Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
Gabriel Naddaf: Die eigene Identität der Aramäer

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Immer mehr aramäische Christen gehen zur israelischen Armee  

  • Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
  • Israel
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Von Oliver Vrankovic

Am 12. Mai diesen Jahres wurde dem griechisch-orthodoxen Priester Gabriel Naddaf die Ehre zuteil als erster Christ bei der Zeremonie zum israelischen Unabhängigkeitstag eine der Fackeln zu entzünden.

Die historische Tragweite sei ihm voll bewusst gewesen, sagt Gabriel Naddaf, der als spirituelles Oberhaupt des christlich-israelischen Rekrutierungsforums für sein Bemühen um die jüdisch-christliche Integration geehrt wurde.

Gabriel Naddaf ist ein arabischsprechender israelischer Aramäer griechisch-orthodoxen Glaubens. Eine Identifizierung als arabisch-israelischer Christ lehnt er entschieden ab. Christliche Araber gebe es nur in der „palästinensischen“ Propaganda, erklärt er.

Es gehe beim Thema Identität nicht um seine persönliche Sichtweise, sondern um die Geschichte der Christen im Mittleren Osten, erklärt Gabriel Naddaf. Und die Geschichte lasse keinen Zweifel daran, dass die Christen aller Kirchen im Nahen Osten Aramäer seien und keine Araber.

Die fälschliche Assoziierung der Christen im Nahen Osten mit den Arabern gehe auf die islamische Eroberung zurück und die Jahre arabischer Herrschaft, der sich die Christen zu unterwerfen hatten. Heute gebe es für die arabischen Christen keinen Grund sich als Minderheit der Araber zu sehen und deren feindselige Haltung zu Israel zu übernehmen.

Religiös, historisch und ethnisch beziehe sich die Identität der Christen des Nahen Ostens auf die jüdische Geschichte und Kultur. Jesus selbst sei Jude gewesen und habe aramäisch gesprochen, erklärt Naddaf. Er sei als Kind jüdischer Eltern in der jüdischen Stadt Bethlehem geboren worden. „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“, zitiert ihn der bibelfeste Pater.

Leider würden die israelischen Christen auf ihre Verbindung zum Judentum kaum hingewiesen, sagt Naddaf. Die Schuld gibt er den Kirchen des Nahen Ostens und den christlichen Schulen, die die jüdische Abstammung des Christentums außen vorlassen würden und auf die Juden nur als diejenigen zu sprechen kämen, die Jesus ans Kreuz genagelt hätten. Er selbst habe erst während seines Theologiestudiums die Verbindung zwischen Juden- und Christentum voll erfasst.
Gabriel Naddaf wurde 1995 in Nazareth zum Priester geweiht und diente in der griechisch-orthodoxen Verkündigungskirche. Später wurde er zum Sprecher des Patriarchen Iraneus I. berufen. Naddaf begann sich innerhalb der Kirche dafür einzusetzen, die Christen in Israel über ihre jüdischen Wurzeln aufzuklären. Sein Engagement wurde vom Patriarchen ausgebremst, da dieser die Angelegenheit für zu komplex und kontrovers hielt.

Im Oktober 2012 gründete der aramäische Christ Ehab Shlayan das „Christliche Rekrutierungsforum“, um mit der Lüge der arabisch-christlichen Identität zu brechen. Der IDF-Major und seine arabischsprechenden christlichen Mitstreiter wurden dabei von der rechts-zionistischen NGO „Im Tirzu“ unterstützt. Shlayan bat Gabriel Naddaf ihnen als spirituelles Oberhaupt zu dienen. Das „Christliche Rekrutierungsforum“ organisierte im Oktober 2012 einen Kongress in Ober-Nazareth, der von 120 jungen Christen besucht wurde. Als der angesehene Kirchenmann Naddaf ans Rednerpult kam, konnte niemand ahnen, welche Schockwellen von diesem kleinen Kongress ausgehen sollten. Naddaf beteuert, dass er die Tragweite seiner Rede selbst nicht abschätzen konnte.

Der Priester begann sich im Verlauf des Jahres 2012 zunehmend unwohl zu fühlen mit den Bildern der Christenverfolgung, die ihn im Zuge der Ereignisse des „Arabischen Frühlings“ erreichten und dem gleichzeitigen Schweigen der Kirchen. Er fragte sich wozu er Priester geworden sei, wenn er seine Stimme nicht erhebe, wenn brutale Angriffe auf die christlichen Gemeinden im Nahen Osten verübt würden.

Er sagt, er habe in der Zeit sehr viel für die Christen des Nahen Ostens gebetet und sich dann entschlossen tätig zu werden. Er wusste, dass er massive Probleme bekommen würde, doch das Bedenken der Konsequenzen habe ihn nur gelähmt und schließlich beschloss er einfach zu machen. So stellte er sich im Oktober 2012 ans Rednerpult und erklärte, dass die Christen in Israel keine Araber seien, sondern Aramäer und als solche mit dem jüdischen Volk verbunden. Er rief die Christen dazu auf ihr jüdisches Erbe anzunehmen und dem Staat Israel zu dienen. Er rief die israelischen Christen dazu auf sich für die israelischen Streitkräfte zu rekrutieren. Er nutzte die Bühne, um die Christen in Israel aufzurufen, sich ihrer wahren Identität zu besinnen.

Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten und waren extrem. Freunde entfernten sich und der griechisch-orthodoxe Rat der Stadt erklärte sofort nach Bekanntwerden des Kongresses, dass dieser nicht die Interessen der christlichen Gemeinschaft repräsentiere. Außerdem sprach sich der Patriarch Theophilos III. gegen die Rekrutierung von Christen für die israelischen Streitkräfte aus und Naddaf wurde der Zutritt zur griechisch-orthodoxen Verkündigungskirche verwehrt. Eine breit angelegte Kampagne in den arabischen Medien porträtierte ihn als Verräter. Die Palästinensische Autonomiebehörde forderte seine Absetzung aus allen Ämtern. 2013 wurde sein Sohn tätlich angegriffen.

Arabische Knessetabgeordnete dienten der Hasskampagne gegen Gabriel Naddaf in erster Reihe. So schrieb die Abgeordnete Hanin Zoabi in einem offiziellen Brief am 1. November 2012, dass durch Naddaf mit seinem Aufruf zur Rekrutierung die christliche Jugend gefährde und sie von ihrem Volk abspalte und sie ihrem Feind in die Arme führe. Die Abgeordneten Muhammad Barakeh und Ahmed Tibi haben die Entlassung des Priesters gefordert.

NGOs wie Mossawa – finanziert vom NIF – haben sich der Kampagne gegen Naddaf angeschlossen. Eine schwarze Liste christlicher Führer und Aktivisten ging zusammen mit Bildern junger Christen, die an Rekrutierungsveranstaltungen teilgenommen haben, durch die israelfeindliche Presse. Das antizionistische Webzine „+972“ prangerte die Rekrutierung von Christen in die israelischen Streitkräfte in mehreren Artikeln an. Es kam zu Übergriffen auf Soldaten. (…)

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