Dezember 13, 2016 – 13 Kislev 5777
Er wird fehlen!

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Die Redaktion hat jüdische Künstler in Deutschland um Worte zum Tod von Leonard Cohen gebeten.  

Wenn die letzten Blätter von den Bäumen fielen und es zu kalt wurde, um sich draußen aufzuhalten, wenn plötzlich wieder das Verlangen nach Kerzen und heißer Schokolade aufflammte, dann wurden bei uns Leonard Cohen-Platten aufgelegt. Das war gepflegte Melancholie. Dass er genau in dieser Zeit den Planeten Erde wieder verlässt, ist so stilvoll, wie seine Erscheinung und das künstlerische Erbe, das er uns hinterlässt. Auch wenn es uns ein mulmiges Gefühl gibt, dass so viele Künstler, die unsere Seele über so lange Zeit gefüttert haben, „die Party“ vor uns verlassen – es ist nun mal unsere Natur sterblich zu sein. So wie es scheint, hatte Leonard Cohen zumindest ein erfülltes und relativ langes Leben, in dem er durch seine Kreativität und seine Existenz Millionen inspiriert und erreicht hat. Auch mich, obwohl oder vielleicht gerade weil ich die Texte eigentlich nie richtig kapiert habe. Da fällt mir nur eins ein: Hallelujah!
Sharon Brauner (Sängerin)

Mit Leonard Cohen gibt es einen großen Freund der Frauen weniger. Was für ein Glück, dass er uns so viele großartige Songs geschenkt hat, die bleiben werden.
Katharina Palm (Schauspielerin/Autorin)

Leonard Cohen war einer der ersten Künstler bei denen ich verstand, dass wahre Kunst die Worte mehr heiligt, als die Melodie, der Sound, das Konzept oder die Darbietung. An erster Stelle steht der Text, der Rest kommt von allein. Es muss eben nur geschrieben und geschaffen werden. Das war sein Wille und sein Weg. Tschüß, Leonard!
Yehuda Swed (Fotograf)

TO BE CONFINED TO BED AND LISTEN TO YOUR SONGS
GENTILITY OF WORDS SUNG BY THE GENTLEFOLKS
KEPT ME GOING ON FOR MORE THAN THIRTY YEARS
COVERED ME WITH KISSES; LULLED ME INTO SLEEP AND DRIED UP MY TEARS
FROM SURFACE TO THE DEEP INNERMOST FEARS…

…so begann ein Poem, das ich Leonard Cohen habe zukommen lassen, in welchem ich beschrieb, was seine Musik und Texte für mich bedeuten. Daraufhin erhielt ich im Jahr 2008 die Einladung zum Tourstart in Manchester. Dabei realisierten die Crew und sein Management, dass ich extrem gut mit ihm zurechtkam, obwohl er ein sehr scheuer Mensch war. Er hatte damals Schwierigkeiten auf die Bühne zu gehen und versteckte sein Gesicht ständig hinter seiner Hand oder unter einem seiner Fedora-Hüte. Ich sprach ihn direkt darauf an, sagte ihm, dass die Menschen nicht 200 $ und mehr für ein Ticket zahlen, um ihn nicht zu sehen. Nennen wir es ‚personal coach’, wofür ich schließlich engagiert wurde. Gegen Ende der Tour war er so frei, dass er auf die Bühne sprang und den Zuschauern entgegenlief. In der 5-jährigen Zusammenarbeit und Betreuung auf seiner Unified Heart Tour 2008-2012 hat er mir das Gefühl gegeben, Teil einer Familie und von etwas Größerem zu sein. Mit Leonard Cohen zu reisen war ein Fest und unglaubliches Erlebnis. Farewell, my friend.
Katja Bienert (Schauspielerin)

Um ehrlich zu sein, war ich nie ein Fan vom Sänger, sehr wohl aber vom Songwriter und Komponisten Leonard Cohen. Sein weltberühmtes ‚Halleluja’ ist nicht nur einer der schönsten Songs der Popgeschichte, sondern auch ein großes spirituelles Kunstwerk. Ich höre dieses Lied oft und in sehr verschiedenen Versionen – etwa als vierstimmigen a capella-Gesang von der Gruppe ‚Pentatonix’, auf Hebräisch von Israel Gurion oder in jiddischer Übersetzung von Daniel Kahn. Seinen musikalischen Abschied vom irdischen Dasein aber, den Song ‚You Want It Darker’ mit dem auf Hebräisch hingehauchten ‚Hineni, Hineni’, möchte ich von keinem anderen hören, als nur von ihm.
Gerhard Haase-Hindenberg (Schauspieler/Autor)

Immer wenn ich seine Musik hörte, wollte ich mit ihm schlafen. Seine Stimme, seine Texte – alles an ihm war Erotik, Melancholie und stille Rebellion – bis er zuletzt sein ‚Hineni’ verkündete, dass er bald gehen würde. Und nun ist die dunkle Welt noch dunkler und niemand besingt mehr die Nachtzeit. Du fehlst mir jetzt schon entsetzlich, Mr.Cohen! So long Leonard! Baruch dajan haemet!
Ramona Ambs (Schriftstellerin)

Leonard Cohen hat mit seinen melancholisch poetischen Songs viele verschiedene Generationen tief berührt. Zu Songs wie Suzanne, Sisters of Mercy und So Long, Marianne hat wohl jeder getanzt – so auch ich. Unsterblich aber wird Cohen mit seinem Song Hallelujah. 2007 wurde Hallelujah von der britischen Zeitschrift Q als bestes Lied aller Zeiten genannt. Hier kommen seine jüdischen Wurzeln am eindrucksvollsten zum Ausdruck, denn der Lied-Text verweist auf König David in der Thora. Leonard Cohen wird fehlen.
Alice Brauner (Filmproduzentin)

Cohens Tränen fallen unkontrolliert in den Krater eines mächtigen Vulkans. Sie kommen an und verdampfen, mutieren zu einem Gasgemisch. Wir sollten diese neu entstandene Luft einatmen und nicht vergessen was es bedeutet, zu empfinden.
Alexander Iskin (Maler)

Leonard Cohen, der schon in einem schwarzen Anzug geboren zu sein schien, liebte es dunkler. Schon immer. Nun ist er endlich am Ziel. Quasi als Zugabe zu seiner letzten Platte „You want it darker“. Dunkler als der Tod geht’s nicht. Hallelujah! Seine betörend dunkle Stimme, blieb immer monoton und magisch wie die eines Priesters vom Anfang aller Zeit. Er schien auch immer ein aus der Zeit gefallener Wiedergänger der uralten Cohns oder Kohans, ein jüdischer Priester also zu sein. „Born that way“. Anstatt die segnenden Hände über die Gemeinde, erhob er seine Stimme, die in der Glut der Sehnsucht nach Frieden glomm. Damit rührte und verstörte er unsere Herzen und Seelen. Der Depressive sang für Depressive und tröstete sie zugleich. Nun ist er gegangen! Zum Glück hinterließ er uns seine alles heilende Stimme. Ein Gottesmann in Schwarz mit Hut. Hut ab, Kippa auf!
Marcia Zuckermann (Schriftstellerin)

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