April 11, 2016 – 3 Nisan 5776
Eine schwere Partnerschaft

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Die jüdischen Organisationen Russlands im Dilemma zwischen Zusammenarbeit und Opposition  

Von Dmitri Stratievski

Laut der letzten Volkszählung lebten 2010 in Russland etwa 158.000 Juden. Mark Kupoweckij, Leiter des Zentrums für jüdische Studien an der Russischen Humanitären Staatsuniversität, hält diese Zahl für untertrieben. Die jüdische Gemeinschaft Russlands sollte seiner Untersuchung zufolge etwa 200.000 Personen zählen. Auf jeden Fall hat sich die jüdische Diaspora in Russland in den letzten Jahrzehnten halbiert: 1989 lebten in der Russischen Sowjetrepublik noch 551.000 Juden.

Trotz der sinkenden Zahlen entwickelte sich in Russland ein buntes Netzwerk von jüdischen religiösen, kulturellen und wohltätigen Vereinen, inspiriert durch die Gorbatschow-Perestroika und Demokratisierung unter Jelzin. Diese Struktur bleibt bis heute im Wesentlichen erhalten. 2015 funktionierten landesweit über 60 jüdische Großvereine, darunter knapp zehn Dachverbände. Allein in Moskau gibt es gegenwärtig neun Synagogen, 14 Gemeinde- und Gebetshäuser sowie eine Jeschiwa, mehrere jüdische Schulen, Kindertagesstätten, Koscher-Geschäfte, Kulturzentren und andere Einrichtungen. Einflussreich sind vier russlandweite Dachvereinigungen: der Kongress jüdischer Religionsgemeinden Russlands KEROOR (100 Organisationen in 68 Städten), die Föderation jüdischer Gemeinden Russlands FEOR (in 178 Städten aktiv), die Föderale jüdische Kulturautonomie FENKA (Präsenz in 52 Regionen) und der Russische Jüdische Kongress REK. Der FENKA-Präsident Wladimir Sternfeld sagte Ende 2015, die jüdischen Organisationen Russlands seien „nicht immer miteinander solidarisch“. Was meinte er damit?

Der sowjetjüdische Diskurs bewegte sich in einem Dreieck: Verhältnis zum Staat Israel, Verhältnis zur Religion und Verhältnis zum eigenen Staat. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der Auflösung des odiösen „Jüdischen Antizionistischen Komitees“ war eine staatlich diktierte ablehnende Haltung gegenüber Israel vom Tisch. Heute fühlen sich beinahe alle jüdisch-russischen Funktionäre dem jüdischen Staat verbunden. Das Verhältnis zur Religion spielt in Russland nach wie vor eine Rolle. Das 70-jährige Sowjeterbe aber hat seine Spuren hinterlassen. Drei Generationen sowjetischer Juden wuchsen im atheistischen Umfeld auf. Das Jüdisch-Religiöse war de facto verboten (wie auch die christliche Religion unterdrückt wurde). Das Judesein bedeutete eine Volks- und nicht Religionszugehörigkeit, und wurde durch einen entsprechenden obligatorischen Pass- und Fragebogenantrag definiert. Die jüdische Vereinswelt in Russland spiegelt diese historisch bedingte Situation wider.

Es werden zum Teil gewisse Doppelmodelle betrieben. Die FEOR betont auf ihrer Internetseite das Vorhandensein mehrerer Angeboten für Nichtreligiöse im Kultur- und Bildungsbereich. Der REK bezeichnet sich selbst als säkular, pflegt jedoch Kontakte zu religiösen Gemeinden. Das Religiöse und das Weltliche koexistieren friedlich. Das Verhältnis zum eigenen Staat tritt in der jüdischen Debatte Russlands zunehmend in den Vordergrund. In der Sowjetunion verliefen die Fronten ganz klar. Die jüdische Bewegung war unterdrückt und agierte im Untergrund. Nach der Wende der Staatspolitik gegenüber dem Judentum wurden die meisten jüdischen Aktivisten glühende Perestroika-Anhänger. Der 1989 gegründete Dachverband sowjetjüdischer Organisationen WAAD unterstützte Boris Jelzin in seinem Kampf gegen die alte Parteinomenklatura und verurteilte den August-Putsch 1991 scharf. In das erste russische freigewählte Parlament zogen 15 jüdische Politiker ein.

Spätestens mit der Etablierung des Putin-Systems in Russland kam es zum Paradigmenwechsel. Die russisch-jüdischen Vordenker mussten ihre Kooperation mit dem Staat auf den Prüfstand stellen. Dieser Prozess ist noch nicht vollendet. Die emanzipatorischen Bestrebungen sind nicht mehr so wichtig, das kulturelle und religiöse jüdische Leben nicht gefährdet. Dürfen die jüdischen Organisationen in Russland wie in den anderen Staaten sich politisch einmischen, eine eigene Agenda haben oder lieber ausschließlich im humanitären Bereich handeln? Während einige jüdische Prominente vor der russischen Politik halt machen, verfolgen mehrere Funktionäre eine andere Strategie. (…)

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