Juli 7, 2016 – 1 Tammuz 5776
Erinnerung an den Farhud 1941

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Andenken an die Vernichtung des irakischen Judentums vor 75 Jahren  

Von Ben Cohen / JNS.org

Übersetzung von Redaktion Audiatur

Jeder irakische Jude kann etwas über den Farhud, den zweitägigen Pogrom erzählen, der vor 75 Jahren im Juni 1941 an den Juden von Bagdad verübt wurde. Im Falle meiner eigenen Familie war es so, dass sie dem Rat eines moslemischen Geschäftskollegen meines Großvaters gefolgt war, der ihm erzählt hatte, dass den Juden dunkle Tage bevorstünden und es klug wäre, seine Familie so schnell wie möglich aus dem Land zu schaffen – ein Rat, den mein Großvater beherzigte.

Mein Großvater gehörte jedoch zu einer glücklichen Minderheit. Beim Ausbruch des Farhud – was auf arabisch „gewalttätige Enteignung“ bedeutet – lebten um die 90.000 Juden in der irakischen Hauptstadt – das Herz einer lebendigen Gemeinschaft und Nachkommen jener Weisen, die 27 Jahrhunderte zuvor das einst als Babylon bekannte Land zum intellektuellen und spirituellen Zentrum des Judentums gemacht hatten.

Zu dem Zeitpunkt, als sich der gewalttätige Mob am Ende des Festes Schawuot wieder zerstreut hatte, waren nahezu 200 Juden ermordet, Hunderte weitere verwundet, vergewaltigt und zusammengeschlagen worden. Hunderte Wohnungen und Geschäfte waren niedergebrannt. Als der Rauch sich über einem Anblick lichtete, den man eher in Ländern wie Russland, Polen und Deutschland erwartet hätte, kam die jüdische Gemeinschaft zu dem Schluss, dass sie im Irak keine Zukunft mehr hatte. Innerhalb eines Jahrzehnts war nahezu die gesamte Gemeinschaft vertrieben worden und erhöhte so die Gesamtzahl der Juden, auch aus anderen Ländern der arabischen Welt, die kurzerhand ihrer Häuser und Existenzgrundlagen beraubt worden waren, auf 850.000.

Dass man sich bis zum heutigen Tag an den Farhud erinnert, ist größtenteils einer Handvoll Wissenschaftler und Aktivisten zu verdanken, die sich dazu verpflichtet haben, diese schreckliche Episode publik zu machen. In der Woche des 75. Jahrestags des Farhud haben einige von ihnen – wie zum Beispiel der amerikanische Autor Edwin Black und Lyn Julius, britische Historikerin für Judentum im Nahen Osten – Gedenkfeiern in den USA, Großbritannien und insbesondere in Israel, das den größten Teil der jüdischen Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen hatte, organisiert. Ich selbst hatte die Ehre, eine Ansprache anlässlich der Gedenkfeier in der Safra Synagoge in New York zu halten, bei der 27 Kerzen – eine für jedes Jahrhundert jüdischer Präsenz im Irak – angezündet und dann gemeinsam wieder ausgelöscht wurden, um so die plötzliche Auslöschung des irakischen Judentums zu symbolisieren.

Das Andenken an den Farhud aufrecht zu erhalten und ihm einen rechtmäßigen Platz als Beispiel für die Verfolgung der Juden während der Nazi-Ära einzuräumen, war ein schwieriges Unterfangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mehrere Jahrzehnte lang die Bedeutung des Farhud unter der landläufigen Vorstellung zusammengefasst, dass der Holocaust etwas war, dem nur europäische Juden zum Opfer gefallen waren. In Wahrheit waren die Nazis jedoch nicht nur in der gesamten arabischen Welt unmittelbar präsent, sondern hatten auch einen bedeutenden Einfluss.

Als die Briten 1941 eine Reihe von Rückschlägen in Südeuropa und Nordafrika hatten einstecken müssen, war der rechte Zeitpunkt für einen Staatsstreich gegen die pro-britische Regierung in Bagdad gekommen. Das strategische Ziel der Nazis war die Eroberung der irakischen Ölfelder, um so den für die Invasion der Sowjetunion benötigten Treibstoff zu erhalten.

Im April, dem Monat, in dem mein Großvater und seine Familie den Irak verließen, ergriff ein einheimischer Nazi-Büttel, Rashid Ali al-Gailani, die Macht im Glauben, dass eine Allianz mit Hitler die Voraussetzungen für die nationale Unabhängigkeit des Irak schaffen würde. Rashid Alis wichtigster Unterstützer war der mit den Nazis sympathisierende Mufti von Jerusalem, Hajj Amin al-Husseini, der nach seiner Flucht aus britischer Gefangenschaft 1939 in Bagdad ankam. Bis dahin hatte es zu den wichtigsten Aufgaben des Muftis gehört, zu Gewalt und Völkermord an der jüdischen Gemeinschaft im britischen Mandatsgebiet in Palästina anzustiften, die während des arabischen Aufstands von 1936-39 besonders ausgeprägt waren. (…)

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