1959 wanderte Hansjörg Gudegast aus und wurde zu Eric Braeden 

Von Valerie Herberg

Ende der 50er Jahre ging Eric Braeden, damals ein Teenager, aus Deutschland in die USA. Mittlerweile ist er ein international bekannter Schauspieler, hat einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame und zwei Bundesverdienstkreuze. Seit Jahrzehnten engagiert er sich neben seiner Arbeit für die deutsch-amerikanischen Beziehungen und für den deutsch-jüdischen Dialog. Das hat auch mit seiner Familie zu tun.

Eric Braeden gehört zu einer seltenen Art: die der deutschen Hollywoodstars. Hierzulande kaum bekannt, ist er in den USA und international ein Film- und Fernsehstar. Gesellschaftliches Engagement schließt das derweil nicht aus.

„Vorurteile und Feinbilder müssen abgebaut werden“, sagt Eric Braeden. Sein gesellschaftliches Engagement ist nur eines der Themen, über die wir während unseres Telefon-Interviews sprechen. Es ist 22 Uhr deutscher Zeit – und Mittagspause in Los Angeles, wo Braeden lebt und arbeitet. Bei seiner ehrenamtlichen Arbeit geht es ihm um den deutsch-jüdischen Dialog, ein menschlicheres Bild der Deutschen in den USA – und die Unterscheidung, dass „Nazis“ kein Synonym für Deutsche ist.

55-jährige Filmkarriere
Diese Vorstellung sei in den USA noch immer verbreitet, sagt Braeden. Er muss es wissen: Er lebt seit fast 60 Jahren dort. Braeden ist verheiratet, hat einen Sohn und drei Enkeltöchter. In seiner 55-jährigen Karriere hat er in Theaterproduktionen, Serien und hunderten Filmen mitgespielt. Hierzulande dürfte er vor allem für seinen Part als John Jacob Astor in „Titanic“ bekannt sein. Wer gerne Serien schaut, kennt ihn vielleicht auch als den Vater von Robin Scherbatsky in „How I met your mother“.

Braedens größte Rolle gehört ebenfalls zu einer Fernsehserie: Seit 1980 verkörpert er den Bösewicht Victor Newman in der Soap „The Young and the Restless“. Es ist eine der erfolgreichsten Serien aller Zeiten im US-Tagesprogramm. Kürzlich wurde die 11.000. Folge ausgestrahlt. Unter dem Titel „Schatten der Leidenschaft“ war sie in Deutschland zeitweise auf Sat.1 und im ZDF zu sehen.

Autobiographie „I´ll be damned“
Als er 1959 an Board der SS Hanseatic ging, die Richtung New York ablegte, war diese Karriere noch nicht abzusehen gewesen. Das schreibt Braeden in seiner Autobiographie „I´ll be Damned“ („Ich werd´verrückt“, Harper Collins), die dieses Jahr in den USA erschienen ist. Braeden wurde am 3. April 1941 in Bredenbek bei Kiel unter dem Namen Hans-Jörg Gudegast geboren. Den Namen legte er später aus Karrieregründen ab. Das Leben im Nachkriegsdeutschland war hart – und ein Leben in den USA schien dem damals 17-Jährigen interessanter und vielversprechender zu sein.

Was dann folgte, klingt wie der wahrgewordene American Dream. Nach kurzen Stationen in New York und Texas begann Braeden ein Studium an der Universität von Montana. Ein Leichtathletik-Stipendium machte das möglich – ein Glücksfall für den sportbegeisterten Braeden, der 1958 mit seinem Team Deutscher Leichtathletik-Jugendmeister wurde. Das Studium brach er schließlich aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen ab. Kurz darauf nahm er das Angebot an, mit einem Freund einen Dokumentarfilm zu drehen. Um einen Vertrieb für den Film zu finden, reisten die beiden jungen Männer nach L.A., wo Braeden sich niederließ. Er heuerte in einem Restaurant an, sprach aber bald bei Regisseuren vor und bekam erste kleinere Rollen.

„Mein Kampf“: Schlüsselerlebnis für Braeden
In diese Zeit fiel auch ein Schlüsselerlebnis für Braeden. Eines Abends 1961 sah er zufällig die Ankündigung zu einem schwedischen Dokumentarfilm namens „Mein Kampf“. Er habe in der Schule kaum etwas über Adolf Hitler gelernt, schreibt er in seiner Autobiographie – und war neugierig, mehr über den Mann zu erfahren, dessen Name so oft gefallen ist, seit er in den USA lebt, und der nach zwölf Jahren an der Macht offenbar zu einem Synonym für Deutschland geworden ist. Der Dokumentarfilm handelte von den Verbrechen der Nazis – und erschütterte den jungen Braeden tief. „Ich saß in dem dunklen, fast leeren Kino und kam zwei Stunden später als für immer veränderter Mann heraus, der seine Unschuld verloren hat“, schreibt er.*

Der Vater, ein Nazi?
Braeden konnte, so schreibt er, kaum glauben, dass seine Landsleute so etwas möglich gemacht hatten. Und er erinnert sich vage, dass sein Vater nach dem Krieg von britischen Soldaten mitgenommen und „entnazifiziert“ wurde. Er war Bürgermeister von Bredenbek gewesen. In der folgenden Zeit liest er alles, was er über die Zeit des Nationalsozialismus finden kann. Den Vater selbst konnte er nicht mehr fragen, er war bereits einige Jahre zuvor verstorben.

Wie er schreibt, konnte er durch Gespräche mit seinen Nachbarn, Verwandten und seinem älteren Bruder rekonstruieren, dass sein Vater wohl kein überzeugter Nationalsozialist war. „Was ich erfahren habe, war, dass er sich wie so viele andere hat verführen lassen“, sagt Braeden. In der Biographie schreibt er über diese Zeit: „Je mehr ich erfuhr, desto bewegter war ich und desto wichtiger wurde es für mich, für mein Land zu sühnen und einen angemessenen Weg zu finden um zu sagen: „Nicht alle Deutschen sind so!“

Geschichtliche Zusammenhänge stark vereinfacht
„Damals galten in den USA Deutsche als Nazis“, sagt Braeden im Interview. „Das ist heute immer noch so, allerdings etwas abgeschwächt.“ Er wolle nichts schönreden. Aber man müsse bedenken: „Der Nationalsozialismus war nur eine Periode von zwölf Jahren, eine schlimme Periode, aber alles davor und alles danach wird oft vergessen.“ Deutschland habe viel für Israel getan und tue dies heute noch.

Dass das verzerrte Bild der Deutschen in den USA so verbreitet ist, hat nach Ansicht von Braeden auch mit der Filmindustrie zu tun. Die Geschichte würde in Filmen und Serien stark vereinfacht und teilweise ins Lächerliche gezogen. Wie in der Serie „Rat Patrol“, in der Braeden in den 60er Jahren seine erste große Rolle spielte. Er verkörperte Captain Hans Dietrich, eine Figur, die von Generalfeldmarschall Erwin Rommel inspiriert war. „Rat Patrol war ein Cartoon, eine furchtbare Simplifizierung, in der vieles falsch dargestellt wurde“, sagt Braeden. Die Figur des Captain Dietrich war immerhin etwas differenzierter konzipiert – ein Grund, warum Braeden die Rolle angenommen hatte.

Deutsche: Auch nur Menschen
Dass die Deutschen auch heute – abgesehen von Angela Merkel – in den USA noch nicht überall beliebt sind, liegt laut Braeden aber auch an den Deutschen selbst. In den USA müsse man sich anders präsentieren als in Deutschland – das hätten viele Deutsche, vor allem Politiker, bisher versäumt. Es habe bisher einfach kaum Deutsche gegeben, sagt er, die sich den amerikanischen Medien gegenüber auf menschliche, sympathische Art vorgestellt haben.

Braeden hat selbst viel dafür getan, das Bild der Deutschen in den USA zu vermenschlichen. 1989 gründete er mit einem Freund zusammen die Deutsch-Amerikanische Kulturgesellschaft. Es ging den beiden darum, so Braeden, verschiedene Parteien und Gruppen, die sonst kaum miteinander ins Gespräch kommen, an einen Tisch und zum Reden zu bringen. So organisierte die Gesellschaft zum Beispiel Gesprächsrunden, bei denen Deutsche, Amerikaner und Juden miteinander diskutierten und ihre Assoziationen zu bestimmten Themen oder Symbolen austauschten. Zudem gab es Partys, manchmal sogar bei den Braedens im Garten, damit die Menschen sich in zwangloser Umgebung kennen lernen konnten. (…)



Komplett zu lesen in der Druck- oder Onlineausgabe der Zeitung. Sie können die Zeitung „Jüdische Rundschau“ hier für 39 Euro im Papierform abonnieren oder hier ein Onlinezugang zu den 12 Ausgaben für 33 Euro kaufen.


Sie können auch diesen Artikel komplett lesen, wenn Sie die aktuelle Ausgabe der "Jüdischen Rundschau" hier online mit der Lieferung direkt an Sie per Post bestellen oder jetzt online für 3 Euro statt 3,70 Euro am Kiosk kaufen.

Brief an die Redaktion schreiben