Nicolas Sarkozy, Manuel Valls, Charles Aznavour und Gérard Depardieu warnen in einem Manifest vor der zunehmenden Vertreibung der französischen Juden 

Von Paul Nellen

Was haben diese vier namhaften Franzosen gemeinsam: Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, Ex-Premier Manuel Valls, der Sänger Charles Aznavour und Gérard Depardieu, der Filmschauspieler, den man als den gemütlichen Obelix aus den Asterix-Filmen kennt?

Sie alle sagen noch nicht, dass es jetzt für französischen Juden „Zeit“ sei „zu gehen“. Denn genau das wollen sie ja verhindern, obwohl es dafür fast schon zu spät ist – französische Juden stellen schon seit Jahren die größten Kontingente, die nach Israel emigrieren. Trotzdem und vielleicht in letzter Minute haben jene vier Prominenten kürzlich ein Manifest unterzeichnet, das vor der zunehmenden Vertreibung der französischen Juden durch den Neo-Antijudaismus von rechts, von links und besonders vonseiten muslimischer Einwanderer warnt. Die Londoner „Times“ berichtete darüber am 23. April 2018 („French Jews ‚face ethnic cleansing by Islamists‘“), just zu der Zeit, als auch in Deutschland die Diskussion über antijüdische Vorfälle auf deutschen Straßen und Schulhöfen losbrach.

Immer mehr schiebt sich in den Ländern der europäischen Masseneinwanderung die Frage in den Vordergrund, ob mit der wachsenden Anzahl von Muslimen ursächlich auch der Anstieg des registrierten Antisemitismus verbunden ist. Welche positive Resonanz die arabische und iranische Israelfeindlichkeit gerade auch unter europäischen Linken und Linksliberalen erfährt, kann man jedes Jahr beim sog. „Al-Quds-Tag“ in Berlin erfahren, wenn tausende Muslime unter wohlwollend-beschwichtigender Assistenz linker Parteien und Meinungskartelle „Tod Israel“, „Völkermörder Israel“ oder auch ganz offen „Juden ins Gas!“ rufen. Konsequenzen? So gut wie keine.

Vereint im Kampf gegen Israel
Die linksorthodox-islamische Zusammenarbeit beim Kampf gegen Israel, aber auch bei der Preisgabe aufgeklärt-säkularer Errungenschaften der Moderne kommt keineswegs von ungefähr, legt jetzt der Basler Philosoph Stefan Zenklusen (*1966) in seinem im Hintergrund-Verlag erschienenen Essay „Islamismus und Kollaboration“ dar. Zenklusens Fokus ist auf Frankreich gerichtet. Was er von dort berichtet – „Der Beitrag von französischen und europäischen Linken und Liberalen bei der Errichtung des Islamismus und Antisemitismus“ heißt es im Untertitel –, wirkt von außen her gleichwohl wie ein Blick auf eine gesellschaftlich-politische Laborschale, in der sich gefährliche und noch gar nicht richtig begriffene Reaktionen, Verbindungen und Prozesse abspielen. Mit denen haben auch andere Länder dieses Kontinents zu rechnen, namentlich Deutschland, wo die Anzeichen dafür schon manifest werden.

„Im Gesamtkontext der Kollision des postmodernen Kapitalismus mit der islamischen Herrschaftskultur wird [der] aufklärungshumanistische Kernaspekt der kulturellen Moderne negiert bzw. von den westlichen Herrschaftsträgern mehrheitlich verraten“, schreibt in einer hochkomplexen Voruntersuchung zum Buch sein Verleger Hartmut Krauss. Er legt damit die Grundformel frei, die Zenklusen desweiteren als die in Frankreich aktuell prozessbestimmende Wesensveränderung in den tradierten gesellschaftlichen Übereinkünften erkennt: Ein „zunehmend nihilistisches Verhalten gegenüber den Grundinhalten der eigenen, europäisch gewachsenen, säkular-demokratischen Leitkultur“.

Im Mittelpunkt von Zenklusens Beschreibung, die zugleich Anklage ist und auf die er in vielerlei, der „multikulturellen“ Wirklichkeit entnommenen Beispielen immer wieder zurückkommt, steht Frankreichs „Aufklärungsverrat“ (Krauss) an sich selbst als „Vaterland der bürgerlichen Revolution“. Der Art. 10 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 las sich noch so:

„Niemand soll wegen seiner Anschauungen, selbst religiöser Art, belangt werden, solange deren Äußerung nicht die durch das Gesetz begründete öffentliche Ordnung stört“.

Der Rückschritt wird als „kultursensibler“ Fortschritt gefeiert
Dies ist die Urformel des modenen rechtsstaatlichen Säkularismus, der kein in den Welt- und Gesellschaftsbetrieb hineinregierendes religiöses Gesetz und keine diesem folgende Vorschrift über das demokratisch und rechtsstaatlich verfasste weltliche Gesetz und über seine Anwendungsvorschriften stellt. Im Zeitalter endloser und zermürbender Kopftuch- und Verschleierungsdebatten gerät diese aufgeklärt-republikanische Maxime zunehmend unter Druck. Ihre Preisgabe wird gar als „kultursensibler“ Fortschritt gefeiert, genau so, wie es die Zurückweisung jeder Kritik am Islam wird, dem man diesseits und jenseits des Rheins gerne und gerade auch von Links her den Charakter einer sozio-ökonomischen Befreiungstheologie zubilligt – sogar einer feministisch konnotierten!

Die Publikation eines islamkritischen Artikels im September 2006 durch den französischen Lehrer und Philosophen Robert Redeker war jedenfalls für diesen als Autor, aber schon sehr bald auch für viele andere – Zenklusen nennt hier den Philosophen Alain Finkielkraut – der Beginn einer um sich greifenden Denunziationskampagne gegen solche Intellektuelle, die – wie die Genannten – im Islam vor allem „eine totale Weltanschauungslehre mit einem Rechtssystem und einer integralen politischen Ideologie im Sinne eines autoritär–hierarchischen Herrschaftsmodells“ erkennen und welches „antithetisch zu den durch die bürgerliche Aufklärung erkämpften, unveräußerlichen Rechten des Menschen steht“. Eine auf jede klerikale oder papistische Anmaßung stets hochallergisch reagierende Linke ließ den von Todesdrohungen bedrängten Robert Redeker damals im Stich: „Keine einzige Gewerkschaft, kein einziges linkes Medium hat Redeker unterstützt“, beklagt Zenklusen.

Dies ist ihre Ursünde, die Zenklusen der Linken von heute vorwirft, obwohl er selbst sich als Aufklärungslinker in der Tradition der älteren Kritischen Theorie, des Soziologen Pierre Bourdieu und von Karl Marx sieht, der seinerseits einst schnörkellos und wie von Carl Schmitt formuliert die Freund-Feind-Einteilung des Islam gegenüber der nicht-islamischen Welt beschrieben hatte:

„Der Koran und die auf ihm fußende muselmanische Gesetzgebung reduzieren Geographie und Ethnographie der verschiedenen Völker auf die einfache und bequeme Zweiteilung in Gläubige und Ungläubige. Der Ungläubige ist ‚harby‘, d.h. der Feind. Der Islam ächtet die Nation der Ungläubigen und schafft einen Zustand permanenter Feindschaft zwischen Muselmanen und Ungläubigen.“

Der Islam nährt die Hoffnung auf eine Welt ohne Grenzen

Heute geschrieben, wäre dem Autor eine Ächtung als „islamophober Rassist“ zweifellos sicher.

Was ist hier passiert? „Wieso“, fragt Zenklusen, „neigen linke Pariser Intellektuelle immer wieder dazu, mit autoritaristischen und totalitären Ideologien zu fraternisieren?“ Sogar dann, wenn sie, wie der inzwischen wegen angeblicher #metoo-Verbrechen ins Gerede gekommene muslimische Pop-Professor Tariq Ramadan, die Laizität zerstören wollen oder offen eine Frauen- und Kulturpolitik nach iranischem Vorbild vorschlagen?

Die Linke, so Zenklusen, hat offenbar beschlossen, im Islam und speziell in den Muslimen der Banlieues die „Träger der Zukunft“ zu sehen. Der Islam, nicht die kommunistische Idee, ist nunmehr mit der Hoffnung auf eine Welt ohne Grenzen verknüpft. Die Muslime, die, wenn sie nicht gerade um ihr Leben fliehen mussten, als Migranten den Versprechungen und materiellen Verlockungen des Westens folgten und folgen und nun als weitgehend Abgehängte das neue Proletariat darstellen, verkörpern zunehmend „linke“ Hoffnungen auf einen fundamentalen Umsturz der Verhältnisse.

Die Bewegung „No Borders – No Nation“ ist gleichsam die „linke“ spiegelbildliche Entsprechung des klassischen islamischen Strebens nach Invasion zur Verbreitung des Islam durch den Dschihad mit dem Mittel der Migration der Muslime in andere Länder, ein Bestreben, auf das Bassam Tibi schon in seinem Buch „Der wahre Imam“ 1998 hingewiesen hatte. Wobei der Linken gar nicht auffällt, „wie stark der unreflektierte Antinationalismus von Grünen, Linken und ‚Liberalen‘ sich weitgehend deckt mit dem Diskurs und der Praxis der Hochfinanz und der multinationalen Unternehmen“.

Im Vorwort fasst Hartmut Krauss es in einem Satz zusammen: „Die Pseudolinke ist Funktionsbestandteil des politisch-ideologischen Herrschaftsapparats des postmodernen Globalkapitalismus im Allgemeinen und des migrationsindustriellen Komplexes im Besonderen geworden.“

Dabei bewahrt die „Pseudolinke“ ihren klassenkämpferischen Impetus, indem sie die migrantisch geprägten Vorstädte („Banlieues“) zur anti-nationalen „Gegenwelt“ des Kapitalismus und des umfassenden Amerikanismus erklärt. Denker wie der 1942 geborene postmarxistische Philosoph Étienne Balibar, der bis 1981 noch Mitglied der KPF war, erklären „heute die Bewohner der Banlieue zur Avantgarde der Menschheit“. (…)

Zuerst erschienen bei der „Achse des Guten“


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