemeinderabbiner – und eine neue Thorarolle.  

Von Theodor Joseph

Seit dem 21. Januar 2017 (5. Schwat 5778) hat die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen wieder eine neue Thorarolle, die an diesem Tage, wie zuvor im Jahre 1826 geschehen, unter Anteilnahme einer breiten Öffentlichkeit ihrer Bestimmung übergeben wurde. Damit hat diese Gemeinde ein neues Kapitel ihrer Geschichte aufgeschlagen. Führende Repräsentanten der Stadt Duisburg wie der Oberbürgermeister Sören Link gehörten zu denjenigen Zeugen, die mit Gänsekiel und unter rabbinischer Aufsicht an einem öffentlichen Ort symbolisch die letzten Worte auf der Thorarolle schrieben.

Bei diesem Akt, bei dem die neue Thorarolle in einem feierlichen Umzug vom Stadthistorischen Museum entlang dem Innenhafen der Stadt Duisburg zum Jüdischen Gemeindezentrum getragen wurde, wurde zugleich Rav David Mosche Schalom Elasar Geballe, so sein vollständiger Name, als neuer Gemeinderabbiner in sein Amt eingeführt.
In der Festschrift, den die Gemeinde aus Anlass der Thora-Einweihung und der Amtseinführung von Rabbi Geballe herausgegeben hat, bezeichnete Schraga Feivel Zimmermann, Oberrabbiner von Gateshead (England) Geballe als „gelehrten Talmid Chacham“ (Thoragelehrter) und als jemanden, der sich wirklich „um jedes Individuum kümmert“.

Hamburg – Fürth – Duisburg
Geboren und aufgewachsen ist Rabbi Geballe in Hamburg. Nach dem Abitur begann er sein Studium an der Talmudhochschule in Berlin. Danach folgten weitere Lehrjahre in den USA. Im Anschluss daran entschied er sich, einige Jahre in Jerusalem an der renommierten Jeschiwat Mir zu studieren, wo er auch seine Frau Rita kennen und lieben lernte. Die Rebbetzin stammt aus Riga. Im Jahre 2009 kehrten beide zurück nach Deutschland, wo Rabbi Geballe in München den praktischen Teil seiner Rabbinerausbildung absolvierte. Seine Simcha, die Rabbinerordination, erfolgte durch den bekannten und geachteten Rabbiner Dayan Schraga Zimmermann.

Rav Geballe ist einer der ersten nach der Schoah in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Rabbiner. Seit 2011, dem Geburtsjahr seiner Tochter Leah, hatte er das Rabbinat in Fürth inne, bis er zur Dreiergemeinde nach Duisburg-Mülheim-Oberhausen berufen wurde.

In einem Grußwort ermunterte der New Yorker Rabbiner Yosef Gavriel Bechhofer die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen dazu die „Weisheit und Gradlinigkeit“ Rabbi Geballes zu nutzen, um „in der Welt der Thora und Mitzwoth emporzusteigen“.

In seiner emotionalen Dankesrede bei seiner Amtseinführung war er sich bewusst, dass ihm durch das „höchste Amt in der Religion“ in der Mitte einer Gemeinde die „höchste Würde“ übertragen worden sei. Wenn er dabei an die führenden rabbinischen Persönlichkeiten denke, die das deutsche Judentum geformt und geprägt hätten, sei ihm das gewiss kein Anlass „zu Selbstgefälligkeit und eitler Selbstbespiegelung“.

In ihrer jahrhundertealten, traditionsreichen Geschichte hat die Jüdische Gemeinde Duisburg einige Thorarollen kommen und gehen sehen. Immer dann, wenn Judenfeinde es auf jüdische Menschen abgesehen hatten, waren auch deren religiöse Ritualgegenstände bedroht. Juden haben immer versucht, den heiligsten Gegenstand ihrer Religion, die Thorarollen, die den gesamten Korpus der traditionellen jüdischen Religionslehre darstellen, zu schützen. Eine Thorarolle würde niemals z.B. wegen altersbedingter Unbrauchbarkeit vernichtet oder, um es salopp auszudrücken, „entsorgt“ werden, sondern würde auf dem jüdischen Friedhof begraben. Das geschah zuletzt vor etwa 80 Jahren, als der Mülheimer Gemeindevorsitzende eine Thorarolle durch Begraben auf dem Jüdischen Friedhof vor der Vernichtung und Entheiligung bewahrte.

Der 29. September 1826 war ein besonderer Tag für die 57 Seelen zählende Jüdische Gemeinde der Stadt Duisburg: Bis zu diesem Tage hat sie ihren Gottesdienst in einem angemieteten Lokal abhalten müssen. An diesem Tag weihten sie erstmals ihre Synagoge in einem eigenen Gebäude ein – in dem ehemaligen Anatomiehause der alten ehrwürdigen Duisburger Alma mater, nachdem die Gemeindemitglieder die Thora öffentlich über die Straße in das Gebäude der ehemaligen, 1808 aufgelösten Universität getragen hatten, „unter vielen Ceremonien und Feierlichkeiten“, wie es in einer Chronik heißt.

Für die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen war es ein weiteres bedeutsames Ereignis, als sie im Jahre 2001 Thorarollen aus Teheran erhielt, was seinerzeit zugleich einem diplomatischen Wunder gleichkam:
Nach jahrelangem diplomatischen Tauziehen zwischen der Botschaft der Islamischen Republik Iran in Bonn, später Berlin, und der deutschen Botschaft in Teheran einerseits, dem Auswärtigen Amt sowie persönlichen Kontakten zwischen Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen andererseits, konnte die Gemeinde am 20. Februar 2001 zwei wertvolle Thorarollen aus der iranischen Hauptstadt feierlich in der neuen Duisburger Synagoge einführen und unter großer öffentlicher Anteilnahme ihrer religiösen Bestimmung zuführen.

Die Thora-Rolle wurde im Iran überflüssig
Eine gewisse Tragik lag in der Übernahme insofern, als die Thorarollen im Iran nicht mehr benötigt wurden, weil die einstmals blühende Jüdische Gemeinde Teheran in die Bedeutungslosigkeit zu versinken scheint. Die schiitische Machtübernahme 1979 beendete das zeitweise gute Verhältnis des Irans zu Israel und führte erneut zur Verfolgung der Juden im Land. Ein Zustand, an dem sich bis in die Gegenwart nichts geändert hat. Noch im Jahre 1984 veröffentlichte die iranische Botschaft in London erneut die „Protokolle der Weisen von Zion“. Als Folge der dezidiert antizionistischen, antiisraelischen und antijüdischen Politik der Islamischen Republik verlassen immer mehr Juden den Iran. Damit geht, so scheint es, die älteste seit dem 6. Jahrhundert v. d. Z. bestehende Diasporagemeinde zu Ende. Die Etablierung der Schia als vorherrschende Form des Islam im Iran führte zu religiöser Intoleranz.

Die Leihgabe für die Thorarollen war auf sechs Monate befristet. Indes werde die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen, wie ihr damaliger Vorsitzender in seiner Festansprache, Jacques Marx, mit vielsagender Rhetorik äußerte, sicherlich 99 Jahre benötigen, um alle Formalitäten einer eventuellen Rückgabe zu erfüllen.

Siebzehn Jahre nach Erhalt der aus dem Iran stammenden Thorarolle freut sich die Dreiergemeinde aus dem Ruhrgebiet über ihre neue Thora schebiChataw. Thora-Einweihung und Amtseinführung eines neuen Gemeinderabbiners – ein doppelter Grund zu Freude. Masal tow.

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