Appeasement funktioniert im Privatleben ebenso wenig wie in der großen Politik  

Von Laila Mirzo

Du sollst nicht töten! In diesem Gebot sind sich religiöse wie nicht-religiöse Menschen weitgehend einig. Die Realpolitik zeigt jedoch, dass es in bestimmten Situationen nicht vermeidbar ist, Gewalt anzudrohen und in letzter Konsequenz auch anzuwenden. Wann aber ist Gewalt gerechtfertigt und wer bestimmt darüber?

Wir leben in Deutschland in einer aufgeklärten und freien Gesellschaft, ja wir beanspruchen für uns „zivilisiert“ zu sein. Sind wir das? Und sind die anderen deswegen unzivilisiert?
Man muss kein Philosoph sein, um festzustellen, dass Moral und Werte Konstrukte sind, auf die sich eine Gruppe Menschen geeinigt haben. Für eine andere Gruppe können diese moralischen Maßstäbe vollkommen absurd, ja sogar verwerflich sein. In unserer globalisierten Welt treffen verschiedene Werte-Konstrukte aufeinander. Das kann gut gehen, wenn man sich in gegenseitigem Respekt begegnet. Gerade erleben wir jedoch, wie es aussieht, wenn Menschen sich nicht nach dem eigenen Ideal verhalten. Damit scheinen die Deutschen aber vollkommen überfordert zu sein.

Auf die verbalen Entgleisungen aus Ankara reagieren unsere Politiker mit Schnappatmung. Orientierungslos suchen sie nach dem richtigen Protokoll zwischen Diplomatie und Realpolitik. Erdogan installiert einen neuen islamischen Staat, in dem es weder Meinungsfreiheit noch Religionsfreiheit geben wird. Er hat nie einen Hehl aus seiner Agenda gemacht. Die AKP und ihre Anhänger sind die geistigen Brüder der Hamas und der Muslimbrüder. Der türkische Antisemitismus trägt seine eigene Handschrift. Der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung wird von ganz oben genährt: Der damalige stellvertretende Ministerpräsident, Besir Atalay, machte die „jüdische Diaspora“ für die Proteste im Gezi-Park 2013, verantwortlich. Bezeichnend, dass „Mein Kampf“ und „Die Protokolle der Weisen von Zion“ unter AKP-Anhängern gern gelesen sind.

Es wird unverhohlen mit einem Religionskrieg gedroht, die Karte mit dem „Flüchtlingsdeal“ wird gerade ausgespielt. Die Türkei führt Europa vor. Ja, Erdogan spielt nicht nach den Regeln. Heul doch, Europa!

Was uns komplett aus dem Konzept bringt, ist für Israel Alltag. Die Drohungen, Israel von der Landkarte zu tilgen oder die Juden ins Meer zu schmeißen, gehört zum Tagesgeschäft Israels. Die reale Bedrohung durch Irans Atomwaffen wird von Deutschland kleingeredet, weil es einfach nicht in unser Weltbild passen mag. Die militärische Antwort auf den Beschuss der Hamas wird von uns moralisch verurteilt. Israel würde den Gazastreifen menschlich und wirtschaftlich ausbluten lassen, so unsere Perspektive. Dass Israel gerade aufgrund seiner Geschichte, die mit so viel Blut geschrieben worden ist, von Feinden umgeben ist und ein Recht auf Selbstverteidigung hat, scheinen wir auszublenden. Aus dem Tätervolk ist eine wohlstandsverwahrloste Montessori-Göre geworden, welche die moralische Überlegenheit scheinbar für sich gepachtet hat.

Während wir uns fragen, wie wir die Gemüter wieder abkühlen können, formiert Erdogan seine fünfte Kolonne munter weiter. Während wir über Toleranz und Miteinander diskutieren und den Schulterschluss mit fragwürdigen Organisationen üben, marschieren Israel-Gegner auf deutschen Straßen und skandieren „Jude, Jude, feiges Schwein! Komm heraus und kämpf allein!“ Während wir Wege zur Integration suchen, entsteht eine neue No-Go-Area für Juden.

Wisst ihr, was unser Problem ist? Wir verkennen die Abgründe des Menschen. Unser Weltbild beruht auf idealistischen Parametern. Wir gehen davon aus, dass unser Gegenüber genauso respektvoll und umsichtig mit uns umgeht, wie wir es tun würden. Aber leider sieht die Realität anders aus. Es gibt genug Menschen da draußen, die nicht gesprächsbereit sind, geschweige denn bereit sind, Kompromisse einzugehen, die ein Miteinander erleichtern würden. Doch dies wollen die meisten von uns nicht sehen.

Gewalt und Terror sind leider Alltag in Israel. Aber Israel hat eine adäquate Antwort für die Terroristen: Eine Null-Toleranz-Politik. In Israel gehören bewaffnete Soldaten zum normalen Straßenbild und der Dienst an der Waffe ist auch für Frauen eine Selbstverständlichkeit. Doch wir heulen rum wie ein Kind, dem der Teddy weggenommen worden ist. Wir verstricken uns in ewigen Diskussionen über Toleranz und Integration und verkennen dabei die wachsende Gefahr des ideologisierten Islam.

Ein Kopte aus Ägypten hat mir die leidvolle Geschichte seiner Gemeinde mit den Muslimbrüdern erzählt. Es ist eine Geschichte der Demütigungen, Übergriffe und Vergewaltigungen. Er sagte mir, dass es nicht so weit hätte kommen müssen. Die Christen hätten sich mehr wehren müssen und nicht auch noch „die andere Backe hinhalten“ sollen. Mit dieser Haltung werden wir ausgelöscht werden, sagte er.

Also doch „Auge um Auge, Zahn um Zahn?“. Wie begegnet man gewaltbereiten Menschen, die das Töten Andersgläubiger sogar als sakralen Akt feiern?

Wir haben es mit einer Brutalität, einer Rücksichtslosigkeit zu tun, die wir nie gelernt haben. „Du sollst niemandem weh tun!“ war das Mantra meiner Kindheit, während im Gazastreifen schon Vorschulkindern beigebracht wird, wie man Israelis aus dem Hinterhalt absticht.
Wir haben es uns in unserer Komfortzone zu bequem gemacht und jetzt kommt das böse Erwachen. Auch ich bin mit voller Wucht aus diesem idealistischen Traum gerissen worden:
Mein Sohn wird seit 2 Jahren von einem Mitschüler gequält. Er hat ihn mehrmals geschlagen und eine „Hassliste“ über ihn geschrieben. Ich dachte, wenn die zwei Freunde sind, würde alles gut werden. Ich lud ihn zu Kindergeburtstag und zum Ausflug ein, aber er traktierte ihn weiter. Zwei Jahre habe ich auf Verständnis und Dialog mit der Mutter gesetzt, bis mein Sohn vor Kurzem darüber sprach, nicht mehr leben zu wollen. Dann habe ich auf ein offizielles Gespräch mit der Mutter und der Betreuungseinrichtung bestanden. Ich wollte gemeinsam, eine vernünftige Lösung finden. Doch es verlief desaströs. Die Mutter schrie mich an, beleidigte mich, warf mir vor, dass ich ihr Kind fertigmachen wollte und dass mein Kind die blauen Flecken von mir haben würde. Ich war sprachlos, einfach nur hilflos.

Es war keinerlei Basis da. Keine Gesprächskultur, keinerlei Bereitschaft für einen friedlichen Konsens. Mit meinem Apell die Ruhe zu bewahren, mit meinem Flehen nach Respekt, war ich verloren. Ich brach in Tränen aus, konnte ihr in diesem Moment nichts entgegenhalten.

Dann wurde mir klar, dass ich mit meinem „wir können uns doch alle lieb haben“ alles nur noch schlimmer gemacht habe. Meinen Anstand haben sie als Schwäche ausgelegt. Dieser Junge weiß, dass sich mein Sohn nicht wehren wird, und hat ihn sich deswegen auch als Opfer ausgesucht.

Darum Europa, vergiss nicht, was eine falsche Appeasement-Politik anrichten kann. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, der Anstand bleibt oft auf der Strecke.

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