September 8, 2017 – 17 Elul 5777
Es gibt keine Rechtfertigung für Terror

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Trotz schlimmer Erlebnisse als jüdische Schülerin unter Moslems würde ich niemals zu Terror und Gewalt greifen  

Von Anastasia Iosseliani

Nach den Anschlägen in Barcelona, Turku und Brüssel, krochen verschiedene Apologeten aus ihren Löchern und versuchten die Anschläge zu entschuldigen und/oder zu relativieren. Genau diese Apologeten stellen auch meine Berechtigung infrage den Dschihadismus mit dem einhergehenden Terror zu kritisieren. Ich sei ja in Zürich geboren worden, habe die meiste Zeit meines Lebens in der Schweiz (einem der reichsten Länder der Welt) gewohnt, außerdem habe ich als Kind auch noch in Georgien und Russland gelebt, spreche mehrere Sprachen. Das klingt doch nach einem fast paradiesischen Leben, oder? Nun, es ist nicht alles Gold, was glänzt…

In der Tat wurde ich in Zürich als Kind eines Schweizer Vaters und einer Mutter mit ukrainisch-jüdischen und georgischen Wurzeln geboren. Für meine Mutter war die Hochzeit mit meinem Vater ein Mittel zum Zweck, um ihr die Ausreise aus der (untergehenden) Sowjetunion zu ermöglichen und meine Geburt war nur ein Grund mehr, um meinen Vater so lange an sie zu binden bis sie erleichtert eingebürgert werden konnte. Meine Mutter wollte mich von Anfang an nicht in ihrem Leben haben, sie wollte aber auch nicht von meinem Vater, der nach der Hochzeit feststellen musste, das sie nicht nur eine Alkoholikerin, sondern auch eine Hure war, in die Sowjetunion zurückgeschickt werden.

Aber ich war nun mal auf der Welt und verschwand auch dann nicht, als meine Mutter endlich eingebürgert wurde und meine Existenz von da an keinen Nutzen mehr für sie hatte. Aber bevor meine Mutter eingebürgert wurde, geschah noch etwas anderes: Als ich drei Jahre alt war, hatte meine Mutter einen riesigen Streit mit meinem Vater. Nach diesem Streit packte meine Mutter ihre Sachen und mich ein, und zischte ab in die georgische Hauptstadt Tiflis, zu ihrer Mutter, meiner Großmutter.

Die Mutter bringt das Kind aus der Schweiz weg
Obwohl ich weiß, dass mein Vater in den darauffolgenden Jahren extrem darunter gelitten hat, dass er nicht wusste, wo meine Mutter und ich im Post-Bürgerkriegs-Georgien steckten, muss ich gestehen, dass diese Jahre in Tiflis gute Jahre waren.

Es waren gute Jahre, weil meine Großeltern mich liebten und meine Mutter – glücklicherweise – nur sporadisch aufkreuzte. Meine Großeltern, insbesondere meine Großmutter, schafften es mir das Gefühl zu geben im Paradies zu leben – und das in dieser heruntergekommen und dazu nach dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung auch gefährlichen Stadt.

Die prügelnde Mutter
Später, als ich wieder in der Schweiz lebte und sich meine Eltern getrennt hatten, bekam zuerst meine Mutter das Sorgerecht über mich. Es war ein Alptraum: Sie hatte sich da schon längst aufgegeben und ich war ihr vollkommen egal, außer wenn es darum ging das Leben von meinem Vater und mir zu verpfuschen. Einmal, als ich in ihrem Zimmer war, weil dort das Bücherregal war und mir ein Buch aus meinen Händen fiel, warf sie eine halbvolle Flasche mit Cognac der Marke „Ararat“ nach mir. Die Flasche zerbrach an der Wand neben mir in kleine Scherben und der Cognac floss auf den Boden. Da bemerkte meine Mutter, das sie meinetwegen Cognac vergeudet hatte. Sie sprang aus dem Bett, begann mich zu beschimpfen und auf mich einzuprügeln, bis ich auf den Boden fiel und das Bewusstsein verlor. In all jenen Jahren vernachlässigte mich meine Mutter oder war mir gegenüber sogar gewalttätig. Nach einer Weile wurde es selbst dem Jugendamt der Stadt Zürich zu bunt mit meiner Mutter und ich kam zu meinem Vater.

Die Zeit verging und als ich aus dem Gymnasium geworfen wurde und in eine Sekundarschule mit vielen Lernenden aus dem islamischen Kulturkreis kam, begann der Alptraum von Neuem. Es war in der siebten Klasse, meine Großeltern mütterlicherseits waren kurz davor gestorben, und meine Großmutter hatte mir ihren Magen David vererbt. Am ersten Tag in der neuen Schule machte ich zwei große Fehler:

Der erste Tag mit Burim und Ali
Der erste Fehler war, das ich den Magen David sichtbar trug und der zweite Fehler war mich in ein Gespräch zwischen zwei Halbstarken einzumischen, bei dem beide davon schwärmten, dass Osama Bin Laden Amerika und George Bush „ficken“ würde und der Islam die Welt erobern würde. Ich bemerkte, das einer der Halbstarken ein T-Shirt mit Skanderbeg (albanischer Nationalheld, der gegen das Osmanische Reich und die Islamisierung Albaniens kämpfte) darauf trug und wagte es ihn zu fragen, wieso er ein T-Shirt von jemandem tragen würde, der gegen das Osmanische Reich und den Islam gekämpft hat.

Die beiden Halbstarken waren nicht irgendwer, sondern die Schulrowdies Burim und Ali. Damit, dass ich es in meinem Übermut wagte ihnen eine solche Frage zu stellen, hatte ich mich an jener Schule selbst erledigt. Von jenem Tag an waren die beiden unermüdlich darin, mich zu verprügeln und zu demütigen, wo immer sie mich auch antrafen. Die Lehrer an jener Schule hatten so tolle Vorschläge, wie jenen, dass ich meinen Magen David zu Hause lassen sollte, um zu „deeskalieren“. Meine Klassenlehrerin sagte mir gar, als mein Klassen„kamerad“ Shqiprim (ausgesprochen „Schiprim“ ist ein albanischer Name und bedeutet „der Albaner“ auf Albanisch.) wieder einmal den Mülleimer über mir ausgeleert hatte, dass ich bescheidener auftreten sollte, weil es für einen Mann aus Shqiprims Kulturkreis demütigend wäre, wenn eine jüdische Frau in etwas besser (in meinem Fall die besseren Zensuren) ist als er.

Entschuldigung für die Schlacht von Kerbela 680
Nach ein paar gebrochenen Rippen & zahlreichen anderen Blessuren, hatte ich ein Gespräch mit der Schulleiterin und Ali. Ich weiss bis heute nicht, wieso Burim nicht bei jenem Gespräch dabei war, aber auf alle Fälle wurde Ali gefragt, wieso er mir das alles antun würde und Ali antwortete darauf, dass er das tat, weil wir Juden die Feinde Allahs seien und es war die Schuld von uns Juden, dass Hussein und Ali bei der Schlacht von Kerbala getötet wurden. Zuerst war die Schulleiterin perplex, weil doch Ali direkt vor ihr stand, doch dann riss sie sich zusammen und schlug mir allen Ernstes vor, mich für den Ausgang der Schlacht von Kerbala zu entschuldigen.

Obwohl ich in meinem Leben oft Gewalt erfahren habe, so wurde ich doch mit einem starken Willen gesegnet und deshalb wollte ich mich nicht für etwas entschuldigen, das ich nicht getan habe. Selbst wenn meine Knochen dabei brechen würden – meine Wille würde es nicht. Ich gab nicht nach und nach einer Weile hatte die Schulleiterin entschieden, dass sie an ihrer Schule nicht mehr länger für meine Sicherheit garantieren konnte und wollte. So wurde ich aus jener Hölle entlassen und bekam stattdessen ein paar Stunden Einzelunterricht pro Woche.

Ganz allein
Ein paar Jahre später starb mein Vater an Krebs und nun war ich tatsächlich ganz allein. All die Menschen, die sich an irgendeinem Zeitpunkt in meinem Leben um mich gekümmert hatten, waren tot. Ich war am Boden zerstört, ich stellte infrage, ob ich mich überhaupt „Mensch“ nennen durfte, zweifelte meine geistige Gesundheit und mein Recht zu leben an.

Wie Sie sehen und lesen können: In meinem Leben war ich oft verzweifelt und am Boden zerstört. Ich lernte es auf die sehr harte Tour, dass es niemanden gibt außer mir selber, auf den ich mich verlassen kann und dass es oft niemanden gibt, der mir eine Hand reicht, wenn es mir schlecht geht.

Trotz alledem habe ich keine Rechtfertigung dafür einen Terroranschlag zu begehen und unschuldige Zivilisten zu töten. Und Sie, geehrter Leser, haben auch keine Rechtfertigung für einen Terroranschlag. Wenn ich es schaffe, nach all jener Grausamkeit, die mir widerfahren ist, mich wie ein zivilisierter Mensch zu benehmen, dann gibt es für niemanden da draußen eine Entschuldigung oder Rechtfertigung dafür Zivilisten zu töten.

Meine Biographie erklärt auch, wieso Dschihad-Apologeten in mir Verachtung auslösen. Eben weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt Angst zu haben, verzweifelt zu sein und sich in den Schlaf zu weinen. Trotzdem bin ich hier und verteidige zivilisiertes Verhalten und die Zivilisation als Ganzes. Deshalb würde ich es sehr schätzen, wenn Apologeten darauf verzichten würden mich „Soziopathin“ oder „herzlos“ zu nennen, weil ich kein Mitgefühl für Terroristen habe.

Das Mitgefühl bewahre ich nämlich für die Opfer des Terrors.

Die Autorin schreibt auf ihrem Blog www.pinkkoshernotra.org

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