Januar 11, 2018 – 24 Tevet 5778
Erdgas-Funde eröffnen Israel neue Möglichkeiten

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Wird Israel in naher Zukunft vom Rohstoff-Importeur zum Rohstoff-Exporteur?  

Von Urs Unkauf

Bei seinem jüngsten Besuch in Brüssel äußerte sich Premierminister Benjamin Netanjahu zu einer bedeutenden Weichenstellung des jüdischen Staates auf dem Gebiet der Energiepolitik:

„Wir haben übrigens auch Erdgas entdeckt, und wir haben erst jüngst eine Absichtserklärung mit einigen europäischen Ländern unterzeichnet: mit Zypern, Griechenland und Italien, Sie kennen sie vielleicht. Wir klären gerade die Möglichkeit für die Verlegung einer Gasleitung von unseren Offshore-Gasfeldern nach Italien. Dies wäre, denke ich, sehr wichtig für die europäische Wirtschaft. Innovation, Energie und alles andere, ich glaube, wir sind natürliche Partner“, teilte das Amt des Premierministers am 11. Dezember 2017 mit.

Zuvor hatte der Presse- und Informationsdienst der Republik Zypern die Unterzeichnung eines entsprechenden Abkommens zwischen den vier Mittelmeeranrainern am 5. Dezember 2017 in Nikosia bestätigt. Das Projekt bietet Anlass, einen oft vernachlässigten Aspekt zu thematisieren: Die Rolle Israels als energiepolitischem Akteur und die Bedeutung der israelischen Erdgaspolitik für neue Perspektiven der Stabilisierung der Beziehungen mit den Nachbarstaaten sowie eine Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen mit den Mitgliedsstaaten der EU.

Weniger abhängig von Ägypten
Die Erschließung von Rohstoffvorkommen ist außenpolitisch betrachtet ein bedeutender Faktor zur Erhöhung des Grades an nationaler Souveränität und Steigerung der geopolitischen Relevanz von Staaten. Besonders im Bereich der Energiepolitik wirken sich diese Entscheidungen auch signifikant auf internationale Konstellationen aus. Israels Energieversorgung war lange Zeit von Erdgasimporten, beispielsweise aus Ägypten über die Arish-Ashkelon-Pipeline, abhängig. Das hochtechnisierte Land verbrauchte weitaus mehr Energie als es im eigenen Land zur Verfügung hat. Mit dem Einstieg Israels in das Erdgasgeschäft entsteht eine völlig neue Situation für energiepolitische Handlungsoptionen und internationale Kooperation. Zugleich wird dadurch Ägyptens Stellung als bedeutender regionaler Erdgas-Exporteur herausgefordert.

Auch die EU verringert ihre Abhängigkeit
Die Kosten für das Pipeline-Projekt „East Med“ werden aktuell auf etwa 6 Milliarden Euro geschätzt, die voraussichtliche Länge der Pipeline wird etwa 2.000 Kilometer betragen. Geplant ist, Europa ab 2025 mit bis zu 16 Milliarden Kubikmeter Erdgas jährlich durch das östliche Mittelmeer zu versorgen. Dem Bestreben der EU, eine Diversifizierung von Bezugsquellen und Versorgungswegen der benötigten fossilen Energieträger voranzutreiben, kommt dies sehr entgegen. So wird nicht nur die Versorgungssicherheit erhöht, sondern zugleich die regionale Abhängigkeit von nördlichen Ländern wie Norwegen oder Russland verringert und den zusätzlichen Wettbewerbsteilnehmern Israel und Zypern der Weg auf den europäischen Gasmarkt bereitet. Daraus resultieren wiederum günstigere Konditionen für Industrie und Privathaushalte, zusätzlich wird die Rolle von Erdgas als unverzichtbarer Bestandteil der europäischen Energieversorgung auch für die kommenden Jahrzehnte gesichert. Geopolitisch betrachtet hält das türkisch-zypriotische Verhältnis potenzielle Schwierigkeiten für das Pipeline-Projekt bereit, sollte sich Ankara dazu entschließen, den Territorialkonflikt mit Zypern eskalieren zu lassen und dadurch die Bauarbeiten zu behindern bzw. zumindest zu verzögern.

90 Kilometer vor Haifa im Meer liegt das Gas
Bereits im Jahr 2008 wurden vor den israelischen Hoheitsgewässern im Mittelmeer Erdgas-Vorkommen entdeckt, die ein Exportpotenzial versprachen. Das Gasvolumen des etwa 90 Kilometer vor der Küste von Haifa gelegenen, 2013 erschlossenen Gasfeldes Tamar wird auf 282 Milliarden Kubikmeter geschätzt. Die Vorkommen des nur wenige Kilometer westlich gelegenen Offshore-Gasfeldes Leviathan werden gar auf 470 Milliarden Kubikmeter geschätzt. Im Oktober 2015 vereinbarte Netanjahu mit Russlands Präsident Wladimir Putin die Vergabe umfangreicher Konzessionen zur Entwicklung der Lagerstätte an Gazprom, um von der langjährigen Expertise des russischen Unternehmens profitieren zu können. Über die Hälfte der aktuell insgesamt nachgewiesenen Reserven in Höhe von ca. 900 Milliarden Kubikmetern sind für den Eigenverbrauch Israels vorgesehen. Damit wurde der nationalen Energieunabhängigkeit zunächst Priorität gegenüber den bereits damals zur Disposition gestandenen Exportbestrebungen eingeräumt. Nach Jordanien exportiert Israel bereits seit Januar 2017 eigenes Erdgas. Spätestens 2019 erwägt Israel, auch mit dem Bau von Pipelines in die Türkei zu beginnen.

Pipelines nach Ägypten und Libanon wären zu riskant
Israelische Lieferungen nach Ägypten oder in den Libanon sind aufgrund eigener Vorkommen bzw. sicherheitspolitischer Bedenken weniger zu erwarten. Die anhaltenden Konflikte in Syrien sowie im Jemen wirken sich weiterhin negativ auf die regionale Wirtschaftsdynamik aus und es steht zu befürchten, dass Investoren vor den Risiken zurückschrecken, die eine Investition in das Pipeline-Netz des Mittleren Ostens vorläufig bereithält.

Für Israel kommt die geopolitische Bedeutung des Erdgases einer kleinen Revolution im Bereich der Energiepolitik zu: Vom langjährigen Rohstoffimporteur haben sich die Perspektiven mittlerweile hin zu einer fossilen Autonomie im regionalen Maßstab entwickelt, von zukünftigen Exportpotenzialen ganz zu schweigen. Damit gewinnt der jüdische Staat auch für seine Nachbarn an politischer Relevanz im Hinblick auf die Versorgung mit diesem wichtigen Energieträger. Da wirtschaftliche Prozesse bekanntlich dynamischer zu agieren vermögen als politische Verhandlungen, könnten sich daraus auch Perspektiven der Kooperation ergeben, die den arabischen Nachbarstaaten Ägypten und Jordanien eine neue Perspektive auf Israel eröffnet und den wechselseitigen Vertrauensaufbau fördert.

Für die Türkei ergibt sich die Perspektive, durch israelisches Erdgas einerseits die Abhängigkeit von russischen Lieferungen zu verringern, andererseits verspricht der geplante israelische Export nach Europa attraktive Transiteinnahmen. Relevant wird zudem die Frage der Sicherung von Förderplattformen durch Raketenangriffe seitens der Hisbollah von Norden und der Hamas aus südlicher Richtung. Für die Erforschung neuer Technologien in der Erdgasförderung Israels ist es daher ratsam, den Aspekt der Sicherheit – sowohl analog, als auch digital – miteinzubeziehen und Synergien zu schaffen, um die Verteidigung der neuen Wohlstandsperspektiven zu gewährleisten.

Im Bereich der Gesamtstromerzeugung setzt sich Israel zum Ziel, bis zum Jahr 2020 einen Anteil von 10 % Erneuerbaren Energien zu erreichen, der Kohleanteil soll bis 2022 auf 15 % begrenzt werden. Nach Angaben der Deutsch-Israelischen Außenhandelskammer von 2013 betrug der Anteil Erneuerbarer Energien im Jahr 2011 jedoch lediglich 0,41 %, im Folgejahr war ein marginaler Zuwachs auf 0,7 % zu verzeichnen. Die Hauptquelle der israelischen Energiewende soll dabei die Solarenergie sein, deren Möglichkeiten gegenüber dem fossilen Energieträger Erdgas aufgrund der günstigen klimatischen Bedingungen mittelfristig durchaus einen Konkurrenzfaktor darstellen können. 2017 wurden ca. 70 % der israelischen Elektrizität aus Erdgas erzeugt.

„Wir müssen von Kohle auf Erdgas umsteigen“, unterstrich Energieminister Yuval Steinitz (Likud) in einem Interview mit der „Jerusalem Post“ im November 2017. Wenn Israel zudem seine Fähigkeiten als Hightech-Land in die Erforschung neuer Technologien, insbesondere im Bereich der Speichertechnik, für die Modernisierung der Strominfrastruktur investiert, bleibt es auch auf diesem Feld spannend zu beobachten, wie sich der israelische Energiemarkt zukünftig gestalten wird und welche neuen Gestaltungsspielräume im regional- und geopolitischen Kontext sich dadurch eröffnen.

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