Ein Interview mit der erfolgreichen russisch-jüdischen Pianistin und Konzertveranstalterin  

Seit vielen Jahren setzt sich Elisaveta Blumina mit Leidenschaft und viel Engagement für die fast vergessenen jüdischen Talente der klassischen Musik ein. Und das nicht nur in der Rolle als Pianistin, sondern auch als Leiterin und Initiatorin einiger wichtiger Klassik-Veranstaltungen, wie das Hamburger Kammermusikfest sowie das Giluim-Festival.
Bereits mit 16 Jahren stand sie zum ersten Mal als Solistin auf der Bühne. Seitdem spielte sie auf zahllosen Festivals und Konzerten, darunter in den renommiertesten Konzertsälen wie der Berliner Philharmonie und der Carnegie Hall in New York. Zu den Höhepunkten ihrer Karriere zählt die Verleihung des Klassik-Musikpreises ECHO, den sie gemeinsam mit ihrem Trio Ensemble Blumina 2014 für die beste CD-Einspielung von Werken des 20. Jahrhunderts bekam. Die JÜDISCHE RUNDSCHAU sprach mit Elisaveta Blumina über ihre Wurzeln und jüdische Komponisten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was bedeutet Heimat für Sie? Und wo fühlen Sie sich heimisch?

Elisaveta Blumina: Ich habe St. Petersburg mit 19 Jahren alleine verlassen. Am Anfang war es für mich sehr schwer. Ich sprach kein Deutsch, war aber von Anfang an sehr von Hamburg und der deutschen Sprache fasziniert. Es hat dann 20 Jahre gedauert bis ich das erste Mal wieder nach St. Petersburg gefahren bin. Heimweh hatte ich tatsächlich nur, als ich an meine Lehrer in Russland gedacht habe, die mit mir damals voller Liebe, Energie und exzellentem Können gearbeitet haben. Diese Herzlichkeit, Strenge, Disziplin und das phänomenale Niveau werde ich nie vergessen. Genauso wenig unser damaliges Haus, wo von morgens bis abends Musik gemacht wurde. Unser Haus war eine Art musikalischer Durchgangs-Bahnhof. In jedem Zimmer übte irgendein Geiger oder Cellist, sogar im Bad habe ich ab und zu jemanden beim Spielen entdeckt.
Wenn ich heute an Heimat denke, denke ich sicherlich an Deutschland, an Berlin. Und gerade weil ich mich hier sehr wohlfühle, stelle ich mir die Frage, wie die Juden sich gefühlt haben, die hier in den 30er Jahren gelebt haben, hier geboren sind, die diese Stadt genauso, oder noch mehr geliebt haben.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie sind Sie schließlich zur Musik gekommen?

Elisaveta Blumina: Meine Mutter, die Konzertpianistin Mara Mednik, brachte mich mit vier Jahren zu der sehr bekannten Lehrerin E. S. Gugel, einer Schülerin von Neuhaus, und die Lehrerin sagte „Oh, diese dünnen Fingerchen werden nie spielen“, nahm mich aber trotzdem. Jede Woche fuhr meine Mutter von da an mit mir auf die andere Seite der Stadt, in eine Wohnung in der fünften Etage, natürlich ohne Aufzug, und ich war alles andere als begeistert. Eigentlich gehörte meine Leidenschaft nämlich dem Ballett. Als ich dann später in die Vaganov-Ballett-Schule aufgenommen werden sollte, war ich fest entschlossen, Ballerina zu werden. Nach Röntgen-Untersuchungen, die prognostizierten, wie groß ich einmal werden würde, empfahlen die Ärzte mir, doch wieder zurück an die Spezialmusikschule zu gehen, an der ich zu diesem Zeitpunkt schon war. Ich tanzte aber noch parallel bis ich 14 Jahre alt war. Erst danach gehörte meine ungeteilte Begeisterung dem Klavier.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Welche Rolle spielt die russisch-jüdische Kultur für Sie?

Elisaveta Blumina: In der Spezialmusikschule und später am Konservatorium waren viele Juden, wir hatten auch viele jüdische Freunde. Aber ehrlich gesagt, haben wir nie einen Unterschied gemacht, ob jemand Russe oder Jude war. Jüdische Tradition oder Religion war für uns kein besonderes Thema, sondern ein ganz natürlicher Zustand. Antisemitische Ressentiments gab es eher in der Generation meiner Tante. Als sie die schwierige Aufnahmeprüfung für die Mathematische Fakultät der Leningrader Universität als einzige Frau bestanden hatte, erwies sich nämlich, dass sie sich zu früh gefreut hatte. Weil sie Jüdin war, wurde sie dann doch nicht aufgenommen.
Ein richtig starkes Interesse für die jüdische Identität und Geschichte entwickelte ich eigentlich erst mit der Geburt meiner beiden Söhne. Sie gingen auf jüdische Schulen und haben mir viel beigebracht. Wir haben angefangen die Feiertage zu begehen, koscher zu essen und uns mit der jüdischen Kultur und Tradition zu beschäftigen. Eine wunderbare Welt, ohne die ich mir mein Leben gar nicht mehr vorstellen kann. Im Prinzip suchte ich nach meinen Wurzeln, welche große Rolle dabei die Musik spielt, erlebe ich auch heute noch immer wieder.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Gibt es einen benennbaren jüdischen Stil in der klassischen Musik? Wie sehen sie Musiker, welche sich fast ausschließlich mit jüdischen Komponisten beschäftigen?

Elisaveta Blumina: Ich denke, nein. Einen jüdischen Stil können wir beispielsweise bei Aufführungen von Klezmer feststellen, dies ist auch unumstritten. Trotzdem: Klassische Musik bleibt klassische Musik. Die Musik so aufzuführen, wie der Komponist es sich vorgestellt hat, ist für mich die wichtigste Rolle des Musikers. Um ein guter Musiker zu sein, reicht es nicht, sich nur mit dem einen oder dem anderen Genre zu beschäftigen. Sich in eine selbstgebaute Nische namens „jüdische Musik“ zu setzen, sehe ich als gefährlich an. Natürlich, wenn man gerade einen jüdischen Komponisten entdeckt, reicht es nicht, sich nur nebenbei damit zu beschäftigen. Schon allein deshalb nicht, weil man für die Interaktion jüdischer und nicht-jüdischer Musik blind wird. Schostakowitsch zum Beispiel kann man nicht verstehen, wenn man Weinberg nicht kennt – und umgekehrt. Weinbergs Musik ist voller Judentum. Sie ist durchdrungen von jüdischen Melodien und jüdischem Schmerz. Einigen Kollegen in der Nische „Jüdische Musik“ unterstelle ich einen gewissen Alibi-Gedanken: Wird diese Musik nur befriedigend vorgetragen, wird dies dem Musiker verziehen, weil er sich ja mit jüdischen Komponisten beschäftigt. Das finde ich sehr schade. Die Ethnie des Komponisten sollte keine Ausrede darstellen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Eine der größten Wiederentdeckung der vergangenen Jahre stellt ohne Frage Mieczysław Weinberg dar, der dank Ihnen eine regelrechte Renaissance erlebt…

Elisaveta Blumina: Seit 15 Jahren beschäftige ich mit seiner Musik. Die erste CD mit Musik für Klavier solo produzierte ich auf Wunsch des Bayerischen Rundfunks. Damals kannte man ihn in Deutschland gar nicht, auch in Russland wollte man vom ihm nichts wissen. Und obwohl ich, wie viele Sowjetbürger, mit seiner Musik für den Trickfilm Vinni Puh aufgewachsen bin – nicht von Disney, sondern das viel ältere russische Original –, muss ich gestehen, dass auch ich ihn nicht kannte. Nun spielte ich Weinberg in fast jedem Konzert, machte ihn 2013 zum Thema meines Hamburger Kammermusikfestes, fuhr mit seinen Werken zu Gidon Kremers Festival nach Lockenhaus und unterrichtete Weinbergs Stücke an der Kronberg Academy. Neben mehreren schon fertigen CDs mit Kammermusik von Weinberg arbeite ich nun an der Aufnahme aller seiner Klavierwerke.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wenn man über Sie liest, wird immer wieder deutlich, dass Sie ein großes Interesse an Außenseitern haben, also an Komponisten, die dem großen Publikum eher unbekannt sind. Welche Motivation steckt dahinter? Verraten Sie uns, auf wen Sie zurzeit ein Auge geworfen haben?

Elisaveta Blumina: Nicht nur in Deutschland ist es leider eine Gewohnheit, in Konzertprogrammen an bekannten Komponisten festzuhalten. Die Angst, dass das Publikum bei unentdeckten Talenten nicht erscheint, ist groß. Das sollte sich mit meiner künstlerischen Leitung beim Hamburger Kammermusikfest ändern. So widmete ich 2015 das Festival dem russisch-jüdischen Komponisten Grigori Frid (1915 - 2012). Frid lebte in Moskau und starb mit 97 an seinem Geburtstag. Als er 90 wurde, fragte man ihn, warum er jetzt kaum noch komponiert. Er antwortete: „Ich habe keine Zeit. Ich male, schreibe Bücher und möchte sehr gerne einen Marathon laufen.“
Das Thema des nächsten, dann schon achten Hamburger Kammermusikfest ist übrigens „Grenzenlos". Es findet vom 1.-15. November 2017 statt. Sechs Konzerte, jedes ein Juwel, drei davon finden in der Elbphilharmonie statt. Interessierte können die Karten für das Hamburger Kammermusikfest demnächst kaufen – und sollten sich beeilen, denn es wird schnell ausverkauft sein! (Anm. d. Red. Alle Informationen finden sie unter www.hamburger-kammermusikfest.de.)

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Ihre Leidenschaft für jüdische Komponisten tritt unter anderem im Rahmen des Giluim-Festivals zutage, ein Klassik-Festival in Schönebeck, das Sie 2015 gegründet haben. Was macht dieses Festival so besonders?

Elisaveta Blumina: Es ist ein kleines gemütliches Festival, das zwei Tage (24. und 25. April) im Kurhaus-Saal Salzelmen in Schönebeck an der Elbe stattfindet. Zwei Konzerte, in denen wir nicht nur spielen, sondern auch über die aufgeführten Komponisten erzählen. Wir haben Klassik, Klezmer und Jazz im Programm. Es kommen großartige und bekannte Musiker. Natürlich geht es vor allem um vergessene, ermordete und wiederentdeckte jüdische Komponisten. Der Eintritt ist frei. Spenden gehen zu Gunsten von Holocaust-Überlebenden.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Isabelle Rondinone.

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