Wie mich arabische Männer bedrängten und anschließend des Rassismus beschuldigten  

Februar 8, 2016 – 29 Shevat 5776
Es begann schon lange vor Köln

Von Miriam Magall

„In Deutschland kann man nur in Heidelberg oder München leben.“ Dieser Meinung war ich, als ich Anfang 1988 mit dem Zug in Deutschland eintraf. Also fuhr ich nach Heidelberg, München würde später kommen. Ich kannte dort niemanden und wusste anfangs nicht, wie und wo genau man in der Stadt wohnen sollte. Diese Frage war schnell geklärt, denn sie hing mit meinem Wunsch zusammen: Ich wollte eine Wohnung mieten. Das war seinerzeit in Heidelberg nicht einfacher als heute. Man brauchte eine vorherige Anschrift, wenn möglich, in Deutschland; man musste einen festen Arbeitsplatz vorweisen mit dazugehörigen Einkommensnachweisen und noch einige dieser Auflagen mehr. Nichts davon hatte ich. Immerhin sprach ich gut Deutsch, im Gegensatz zu so manchem anderen weniger glücklichen Neuankömmling.

Ich suchte und suchte und endlich fand ich sie: eine schöne geräumige Wohnung im Stadtteil Rohrbach. Was ich anfangs nicht wusste – denn ich war ja neu in Heidelberg: Diese Wohnanlage war für amerikanische Soldaten und ihre Familien gebaut worden. Das machte die Wohnungen sympathisch, denn sie enthielten praktischerweise mehrere geräumige Einbauschränke, eine komplette Kücheneinrichtung, wenngleich nicht besonders elegant, und in jedem Zimmer gab es Deckenlampen. Für den Anfang gar nicht so schlecht. Die Hausverwaltung war freundlich und zuvorkommend und störte sich nicht daran, dass meine letzte Anschrift RechovUssishkin 88 in Tel-Aviv lautete und nicht Ploni-Straße in Karlsruhe oder Mannheim. Sie glaubte mir sogar, als ich ihr versprach, ich würde beim Europarat in Straßburg und bei der EU in Brüssel und Luxemburg arbeiten, als freiberufliche Konferenzdolmetscherin, denn das war mein Beruf.

Schnell war alles eingerichtet, mein Sohn wurde fürs Frühjahr in der Vorschule angemeldet, wo er besonderen Deutschunterricht für Zuwanderer bekam. Das waren zu jener Zeit vor allem Aussiedler aus der Sowjetunion und Polen sowie Iraner, Türken, Iraker und Afghanen. Schon damals verließen viele Menschen aus diesen Ländern ihre Heimat, wenngleich davon kaum viel Aufsehens gemacht wurde.

Praktischerweise – vor allem für meinen Sohn – wohnten seine Mitschüler alle in derselben großen Wohnanlage wie auch wir. Dass es da kaum Deutsche gab, ist mir erst im Nachhinein aufgefallen.
Die Mietwohnungen gehörten deutschen Heidelbergern, die sie seinerzeit günstig erworben und für gutes Geld an eben diese Amerikaner vermietet hatten. Als die Amerikaner gingen, vermieteten sie ihre Wohnungen an die Stadt Heidelberg. Für die Stadt war das eine willkommene Erweiterung ihres Wohnangebots, denn kurz zuvor waren die oben erwähnten Ausländer massenweise in der Stadt eingetroffen, und nun bot sich ihr die Gelegenheit einer angemessenen Unterbringung der Neuankömmlinge.

Es stand anfangs auch alles zum Besten. In der Wohnung uns gegenüber wohnte eine türkische Familie; ihr Sohn war im Alter meines Sohnes. Ähnliches galt auch für die Familie einen Stock tiefer. Die Eltern von Mahmud stammten aus Afghanistan, und sie wandten sich immer vertrauensvoll an mich, wenn sie zum Beispiel wissen wollten, welches Fleisch nicht vom Schwein war, sodass man es unbesorgt essen konnte. Noch einen Stock tiefer wohnte Schahabs Familie. Seine Eltern waren schon vor längerer Zeit aus ihrer iranischen Heimat geflohen, als der Schah vertrieben wurde. In den Nachbarhäusern wohnte noch der eine oder andere Ahmed oder Suleiman, und alle kleinen Jungen spielten einträchtig Fußball und was man sonst als kleiner Junge eben so spielt. Die Umgangssprache war Deutsch, denn das war die einzige Sprache, in der sich alle Kinder mehr oder weniger gut verständigen konnten. Es entstanden länderübergreifende Freundschaften. Eine Idylle.

Bis, ja, immer gibt es ein „Ja,aber“. Denn irgendwann fing die Stadt Heidelberg an, nicht mehr ganze Familien in den geräumigen Wohnungen unterzubringen, sondern sie steckte in jedes der vier Zimmer einer Vierzimmerwohnung einen unverheirateten Zuwanderer aus den schon oben erwähnten Ländern. Auch dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen, wenn, ja, wenn nicht innerhalb kürzester Zeit der Rest des weitläufigen Familienclans, der irgendwo in Deutschland gewartet hatte, ebenfalls in diese Vierzimmerwohnungen, allerdings nicht offiziell, einzog, sodass sich alsbald bis zu 20 Personen in einer einzigen Vierzimmerwohnung drängten. Dergestalt gefüllte Wohnungen gab es pro Stockwerk mindestens zwei von insgesamt vier pro Stockwerk und noch dazu auf fünf Etagen.

Es wurde eng im Haus. Tische und Stühle wurden in den Laubengängen aufgestellt, dazwischen standen die zahlreicher werdenden Wäscheständer, denn bei 20 Personen pro Wohnung wird eben viel Wäsche schmutzig. Als ich dann noch kaum aus meiner eigenen Wohnung hinauskam der vielen Wäscheständer wegen, habe ich es gewagt, bei den Nachbarn zu klingeln, um sie zu bitten, ihre Wäscheständer doch bitte nicht gerade vor meiner Wohnungstür aufzustellen und den Laubengang zu räumen, damit er hin und wieder aufgewischt werden konnte, wobei ich sie einlud, sich ebenfalls am Aufwischen zu beteiligen, denn die türkische Dame mir gegenüber und ich, wir wollten nicht für die anderen 40 Personen auf unserem Flur ständig aufwischen.

Nachdem die junge Frau, die mir die Tür geöffnet hatte, mich offensichtlich nicht verstand, kam der Herr des Hauses, er stammte aus dem Irak, das hatte ich schon mitbekommen, in der Türöffnung, knöpfte sich gähnend seinen Hosenschlitz zu und ließ seine Muskeln spielen, während er seinen nackten Oberkörper mir bedrohlich entgegenreckte: „Ich nicht sprechen mit Frau! Wo ist Mann! Ich spreche nur mit Mann!“

Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich der „Mann“ in meiner Wohnung sei und er sich schon mit mir begnügen müsse. Das brachte ihn anscheinend vollends auf. Er kam mir immer näher, hinter ihm tauchten weitere männliche Mitbewohner auf, und er drängte mich in Richtung Brüstung. Ich begann, um mein Leben zu fürchten. Wir wohnten im fünften Stock. Zu meinem großen Glück gingen unten gerade zwei Herren von der Hausverwaltung vorbei. Ich schrie aus vollem Hals um Hilfe. Sie blickten nach oben und riefen: „Wir kommen!“ Sie waren dann auch ganz schnell im fünften Stock. Wie durch Zauberhand waren alle Bewohner der Nachbarwohnung verschwunden, nur der cholerische irakische Herr, der mich gerade vom fünften Stock hatte herunterwerfen wollen, stand wieder brav in seiner Haustür und stotterte: „Sie mich beschimpft ‚dreckiger Ausländer’! Da ich böse.“ (...)

Von morgens um 6 bis nachts um 12 Uhr unterhielt man sich ungeniert, auf Arabisch versteht sich, von der fünften Etage mit Mohammed, der unten am Eingang stand. Mohammed und andere junge Männer saßen überdies immer gerne auf dem niedrigen Mäuerchen, das die Treppe vor dem Hauseingang säumte und schauten gerne jeder Frau, die sich an ihnen vorbeidrängen musste, unter den Rock. Dazu kommentierten sie gerne: „Eine Hure!“ „Eine Schlampe!“ Und dergleichen Nettigkeiten. Denn dank meines Ex, einem Juden aus Ägypten, verstand ich leidlich Arabisch und wusste also, was da so gesagt wurde.

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