Mai 13, 2015 – 24 Iyyar 5775
Friede, Freude, Zeigefinger

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Margot Käßmann, „EKD-Ratsvorsitzende der Herzen“, belehrt mit einem neuen Buch mal wieder die Welt  

Von Monika Winter

(…) Die Differenzierung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg wurde ausgeklammert. „Wir machen nicht mit, dann schaffen wir auch Frieden“ war die Meinung der Aktivisten. Man kann es nicht einmal als naiv bezeichnen, es ist brutal und eigensinnig, denn wenn von einem Volk verlangt wird, dass es sich nicht gegen Angriffe verteidigt, dann ist es ein Vergehen, ganz so als wenn man einen Menschen in den Selbstmord zwingt.

Die evangelische Kirche unterstützte diese „Friedensbewegung“ teilweise sehr erheblich, wobei wir uns Frau Prof. Dr. Dr. h.c. Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, zuwenden wollen.

Frau Käßmann hat keine Vorstellung vom Bösen in der Welt. Für sie sind beide Seiten gleichwertig schlecht, die Seite, die angreift und die Seite, die sich verteidigen muss. Es ist ihre persönliche Interpretation von Frieden. Aber wo bleibt die Kritik, der Aufschrei der Zuhörenden während einer Predigt in Hannover?

Der folgende Auszug aus einer Predigt aus einem Gottesdienst in der Marktkirche Hannover am 1. März 2015, der der Internetseite der EKD zu entnehmen ist, sagt viel über Käßmann:

„…Wie aber ist das Böse zu bekämpfen, wie treten wir an gegen Menschen, die mit derartiger Brutalität vorgehen? Da scheint doch die einzige Möglichkeit: Auge um Auge. Bomben auf die Bombenleger. Aber werden wir so wirklich Ecksteine einer neuen Friedensordnung legen? Immer wieder wird klar, dass die hearts and minds, die Herzen und Überzeugungen der Menschen berührt, ja gewonnen werden müssen, wenn sich etwas ändern soll. Wie kann das aussehen? Wir scheinen da ziemlich hilflos zurzeit. Wenn es denn, wie geschätzt, mehr als 50.000 IS-Kämpfer gibt, wird Frieden auch nicht entstehen, wenn sie alle erschossen werden. Wie wird Friede – das ist die große Frage und nicht erst seit heute! Ich habe keine bessere Antwort als andere. Aber mir imponiert die biblische Wegweisung, wenn der Apostel Paulus schreibt: Überwindet das Böse durch das Gute. Wie kann das gehen? Darüber und über die Frage, wie wir mit diesem Gefühl der Ohnmacht umgehen, möchte ich gern viele Nikodemusnachtgespräche führen…“

Fast meint man, Margot Käßmann wolle sich als Kabarett-Autorin betätigen: Gewiss werden die Nikodemusnachtgespräche in Hannover beim „Islamischen Staat“ zu einem Umdenken führen und uns dem Frieden ein ganzes Stück näherbringen.

Man stelle sich vor, Margot Käßmann würde vor die akut bedrohten Jesiden, Kurden und Christen in Irak und Syrien treten und halte dort die selbe Predigt, die sie in Hannover vor sicheren und satten NATO-Bewohnern gehalten hat. Die Predigt wäre eine bittere Komödie, über die dort wahrscheinlich niemand lachen könnte.

Wenn Margot Käßmann, wie sie sich selbst in ihrer Predigt eingesteht, keine bessere Antwort auf Kriege und den „Islamischen Staat“ weiß – welchen anderen Wert hat dann ihr moralischer Zeigefinger als den der Selbstvermarktung?
(…)
Dieses Denken, das nicht selten innerhalb der evangelischen Kirche zu finden ist, birgt eine Gefahr für die Menschheit, weil es alle diejenigen beleidigt, die zu Opfern des brutalen Vorgehens der IS-Kämpfer wurden, all die brutal Ermordeten, Geköpften, die Mädchen, die als Sexsklaven gehalten werden. Dass Menschen aus den eigenen Reihen von Frau Käßmann, nämlich Christen, hingerichtet werden, scheint auch keinen besonderen Aufschrei hervorzurufen.

Von einer protestantischen Funktionärin, die angesichts von 15 % Protestanten-Anteil in Wittenberg, der Gründungsstadt des Protestantismus, tatenlos bleibt, ist auch Tatenlosigkeit und Wegsehen in anderen Dingen zu erwarten. Sicher ist diese niedrige Quote der SED-Diktatur geschuldet, aber in anderen Ländern des Ostblocks haben die angestammten Kirchen mittlerweile längst eine Renaissance erlebt. Nur im ehemals protestantischen Stammland Ostdeutschland kann die EKD nichts zurückgewinnen und verwaltet – noch immer üppig subventioniert – nur noch ihren eigenen Niedergang. Die Kurve der Mitgliederzahlen der EKD kennt nur noch eine Richtung – nach unten.
Auf der Seite der EKD ist bereits in einem Beitrag von 2003 zu lesen „Die evangelische Kirche hat binnen eines Jahrzehnts 2,75 Millionen Mitglieder verloren.“ Und weiter wird EKD-Sprecher Christof Vetter mit der Feststellung zitiert, dass diese Entwicklung für die Kirche nicht Besorgnis erregend sei! Wenn nicht das –was dann? Man stelle sich 15 % Moslems in Mekka, 15 % Katholiken in Rom oder 15 % Juden in Jerusalem vor – bei jeder anderen Religionsgruppe würden die Alarmglocken läuten.

Im „Spiegel“ vom 11. August 2014 wird Margot Käßmann zu bedenken gegeben, dass Massenmörder wie Hitler oder Pol Pot nicht immer für friedfertige Argumente zugänglich seien.

Käßmann entgegnet „Das mag so sein. Aber mich faszinieren Menschen, die es wagen, nicht mit Waffengewalt zurückzuschlagen.“ Das mag so sein! Sogar sie selbst sieht also womöglich ein, dass ihre Belehrungen zum richtigen Umgang mit Kriegen nichts taugen. Dieses kurze Aufflammen der Selbstreflektion wischt sie aber gleich wieder weg mit einem Bibelzitat „ ‚Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem‘, heißt es in der Bibel.“

Man fragt sich unwillkürlich, wie Frau Käßmann wohl dem Schwedenkönig Gustav Adolf zugeredet hätte, der mit Waffengewalt und Invasionsarmee die evangelische Kirche in Deutschland rettete und so nachhaltig Frau Käßmann ihren heutigen Arbeitsplatz ermöglichte.

Auf der Buchbestell-Plattform Amazon ist über ihr neues Buch zu lesen „Couragiert und lautstark rufen sie: ‚Nein‘, wenn Nationen wieder der Illusion verfallen, Waffengewalt könnte mit Waffen bekämpft werden.“
Was daran „couragiert“, also mutig, sein soll, bleibt schleierhaft. Mut bräuchten nur die Kurden im Irak oder die Israelis, würden sie angesichts ihrer Feinde Frau Käßmanns Vorschläge beherzigen. Einen Mut, den sie wahrscheinlich nicht lange überleben würden.

Frau Käßmann ist nicht in der Lage zwischen Angriffs- und Verteidigungskriege zu unterscheiden, sie stellt beides auf eine Stufe. Deshalb richtet sich ihre Forderung nach einer Welt ohne Waffen, ohne (Verteidigungs-)kriege, auch an Israel. Für Israel wäre eine Welt ohne Waffen jedoch gleich einem Selbstmord.

Einen für eine Geistliche bemerkenswerten Partner hat sich Margot Käßmann (Lutherbotschafterin) ausgesucht. Zusammen mit Konstantin Wecker (auf Veranstaltungen der bis 1989 von Honecker gesponserten DKP gern gesehener Liedermacher) ist sie vereint in ihren „Friedensbotschaften“ und durch ihr neu erschienenes gemeinsames Buch „Entrüstet Euch – Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt“.

Im Frühjahr 2003, vor und während des Irakkrieges, als die Touristen in Israel beinahe vollkommen ausblieben, reiste Konstantin Wecker als „lebendes Schutzschild“ nach Bagdad. Wo war Konstantin Wecker während des Raketen-Beschusses von Israel durch die Hamas? Keinem deutschen Pazifisten fiel es ein, sich schützend vor das jüdische Volk zu stellen. Israel ist an allem Schuld – so sehen es Deutsche, die sich „Pazifisten“ nennen.

Aber die Richtung ist auch klar, Konstantin Wecker unterstützt durch seine Unterschrift die Nabka-Ausstellungen in Deutschland. Es zeigt, auf welcher Seite er als Aktivist steht, und es bedeutet nichts anderes, als die Zustimmung zu einer Verkehrung von Wahrheiten durch die „Palästinenser“.

Zu hoffen ist, dass Stimmen wie die von Frau Käßmann und ihrem Partner Konstantin Wecker seltener werden. Frieden zu schaffen ohne Waffen ist eine Utopie. Eine ungefährliche und einträgliche Utopie für sichere und satte NATO-Bewohner wie Margot Käßmann, eine lebensgefährliche Utopie für die Menschen von Kobane und Israel.

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