Oktober 7, 2016 – 5 Tishri 5777
Fliegen Israels Fußballer 2018 nach Russland?

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Die israelische Nationalmannschaft könnte sich erstmals seit 1970 wieder für eine Weltmeisterschaft qualifizieren  

Von Jerome Lombard

Gianluigi „Gigi“ Buffon ist eine Torhüter-Legende. Seit 15 Jahren steht der 38-Jährige für seinen Stammclub Juventus Turin zwischen den Pfosten. Vier Mal wurde er zum Welttorhüter des Jahres gewählt. Er ist Italiens Nationalspieler mit den meisten Länderspieleinsätzen. Das ist die beeindruckende Bilanz dieses Meisters seines Faches. Wer als gegnersicher Stürmer auf Gigis Tor anrennt, weiß also genau, wen er da vor sich hat.

Die Psyche ist ein wesentlicher Faktor im Fußball. Respekt ist entscheidend, um den Gegenüber nicht zu unterschätzen. Ehrfurcht hingegen lähmt die Physis. Israels Mittelfeldspieler Tal Ben Haim hatte bestimmt eine Menge Respekt, als er bedrängt und dicht gefolgt von vier italienischen Verteidigern auf Gigis Kasten stürmte. Den Lupfer des Mannes von Maccabi Tel Aviv, mit viel Effet in die obere rechte Torecke geschlenzt, kann man eigentlich nur als aufmüpfig, ja geradezu frech und so gar nicht ehrfürchtig beschreiben. Gigi blieb nichts Anderes übrig, als zuzuschauen, wie der Ball so gekonnt wie präzise ins Netz segelte – ein fußballerischer Höhepunkt an diesem 5. September im Sammy-Ofer-Stadion von Haifa.

Das Endergebnis dieses Auftaktmatches zur Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland mag aus israelischer Sicht zwar ernüchternd klingen: Die Italiener gewannen 3:1. Doch nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel, zumal die Partie gegen die Azzuri knapper und ausgeglichener war, als das Ergebnis vermuten lässt. Die Israelis von Coach Elisha Levy waren dem Ausgleich streckenweise näher, als die Italiener dem letztendlichen Siegtreffer. Von Frust kann daher keine Rede sein. Immerhin spielte hier der FIFA-Weltranglisten-Dreizehnte Italien gegen den 98. auf der Liste, Israel.

Israels kommende Gegner in der UEFA-Qualifikationsgruppe G sollten durchaus zu schlagen sein. Anfang Oktober müssen die Blau-Weißen auswärts gegen Mazedonien ran. Danach folgen die Partien gegen Lichtenstein und Albanien. Ok, zugegeben, die amtierenden Weltmeister aus Spanien sind auch noch Teil der Gruppe. Aber nichtsdestotrotz: Israel, von Experten häufig als Fußballzwerg belächelt, hat aktuell einen gut aufgestellten Kader mit Spielern, die in Europa und international ihr Geld verdienen. Damit hat das Team durchaus Chancen sich – wenn auch als Außenseiter – für die Endrunde der weltbesten Nationalmannschaften in zwei Jahren in Russland zu qualifizieren. Fans und Kicker sind gleichermaßen heiß. Eine Qualifikation wäre die zweite in der fußballerischen Geschichte des jüdischen Staats. Nach der Teilnahme an der WM 1970 in Mexiko. Damals noch mit Spielerlegende Mordechai Spiegler – Israels historischer Top-Scorer mit 33 erzielten internationalen Toren – darunter das bislang einzige bei einer Weltmeisterschaft beim 1:1 gegen Schweden.

An diesen ersten großen Erfolg wollen die Spieler um Kapitän Eran Zahavi jetzt 46 Jahre später anknüpfen. „Der Erfolg (Teilnahme an der WM 1970) ist inspirierend“, sagt der 29-jährige Mittelfeldspieler vom chinesischen Erstligisten Guangzhou R&F gegenüber „FIFA.com“. „(Die Spiele von damals) werden oft im Fernsehen übertragen und man kann es nicht vergessen. Was wir machen können, ist unser Bestes geben und so viele Tore wie möglich erzielen.“

Antizionismus auch im Fußball
Tatsächlich waren die Voraussetzungen 1970 gänzlich andere als heute. Und das nicht nur, weil die Teams komplett neu aufgestellt sind und der Fußball sich generell technisch und institutionell weiterentwickelt hat. Israel war als geographisch west-asiatisches Land Teil der asiatischen Qualifikationsrunden, die damals noch mit der Gruppe aus Ozeanien zusammengelegt waren. Israels Qualifikationsgegner hießen 1970 Australien, Neuseeland und Rhodesien (heutiges Zimbabwe). Nord-Korea war im Vorfeld zurückgetreten, da Diktator Kim Il-sung nicht gegen Israel antreten lassen wollte. Die kommunistisch eingefärbte Begründung für den Boykott: Israel sei eine künstlich geschaffene Speerspitze des Imperialismus. Juden seien keine Nation und dürfen weder Staat noch Nationalteam haben. Den antisemitisch untermauerten Hass auf den jüdischen Staat auch auf den Sport zu projizieren, war aber nicht die originäre Idee des nordkoreanischen Stalinisten. Als Israel 1954 dem Asiatischen Fußballverband (AFC) beitrat, zogen gleich mehrere muslimische Staaten ihre Mitgliedschaft zurück und erklärten, niemals gegen eine Nationalelf aus Israel antreten zu wollen. Das führte 1958 zu der bizarren Situation, dass Israel seine Qualifikationsgruppe für die anstehende WM in Schweden gewann, ohne ein einziges Spiel gespielt zu haben. Da das ganze Boykott-Spektakel der FIFA peinlich und unsportlich erschien, organisierte der Weltfußballverband kurzerhand ein Playoff-Match gegen Wales, das Israel im Hin-und Rückspiel verlor. (…)

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