September 6, 2018 – 26 Elul 5778
Für Juden gibt es in diesem September viel zu feiern

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Wie man bei den zahlreichen jüdischen Feiertagen in diesem Monat die Übersicht behält  

Von Rabbiner Elischa Portnoy

Wer sich mit der jüdischen Tradition auskennt, der weiß, dass „bei den Juden alles anders ist“. Das beste Beispiel dafür ist wohl „Rosch Haschana“ – der jüdische Jahresbeginn. Nicht nur, dass dieses Fest in der Mitte des Jahres gefeiert wird (Rosch Haschana ist im Monat „Tischrej“ – dem 7. Monat des jüdischen Kalenders), sondern es wird dabei auch noch den halben Tag gebetet und es werden keine Geschenke verteilt. Nicht vergleichbar zu dem lauten, fröhlichen und geschenkereichen Jahreswechsel bei unseren nichtjüdischen Mitbürgern.

Dass mit Rosch Haschana, Jom Kippur, Sukkot und Schmini Atzeret innerhalb eines Monats gleich vier(!) wichtige Feste gefeiert werden, ist wohl eine ausgesprochene Seltenheit in der Welt der Religionen. Und wenn man dann noch bedenkt, dass Rosch Haschana zwei Tage dauert, Sukkot sogar sieben Tage und Schmini Atzeret (plus Simchat Tora außerhalb Israels) nochmal zwei Tage, dann kommt man hierzulande auf insgesamt 12 Feiertage in so kurzer Zeit! Nicht zufällig wird der Monat Tischrej, in dem alle diese Feste gefeiert werden, im Tanach (Könige I, 8) der „Monat des Mächtigen“ genannt.

Interessanteweise sind alle diese Feste nicht miteinander verbunden und jeder Feiertag hat eine eigene Geschichte und einen eigenen Hintergrund.

Rosch Haschana – Tag des Gerichts
Die Geschichte von Rosch Haschana beginnt schon zu Urzeiten, als G’tt innerhalb von sieben Tagen unsere Welt schuf. Am 6. Tag der Schöpfung wurde der erste Mensch Adam mit seiner Frau Chawa erschaffen – und laut unseren Weisen – haben die ersten Menschen es geschafft schon an diesem Tag zu sündigen (die Frucht vom verbotenen Baum zu essen), wurden sodann von G’tt gerichtet und nach Schabbat aus dem Gan Eden vertrieben. Dieser 6. Tag der Schöpfung fiel auf den 1. Tischrej und somit wurde dieser Tag für die Ewigkeit zum Gerichtstag, an dem alle Menschen (auch Nichtjuden) einmal pro Jahr gerichtet werden.

Das Hauptgebot zu Rosch Haschana ist das Schofar-Blasen. Schofar ist das Horn eines Widders und sein alarmierender Klang soll uns aus unserer Routine herausreißen und zum Überprüfen eigener Taten anstoßen.
Die bekanntesten Bräuche zu Rosch Haschana sind „Simanej Milta“ und „Taschlich“. Simanej Milta sind „gute Vorzeichen“ für das Neue Jahr. So werden unter anderem Apfel mit Honig und Fischkopf bei der Abend-Mahlzeit gegessen, damit das Neue Jahr süß und erfolgreich werde.
Beim Taschlich handelt es sich um das symbolische „Wegwerfen von Sünden“. Am 1. Tag des Festes gehen alle nach der festlichen Mahlzeit zur Wasserquelle, lesen entsprechende Verse aus dem Tanach und „leeren“ die Taschen, was den Rausschmiss der Sünden symbolisieren soll. Der Brauch Brotkrümel ins Wasser zu werfen ist dagegen halachisch sehr bedenklich und sollte nicht praktiziert werden!
Nach der Thora dauert Rosch Haschana nur einen Tag, jedoch ist es seit langem Brauch sowohl in Israel als auch außerhalb, dieses Fest zwei Tage lang zu feiern.

Jom Kippur – Tag der Vergebung
Es ist einer der verbreiteten Irrtürmern, dass Jom Kippur der Tag des Gerichts ist. Gerichtet wird nur am Rosch Haschana. Jom Kippur ist hauptsächlich der Tag der Vergebung, den an diesem Fest werden unsere Sünden vergeben, wenn wir sie bereuen und nie mehr begehen wollen.
Auch dieser Feiertag hat seine einzigartige Entstehungsgeschichte: nachdem die Juden aus Ägypten ausgezogen sind und die Thora erhalten haben, haben sie – während Mosche auf dem Berg Sinai war – unglücklicherweise das Golden Kalb gemacht. Mosche musste insgesamt 80 Tage G’tt um Verzeihung für diese große Sünde bitten, bis schließlich den Juden vergeben wurde. Der Tag der Vergebung fiel auf den 10. Tischrej, was heute als Jom Kippur – Tag der Vergebung – bekannt ist.
Dieser Tag ist der einzige Tag, an dem die Thora das Fasten vorscheibt: vom Sonnenaufgang des Vorabends bis zum Sternenaufgang des nächsten Tages darf man nicht einmal einen Schluck Wasser zu sich nehmen. Für Kranke und ältere Menschen gibt es natürlich spezielle Regeln, es ist nicht die Absicht der Thora, dass man wegen des Fastens stirbt – G’tt behüte.
Das Hauptgebot des Tages ist „Widduj“ – das mündliche vollständige Bekenntnis aller Vergehen in alphabetischer Reihenfolge. Widduj wird während dieses heiligen Tages 10 Mal gesagt.
Die bekanntesten Gebete am Jom Kippur sind „Kol Nidrej“ (die Aufhebung von Gelübden) beim Eingang des Festes und das Neila-Gebet („Neilat Schearim“ – Schließung von Toren) beim Ausgang.

Sukkot - Laubhütenfest
Nur vier Tage nach Jom Kippur beginnt das Laubhüttenfest. Dabei müssen wir unsere gemütlichen Wohnungen verlassen und sieben Tage lang (außerhalb Israels acht Tage) in Sukkot wohnen. Die Thora nennt uns den Grund: „Damit eure Nachkommen wissen, wie ich die Kinder Israel in Hütten wohnen ließ, als ich sie aus Ägypten führte“.
Auf die Frage, warum das nicht im April gefeiert wird (als der Auszug aus Ägypten stattfand), sondern im September, antworten unsere Weisen, dass es im April schon warm ist, die Biergärten machen auf und alle gehen raus, um sich in der Sonne zu wärmen. Im September ist es dagegen oft kalt und regnerisch, und da ist das Leben in der Hütte nicht so spaßig. Deshalb verstehen alle, dass wir das machen, um den Willen G’ttes zu erfüllen.
In diesem Jahr könnte diese Erklärung allerdings nicht sehr passend sein: wegen den hohen sommerlichen Temperaturen könnte es auch Ende September angenehmer in der Hütte sein als in der Wohnung.
Ein weiteres wichtiges Gebot am Sukkot ist „Arbaa Minim“ – „Vier Arten“. Damit sind ein Palmenzweig, drei Myrtenzweige, zwei Bachweidenzweige und eine Etrog-Frucht gemeint. Palmenzweig, Myrtenzweige und Bachweidenzweige werden zusammengebunden, dazu wird Etrog genommen und das Ganze soll in sechs Richtungen geschüttelt werden. Laut unserer Weisen soll uns dieses Schütteln vor bösen Winden und schädlichen Regenfällen schützen.
Das angenehmste Gebot dieses Festes ist wohl das Gebot „fröhlich sein“. Damit es leichter fällt dies zu erfüllen, empfehlen unsere Weisen Fleischgerichte und Wein für die Männer, schöne Kleider und Schmuck für die Frauen und Süßigkeiten für die Kinder.
Der 7. Tag von Sukkot ist ein sehr wichtiger Tag und hat sogar einen eigenen Namen: „Hoschana Raba“ (große Hoschana). Laut unserer Tradition wird an diesem Tag entschieden, wie viel Regen wir während des Jahres bekommen werden. Die Dürre dieses Jahres hat uns die Wichtigkeit des Regens auch in unserer digitalisierten Zeit sehr klar vor Augen geführt. Deshalb gibt es an diesem Tag zahlreiche Gebete und Bräuche, um genügend himmlisches Wasser zu verdienen.

Schmini Atzeret – fröhliche Versammlung
Gleich nach der siebentägigen Sukkot-Feier kommt „Schmini Atzeret“ – die „Festversammlung am 8. Tag“. Die Thora selbst gibt uns keine Begründung für dieses Fest, unsere Weisen aber erklären, dass wir diesen Tag für die Reflexion nach den abwechslungsreichen und intensiven Festen brauchen.
Am Schmini Atzeret gibt es keine speziellen Gebote: weder Schofar, noch Sukka, noch „Vier Arten“. Vielleicht deshalb entstand der schöne Brauch „Simchat Tora“ – die „Freude der Thora“ zu feiern. An diesem Tag wird der jährliche Zyklus des Thora-Lesens mit dem letzten Abschnitt „Wesot haBracha“ beendet und mit „Bereschit“ sofort wieder angefangen. Da außerhalb Israels alle Feste verdoppelt werden, wird Simchat Tora bei uns am 2. Tag von Schmini Atzeret gefeiert.
Lange Tänze mit der Thora, das Verteilen von Süßigkeiten und fröhliche Melodien machen diesen Tag besonders für Kinder faszinierend und beliebt.
Die Erwachsenen lassen bei diesen Tänzen ihre letzten Kräfte, nehmen jedoch die Inspiration dieser aufregenden Zeit mit. Jetzt sollen wir von geistiger Energie getragen werden und diese Ladung soll bis Pessach ausreichen, wenn wir von neuer Inspiration geladen werden.

Chag Sameach!

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