Dezember 8, 2017 – 20 Kislev 5778
Es brent, Brider, es brent!

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Der jiddische Komponist und Dichter Mordechai Gebirtig starb 1942 während des Holocaust im Krakauer Ghetto  

Von Laura Jacobi & Joseph Felix Ernst

Lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise ins Jiddischland und unterstützen Sie ein Buch gegen das Vergessen!

Der Schauplatz ist Galizien, einst vernachlässigtes rurales Kronland der K.-u.-K.-Monarchie, Kernland europäischen Judentums, ein Land zwischen den Kulturen, ein Land zwischen polnischem und österreichischem Katholizismus, slawisch-orthodoxem Christentum und Judentum, ein Land zwischen deutschen, polnischen, ukrainischen, russischen, jiddischen Zungen, ein Land vieler Muttersprachen, ein Land vieler Grenzen und deren Überschreitung, ein Land zwischen Zusammenleben und Pogrom. Ein durch und durch europäisches Land, das uns viel über uns selbst erzählen kann. Der deutschsprachige Leser kennt aus jenem verschwundenen Land allenfalls die Schriftsteller Bruno Schulz (geboren in Drohobycz bei Lwiw/Lemberg), Joseph Roth (geboren 1894 in Brody) und Leopold von Sacher-Masoch (geboren 1836 in Lwiw/Lemberg).

Weniger bekannt, jedoch eine der wichtigsten und authentischsten Stimmen aus Westgaliziens Hauptstadt Krakau ist Mordechai Gebirtig, der „Vater des jiddischen Liedes“. Genauso vielseitig wie seine Heimat, genauso bunt und hoffnungsvoll, gleichzeitig gezeichnet von Not und Armut sind seine Lieder. In Kazimierz, dem jüdischen Stadtteil Krakaus, lebte er als Tischler und schrieb des Nachts an seinen Liedern, die er den kleinen Leuten seiner Nachbarschaft widmete.

In ebenjenem Kazimierz trafen wir im Jahr 2013, damals noch Studenten, aber bereits angehende Verleger, den Autor Uwe von Seltmann. Uwe, geboren in Müsen (Westfalen), lebte bereits seit 2007 in Krakau und leitete regelmäßig Studienreisen durch seine neue Heimatstadt. Auch uns brachte er Kazimierz und seine Kultur, seinen Zauber und seine Geheimnisse näher. Vier Jahre später planen wir – nun als vollständige Verleger – ein Buch mit Uwe über den jüdischen Bertolt „Brecht von Kazimierz“, ein Buch gegen das Vergessen: „Es brennt – Leben und Werk des Mordechai Gebirtig“.

Unser Schtetl brennt
Der Poet Mordechai Gebirtig ist heute nur noch wenigen bekannt, er wurde 1942 im Krakauer Ghetto von Nationalsozialisten ermordet. Doch 170 seiner Lieder haben überlebt. Namhafte Künstler, in Deutschland zum Beispiel Wolf Biermann, Eva-Maria Hagen und Daniel Kahn, interpretieren noch heute Gebirtigs Werke. „S’brent, undzer shtetl brent“ (Es brennt, unser Schtetl brennt) – während des Holocaust die inoffizielle Hymne jüdischer Widerstandskämpfer – klingt, stets am Holocaust-Gedenktag, durch die Straßen Israels. Eine der eindrücklichsten Verse Gebirtigs. In diesem Lied ergeht ein Appell an alle, die tatenlos, vielleicht ohnmächtig, schockstarr stehen und abwarten: „un ir shteyt un kukt azoy zikh / mit farleygte hent. / un ir shteyt un kukt azoy zikh / undzer shtetl brent!“ (Und ihr steht und gafft nur herum, eure Arme verschränkt, und ihr steht und gafft nur herum, während unser Schtetl brennt.)

Gebirtig kommentierte mit diesem Lied ein Pogrom in dem polnisch-jüdischen Schtetl Przytyk im Jahre 1936. Seine Mahnungen sind heute aktuell wie je. Umso wichtiger ist es, sein Erbe aufzuarbeiten und urbar zu machen. Seine Klage erinnert uns daran, dass Chauvinismus in der Lage ist, die verheerendsten Seiten des Menschen an die Oberfläche zu kehren. Schon alleine deshalb müssen wir Gebirtig in das kulturelle Gedächtnis und den Kanon der galizischen Schriftsteller aufnehmen und ihn entsprechend als den bedeutenden Vertreter der jüdisch-europäischen Kulturgeschichte würdigen, der er war.

Doch aus Herz und Feder dieses großartigen Schöpfers jiddischen Liedgutes und jiddischer Lyrik stammen nicht nur Lieder der Klage und Wehmut. Auch viele Arbeiter-, Kinder- und Schlaflieder schrieb der Tischler aus Krakau. Zu den bekanntesten zählen heute wohl der freche „arbetloze marsh“ („geyn mir arum in gaz, vi di gvirim puzt un paz“ – „gehen wir durch die Gasse, lethargisch, wie die Reichen“) und die melancholische Kindheitserinnerung „kinder yoren“. Elegien, Lieder der Erinnerung, Lieder der Arbeit, Lieder der Heimat und Lieder des Spiels, der Kindheit und Wiegenlieder zeigen uns alle Aspekte des Lebens: Die familiären, die des Alterns, die des Glücks und des Schreckens gleichermaßen. Gebirtigs weite Ausschläge zwischen Hoffnung und Schmerz sind von einer Tiefe, die unmittelbar bedeutsam ist.

Gebirtigs Werk „urbar“ machen
Uwe von Seltmann arbeitet seit vielen Jahren daran, Gebirtigs Schätze zu bergen und zahlreiche unsortierte Dokumente zu organisieren, zu transkribieren, ins Hochdeutsche zu übertragen und in Bezug zu Gebirtigs Leben zu setzen. Etliche Lieder sind in ganz anderen Zusammenhängen entstanden als bisher angenommen. Viel neues Material hat Uwe von Seltmann dabei geborgen: Zeitdokumente, Fotografien, Aufzeichnungen – Material, das nicht allein durch die Namensvarianten Gebirtigs bisher nicht beachtet oder richtig verzeichnet worden waren. Mordechai? Mordechaj? Mordche? Gebirtig? Gebürtig? Bertig? Oder latinisierte Formen, die von K.-u.-K.-Beamten und dem österreichischen Zensus bevorzugt wurden? Gebirtigs Erbe ist nicht einfach unter einem Namen zusammenzutragen. Uwe von Seltmann hat viele der Verschlüsselungen aufgespürt und widmet ihnen in seinem Buch „Es brennt“ sogar einen eigenen Abschnitt.

„Es brennt“ ist mehr als eine Biographie. Es ist Werkschau, es ist Lyrik, es ist Geschichte und Geschichten, es ist Fundus und Entdeckung, es ist Würdigung und es ist: notwendig.

Mordechai Gebirtig – von einem NS-Soldaten bei einer Aussiedlungsaktion erschossen – hat 1942 im Krakauer Ghetto diese unsere Welt verlassen. Seine Lieder haben es nicht. Aus dem Echo der Vergangenheit klingen seine Verse bis heute und sind so aktuell, als hätten wir sie uns gestern erst erdacht. „Blayb gezunt mir, Kroke“ schreibt Gebirtig nach seiner Deportation in das Krakauer Ghetto: „Bleib du mir gesund / Es wartet der Wagen schon angespannt vor meinem Haus“. Doch Gebirtigs Kroke, ganz Galizien ist damals längst nicht mehr gesund. Die braune Krankheit ist als tödlicher Fluch über das Land gekommen. Gebirtigs Gedichte sind mehr als ein Zeugnis, sie sind so dicht an seinem Leben, dass wir direkt davon vereinnahmt werden, dass wir keine Möglichkeit haben, uns zu entziehen.

„Es brennt“ wird im homunculus verlag am 19. April 2018 erscheinen. Bis zum 9. Dezember 2017 läuft auf der Crowdfunding-Seite www.starnext.com/es-brennt ein Unterstützungsaufruf, um die Ausstattung des Buches, das viele der von Uwe von Seltmann geborgenen Dokumente vollfarbig abbilden soll, zu finanzieren. Der Autor selbst gibt dort in einem Video weitere Informationen zum Projekt. Wählen Sie auf der Seite einfach Ihr Dankeschön für Ihre Unterstützung aus und geben Sie ohne Anmeldung Name und Zahlungsart an – schon sind Sie Teil dieses wichtigen Projekts. Wer dort fördert, sei an dieser Stelle bereits herzlich bedankt!

Aber auch nach dem Crowdfunding kann weiter unterstützt werden: ab dem 10. Dezember wird es auf der Homepage des Verlags die Möglichkeit geben, das Buch zum Subskriptionspreis vorzubestellen: www.homunculus-verlag.de

Helfen Sie mit, Mordechai Gebirtigs lyrischem Erbe eine schöne Heimat zu geben!
www.starnext.com/es-brennt

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