März 31, 2017 – 4 Nisan 5777
Europas Wohlergehen hängt am Fortbestand Israels

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Warum Israels und Europas Schicksale untrennbar miteinander verknüpft sind  

Von Timon Dias / Redaktion Audiatur

Es ist ein Gedanke, mit dem sich bislang nur wenige der Denker unserer Zeit beschäftigt haben. Und wenn, dann nur eher flüchtig, ohne sich weiter darüber zu äußern, warum, wenn Israel fällt, Europa nur allzu bald folgen wird. Es ist jedoch kein neuer Gedanke.

Ein Jahr nach dem Sechstagekrieg schrieb der amerikanische Arbeiterphilosoph Eric Hoffer einen kurzen Absatz zu diesem Thema.

„Zu diesem Zeitpunkt ist Israel unser einziger zuverlässiger und uneingeschränkter Verbündeter. Wir können uns eher auf Israel verlassen, als Israel sich auf uns verlassen kann. Und man muss sich nur vorstellen, was letzten Sommer passiert wäre, wenn die Araber und ihre russischen Unterstützer den Krieg gewonnen hätten, um zu erkennen, wie entscheidend das Überleben Israels für Amerika und die ganze übrige westliche Welt ist. Ich habe eine böse Vorahnung, die ich einfach nicht loswerde: Das, was mit Israel passieren wird, wird auch mit uns allen passieren. Wenn Israel untergeht, wird der Holocaust über uns alle hereinbrechen.“

In jüngerer Zeit schrieb der Historiker Niall Ferguson:

„Obwohl es für alle drei monotheistischen Religionen als heilig gilt, wirkt das Jerusalem von heute manchmal wie das moderne Gegenstück zum Wien des Jahres 1683 – eine befestigte Stadt an der Grenze zur westlichen Zivilisation. (S. 93)“

Hätte der polnische König Jan III. Sobieski und seine 60.000 Mann starke polnisch-deutsche Streitmacht, darunter vor allen Dingen seine geflügelten Husaren, die ottomanischen Invasoren vor Wien nicht besiegt, wäre ein wehrloses Europa zurückgelassen geworden. Indem er das moderne Israel mit dem Wien des Jahres 1683 vergleicht, impliziert Ferguson: wenn Israel fällt, wird auch Europa fallen.

Doch ebenso wie Hoffer lässt sich auch Ferguson nicht weiter über die Frage nach dem Warum aus. Was aber meinen sie tatsächlich?

Im Gegensatz zu Wien grenzt die Landmasse Israels nicht an Europa an. Und davon abgesehen, dass sie die Erfüllungsgehilfen der Sowjets waren, stellte die arabisch-muslimische Welt an sich 1968 keine große Bedrohung für den Westen dar. Der französisch-algerische Krieg war schon sechs Jahre zuvor beendet worden und die libyschen Bombenattentate in Lockerbie und einer Berliner Diskothek würden erst 20 Jahre später stattfinden. Und auch, wenn sie mit Tod und Schrecken einhergingen, hatten diese Angriffe nur wenig bis gar keine Auswirkungen auf die strukturelle Sicherheit und das soziale Gefüge Europas.

Abgesehen von seiner instinktiven Sympathie gegenüber dem jüdischen Staat betrachtete Hoffer Israel als einen Außenposten im Kampf, die Sowjetunion zurückzuhalten. Und tatsächlich erwies sich Israel als ein solider Verbündeter und Dreh- und Angelpunkt der Geheimdienste, so z. B., als sie einen gestohlenen sowjetisch-irakischen MIG-21-Kampfjet zu Forschungszwecken an die USA ausliehen. Doch auch wenn es stimmt, dass die israelischen Kriege, die in Friedensverträgen mit Ägypten und Jordanien mündeten, dazu beitrugen, den Nahen Osten unter US-Vorherrschaft zu bringen, ist es nach wie vor unwahrscheinlich, dass die Zerstörung Israels den Sowjets zu einem Sieg über den Westen verholfen hätte, wie Hoffers Vorahnung impliziert.

Im Jahr 2016 allerdings hätte Israels Fall definitiv sehr tiefgreifende Auswirkungen auf das sich auflösende soziale Gefüge und die strukturelle Sicherheit Europas. Heute mehr als zu jeder anderen Zeit in seiner Geschichte würde der Untergang Israels Europa an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Es ist schon merkwürdig, aber es scheint, als seien Hoffers Vorahnungen heute zutreffender als vor 49 Jahren.

Und zwar aus folgenden Gründen:

1. Nie dagewesene psychologische Kraft für die europäischen Islamisten.

Wenn es um Israel geht, können sich selbst die scheinbar best-integrierten europäischen Muslime in hysterische Ideologen verwanden: Mit Schaum vor dem Mund schreien sie Anschuldigungen von Kriegsverbrechen und Völkermord heraus und fordern wütend, dass alle Juden getötet werden sollten.

Jedes Mal, wenn Israel von der Hamas zu einem Gegenschlag gezwungen wird, gehen in Europa die Moslems in Massen auf die Straße. Und, wie Douglas Murray feststellte:

„Am auffälligsten war, dass die Proteste in den westeuropäischen Städten mit überwältigender Mehrheit von Muslimen angeführt wurden. Nicht von speziellen Islamisten oder islamistischen Gruppierungen, sondern von extrem aufgebrachten Muslimen – insbesondere jungen Muslimen – die zu Hause auf dem Sofa sitzen bleiben, wenn es irgendwo sonst auf der Welt einen Krieg gibt, deren Zorn jedoch beflügelt wird, wann immer Israel mit irgendeinem seiner Nachbarn im Streit liegt.“

Und man muss nur einmal kurz bei einer dieser Zusammenkünfte dabei gewesen sein, um die hysterische Stimmung eines Lynchmobs zu spüren. Der niederländisch-marokkanische Rapper „Appa“ beispielsweise wurde von seinen Zuhörern frenetisch gefeiert, nachdem er gesagt hatte:

„Ich bin für die Hamas, so lange, bis die Zionisten vertrieben sind, damit das klar ist!“

Und abermals sind es keine Islamisten per se, die solche Äußerungen von sich geben. Appa ist ein niederländischer Musiker, der häufig in Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eingeladen wird und bereits als Serien-Schauspieler im staatlichen Fernsehen der Niederlande zu sehen war.

1.1 Gescheiterte Integration
Westeuropa war bislang nicht besonders erfolgreich, was die Integration seiner muslimischen Bevölkerung angeht. Und das ist nicht einmal erstaunlich. Die meisten Europäer haben keine besonders solide und unverrückbare Vorstellung, was es ist, für das sie tatsächlich stehen.

Die europäische Identität ist verschwommen und extrem dehnbar. Daher kann man die Muslime kaum dafür verurteilen, dass sie nicht besonders begeistert davon sind, ihre eigene, starke kulturelle Identität gegen etwas einzutauschen, das selbst die meisten Europäer nicht verstehen und als etwas Austauschbares betrachten.

1998 veröffentlichte der damalige Soziologieprofessor und niederländische Politiker Pim Fortuyn (der 2002 von einem linksextremen Aktivisten erschossen wurde) ein Buch mit dem Titel „50 Jahre Israel, wie lange noch?“. Darin beschrieb er den arabisch‑israelischen Konflikt als einen Zusammenstoß zwischen Moderne und islamischem Fundamentalismus. Nach seiner Analyse erlebt Israel diesen Zusammenstoß in seiner stärksten Ausprägung, während Europa ihm in einer geringeren, doch zunehmend stärker werdenden Intensität ausgesetzt ist.

1.2 Bestätigung der „Göttlichkeit“ des Islam
Welche Auswirkungen hätte es nun auf die islamische Psyche, wenn ihr meistgehasster und von der Anzahl her größter und militärisch am besten ausgestatteter Feind stürzen würde, während sie gleichzeitig beobachtet, dass ihre westlichen Verbündeten dies sang- und klanglos geschehen lassen?

Ihre Emotionen würden sich nicht auf Freude beschränken. Das genaue Gegenteil von Mutlosigkeit würde sie ergreifen, ganz ähnlich dem Gefühl Artus‘, als er das Schwert Exkalibur aus dem Fels zog. Dieses Gefühl würde sich auch nicht nur auf die Islamisten beschränken. Es würde sich auf das gesamte breitgefächerte Spektrum aller Muslime ausdehnen, die sich an anti-israelischen Kundgebungen beteiligten.

Wie auch immer, wenn eine islamistische Entität Israel zerschlagen würde, würde dies die Popularität des Islamismus immens steigern, schlicht und einfach, weil jeder den Gewinner liebt. Israels Zerstörung würde außerdem den Glauben der Islamisten an die Göttlichkeit und Wahrhaftigkeit ihrer Doktrin weiter festigen.

1.3 Definitiver „Beweis für die Unwürdigkeit des Westens“
Und es stände durchaus noch mehr auf dem Spiel. Was wäre „der Westen“ in kultureller und militärischer Hinsicht noch wert, wenn er zulassen würde, dass sein zuverlässigster und treuester Verbündeter in der Region, mit dem er kulturell so eng verknüpft ist, überrannt würde? Die Antwort muss selbstverständlich lauten: sehr wenig.

Der Westen könnte sich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen. Eine solche Kultur hätte weder die Kontrolle über Respekt noch über Angst und bräuchte sich überhaupt nicht mehr zu wagen, die Muslime um Integration zu bitten. Wenn dann der Westen immer noch die Unverfrorenheit besäße, dies trotzdem zu verlangen, wären die Moslems noch weniger bereit, dies zu tun, als zuvor. Denn die Beobachtung, dass der Westen trotz seiner militärischen Fähigkeiten zuließe, dass Israel brennt, würde anstelle von Entgegenkommen den emotionalsten Formen der Verachtung Tür und Tor öffnen.

Anti-israelische Unruhen von Muslimen in Frankreich, wie die nachstehend geschilderte aus dem Jahr 2014, sind nicht nur Anti-Israel-Proteste. Sie vermitteln ein generelles Gefühl der Subversivität und Verachtung für eine Gesellschaft, die als schwach und reif zur Übernahme betrachtet wird.

Die Kapitulation Israels wird dieses Gefühl ganz bestimmt nicht verringern. Im Gegenteil, sie wird es nur verstärken, indem sie ohne jede Zweifel beweist, dass der Westen sich nicht mehr länger selbst verteidigt.

Schwäche fordert Aggression heraus und wenn der Westen zulässt, dass Israel zerstört wird, wird seine Schwäche in Stein gemeißelt sein.

Wenn Israel fällt, wäre der Weg nach Europa physisch zwar nicht direkt frei für „Die Armee Mohammeds“, wie es im Falle von Wien war. Doch in der Erfahrungswelt der Islamisten, und sie zählt, wäre Europa dann im Vergleich zu dem Sparta-ähnlichen, bewaffneten und verteidigungsbereiten Israel ein leichtes Ziel. Für sie gilt dieser Gedankengang:

„Wenn Israel fallen kann, wird Europa fallen.“

In jedem Kampf ist die psychologische Kraft die halbe Miete. Und die Zerstörung Israels würde diese ganz und gar befeuern.

2. Fazit
Auch wenn Europa und Israel nicht über eine gemeinsame Grenze verfügen, so teilen sie dennoch einen gemeinsamen Glauben. Israel erstand aus der Asche Europas. Und wenn Israel wieder zu Asche zerfällt, wird uns das Pulverfass Europa um die Ohren fliegen.

Es würde dem europäischen Islamismus, dem Gangster-Islam und allen anderen Formen islamischer Subversion eine nie dagewesene psychologische Kraft und erneuten Glauben in die Göttlichkeit und die Wahrheit ihrer Doktrin verleihen.

Man kann nun durchaus mit Israel sympathisieren, denn es ist eine spartanische Miniaturversion Europas. Man kann es aber auch sein lassen, denn es legt einen auf seine Sozialanthropologie und moralischen Diversitätsklassen fest. So oder so, halten Sie sich den islamistischen Gedankengang vor Augen: „Wenn Israel fallen kann, wird Europa fallen.“

Zuerst erschienen auf Englisch bei Gatestone Europe.
Übersetzung: www.audiatur-online.ch

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