September 8, 2017 – 17 Elul 5777
Gedanken zu Jom Kippur


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Der Geist ist noch schwieriger im Zaum zu halten als der Körper 

Von Rabbiner Avraham Radbil

Der Thoraabschnitt Acharej Mot, der sich mit den Gesetzen des Jom-Kippur-Dienstes im Tempel beschäftigt, schließt dieses Thema mit den Worten: „Und das sei euch eine ewige Satzung, zu sühnen die Kinder Israels wegen all ihrer Sünden, einmal im Jahre. Und er (Aharon) tat, so wie der Ewige dem Mosche geboten.“ [Waikra 16:34]

Es ist interessant zu bemerken, dass, obwohl jeder der jüdischen Feiertage nur einmal im Jahr vorkommt, Jom Kippur der einzige Feiertag ist, zu dem die Thora explizit betont, dass er „Achat B‘Schana [einmal im Jahr] vorkommt. Die Weisen erklären, dass der Tod eines Gerechten (Tzadik) als Sühne, wie auch Jom Kippur dient. Wenn also die Thora sagt, dass Jom Kippur während des Jahres als Sühne für uns dienen wird, kann dies als Segen interpretiert werden. Die Thora möchte uns damit sagen, dass es nur einen „Tag der Sühne“ in diesem Jahr geben wird, das heißt nur ein Tag markiert den Tod eines Tzadiks in der Gemeinde.

Dazu gibt es eine Geschichte. An einem Jom Kippur vor Neilah stand Raw Elijahu Lopian auf, wiederholte den obigen Gedanken und begann bitter zu weinen. Er rief laut vor der Gemeinde „Halevai“ (lass es nur so sein!), (…dass wir in diesem Jahr nur einen Jom Kippur haben werden und dass wir keine zusätzliche Jom Kippur-ähnliche Sühne erfahren müssen). Was er nicht wusste, war, dass als er diese Worte gesprochen hat, der Brisker Raw, Raw Yitzchak Zeev Soloveitschik, starb.

Lasst uns aber auf den letzten Teil des oben zitierten Verses konzentrieren: „Und er (Aharon) tat, so wie der Ewige dem Mosche geboten.“ Raschi zitiert das Torat Kohanim und sagt: Dieses will uns auf das Lob von Aharon hinweisen. Als Aharon die besonderen Kleider des Hohepriesters an Jom Kippur trug, tat er es ausdrücklich um des Himmels willen. Es waren bei ihm keine persönlichen Gefühle wie Stolz oder Hochmut vorhanden.

Man muss bedenken, dass einmal im Jahr nur ein einziger Mann aus der ganzen Nation privilegiert wurde, diese speziellen Kleider zu tragen. Das könnte einer Person zu Kopf steigen und negative Wirkung auf ihn haben. Aber der Vers bezeugt, dass dies bei Aharon nicht der Fall war. Er dachte nicht an persönlichen Stolz, sondern hat einfach nur die Aufgabe ernstgenommen den Befehl des Königs zu erfüllen.

Raw Simcha Sissel Brody stellt folgende Frage: Der Talmud im Traktat Brachot spricht von Rabbi Channina ben Dosa, der auf sein Gebet so fokussiert war, dass er nicht einmal bemerkte, als ein Arod (eine Schlange mit einem sehr schmerzhaften Biss) ihn biss. So intensiv war seine Kawana, seine Intention während des Gebetes. Rav Simcha Sissel fragt: Warum sollte man denken, dass Aharon der Hohepriester weniger Kawana als Rabbi Chanina ben Dosa hätte? Warum befürchtet Torat Kohanim, dass sein Verstand wandern würde und er Gedanken über den persönlichen Stolz haben könnte, als er die „Weißen Kleider“ trug, die nur für den Kohen Gadol an Jom Kippur bestimmt waren? Natürlich würde seine Konzentration ihm nicht erlauben, für einen Moment von seiner Kawana abzuweichen!

Raw Simcha Sissel Brody antwortet, dass es viel einfacher ist, nichts von körperlichen Schmerzen zu spüren, als nicht von solchen Dingen wie Stolz und Hochmut befallen zu sein! Man kann das Physische überwinden. Es ist zwar sehr schwierig, aber es ist machbar. Doch von Eigenschaften wie Ehre, Eifersucht, Stolz und all diesen sehr menschlichen Charaktereigenschaften frei zu sein ist viel schwieriger.

Deshalb müssen unsere Weisen uns sagen, dass es zwar offensichtlich ist, dass Aharon nicht durch einen Bienenstich, einen Schlangenbiss oder den Biss eines anderen Tieres abgelenkt wäre, er aber auch nicht vom Ehrgeiz befallen war, wie es den meisten anderen geschehen wäre, sondern den ganzen Dienst ausschließlich um des Himmels willen tat.

Rav Simcha Sissel gab diesen Kommentar zu einem anderen erstaunlichen Midrasch. Der Midrash in Bereschit Rabba besagt, dass in der Akeida-Geschichte, die von der vermeintlichen Opferung Yitzchaks durch seinen Vatter Avraham handelt, und die am Rosch Haschana gelesen wird, der Satan zu Yitzchak kam und ihm sagte, dass all seine wertvollsten Gaben und Besitztümer, die seine Mutter Sara ihm im Laufe der Jahre liebevoll gegeben hatte, nun zu seinem Halbbruder und Feind Jischmael gehen würden. „Stört dich das nicht?“, fragte Satan neugierig. „Kannst du es wirklich ertragen, dass alles was dir gehört, Jischmael gehören wird?“

Der Midrash verrät uns Yitzchaks Antwort auf die Frage des Satans. Warum sagt Yitzchak „Mein Vater, mein Vater“, also zweimal hintereinander dasselbe? Diese Wiederholung deutet uns an, dass Yitzchak zumindest auf einer sehr tiefen Ebene seinen Vater Awraham zum Erbarmen bewegen wollte, auf dass er ihn nicht opfere. Mit anderen Worten, impliziert der Midrasch, dass Satans Necken gegen Yitzchak doch zumindest einen kleinen Einfluss auf ihn gehabt hat.

Doch sollte Yitzchak nicht über all diesen Dingen stehen? Die Antwort ist: So groß Yitzchak auch war, so war er doch immer noch ein Mensch und Menschen sind von solchen Eigenschaften nicht frei. Ehre, Lust, Stolz, Neid, und alle anderen Arten von menschlichen Gefühlen, die man unmöglich völlig unterdrücken kann, sind unsere ständigen Begleiter. Wir können physische Dinge überwinden, aber wenn es um die Psyche einer Person geht, dann müssen auch die größten von uns lernen mit menschlichen Schwächen umzugehen.

Es gibt eine schöne Geschichte über jemanden aus unserer Generation, der diesen Gedanken verkörperte, nämlich Rabbiner Mosche Feinstein: Eines Tages begleitete eine Gruppe der jungen Jeschiwa-Studenten Rabbiner Mosche Feinstein zu seinem Auto. Einer von ihnen verschloss die Autotür hinter dem Rabbiner. Als das Auto um die Ecke gefahren ist, bat Rabbiner Feinstein den Autofahrer kurz anzuhalten. Als das Auto anhielt, öffnete Rabbiner Feinstein wieder die Tür und holte seine Hand, die in der Tür eingeklemmt war, heraus. Der Fahrer fragte, wieso der Rabbiner so lange wartete bis er darauf aufmerksam machte, wieso hatte er nicht sofort geschrienen? Darauf antwortete der Rabbiner, dass wen er das gemacht hätte, dann hätte er den jungen Jeschiwa-Studenten, der unaufmerksam die Autotür hinter dem Rabbiner schloss, öffentlich beschämt, und dadurch womöglich sein Selbstvertrauen zerbrochen. Denn jetzt bleibt er für immer derjenige, der die Ehre hatte einen der größten Rabbiner seiner Generation zu begleiten. Hätte Rabbiner Feinstein geschrienen, wäre der Junge für immer als derjenige, der die Hand von Rabbiner Feinstein einklemmte, abgestempelt.

So war Rabbiner Feinstein bereit große Schmerzen zu ertragen, nur um den jungen Mann nicht öffentlich zu beschämen.

Insofern sehen wir, dass es sehr wohl möglich ist körperliche Schmerzen unter Kontrolle zu halten, jedoch auch den natürlichen Drang einen anderen zu beschämen, der uns Unrechtes getan hat.

An Jom Kippur werden wir mit Engeln verglichen, die alle körperliche Bedürfnisse und menschliche Schwächen überwinden können. Aus diesem Grund fasten wir und verbringen den ganzen Tag im Gebet.

Doch möge Jom Kippur uns auch den Anstoß geben an uns zu arbeiten und zu erreichen, dass wir auch während des Jahres unsere menschlichen Impulse unter Kontrolle halten mögen.

Gmar Chatima Towa!

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