April 7, 2016 – 28 Adar B 5776
Eine jüdische Biografie im Nachkriegsdeutschland

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Jüdische Schulkinder in den 60er Jahren  

Von Ludger Joseph Heid

Dass Daniel Hoffmann Germanist ist, der mit der deutschen Sprache behände umzugehen versteht, funkelt in seinen autobiografischen Erinnerungen, die er vorlegt, in jeder Zeile auf. Er bedient sich, auf ein Bonmot Rafael Seligmanns Bezug nehmend, der Formulierung vom „vegetarischen Löwen“. Bei Lichte betrachtet ist dieses Bonmot selbstverständlich eine Paradoxie an sich, wonach ein jüdischer Germanist wie ein „zahnloser“ Löwe sei, der nicht zubeißen könne: Er hat seine Zähne aber nicht verloren – er hat erst gar keine bekommen. Das trifft indes nicht auf Hoffmann zu: Er hat Zähne, die er auch zeigt, nicht unbedingt immer scharf geschliffen, Zähne, die gleichwohl feinfühlig und mit Genuss zubeißen können. Die Lektüre des hier vorzustellenden Buches zeigt einen tiefsinnigen Autor deutsch-jüdischer Literaturgeschichte, der seinen Standpunkt als deutscher Jude und seinen Anspruch auf Teilhabe an der deutschen Kultur, in Gesellschaft und Religion erhebt, öffentlich justiert.

Dieses Buch erzählt anhand einer exemplarischen Familiengeschichte vom deutschen Judentum, der Kultur und dem Kultus der sogenannten Jeckes, wie die „typischen“ deutschen Juden – vor allem in Israel – immer noch genannt werden, wenngleich sie, leider, Einfluss und Bedeutung im Bewusstsein der Israelis zunehmend verlieren.

Im Jahre 2007 hat Daniel Hoffmann als nachgeborener Zeuge in einem beeindruckenden Buch die Lebensspuren seines Vaters nachgezeichnet. („Lebensspuren meines Vaters. Eine Rekonstruktion aus dem Holocaust“, Göttingen 2007). Hier nun erzählt er seine eigene Geschichte, ist er selber Akteur. Er berichtet über sein noch recht junges deutsch-jüdisches Leben in einer nichtjüdischen Umwelt – in Düsseldorf, wo er in den 1960er Jahren groß wurde.

Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf definierte sich nach 1945 keineswegs als Auswanderergemeinde, die die Aliyah nach Eretz Israel forcierte. Sie war ein Sammelbecken für viele in Deutschland gestrandeter Juden, die sich nach der Schoah zu einer Gemeinde formiert hatte.
Sein Vater, Paul Hoffmann, Jahrgang 1921, war Auschwitz-Überlebender, der kaum ein anderes Thema als Auschwitz kannte. Als Daniel Hoffmann 1959 zur Welt kam, wurde er von klein auf wie selbstverständlich ständiger Ohrenzeuge der väterlichen Erinnerungen. So wurde das Post-Schoah-Trauma auf ihn übertragen. 25 Jahre lang war Paul Hoffmann Verwaltungschef der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, danach bis 1996 einige Jahre Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Nordrheins. Auschwitz und die Funktion des Vaters innerhalb der jüdischen Administration waren die adoleszenten Prägungen des Sohnes. Das war die deutsch-jüdische Familie, in die Daniel Hoffmann 1959 hineingeboren wurde.

Für die Eltern stand unumstößlich fest: Sie wollten ihren Sohn jüdisch erziehen, wohlwissend, dass sie beständig von einem virulenten Antisemitismus als quälende Waffe des alltäglichen Zusammenlebens in Deutschland umgeben waren. Das Ergebnis war, dass das Kind eine „gediegene“, solide jüdische Erziehung erhielt. Das hieß eine Erziehung „vom alten Schlag“, die an die Erziehung aus der Vorkriegszeit anknüpfte.
Alles um ihn herum war jüdisch: Der Blick aus dem Fenster auf das Nachbargebäude fiel auf die Synagoge mit dem Trakt, in dem die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs sowie des Jüdischen Landesverbands untergebracht waren und wo der Vater seiner Arbeit nachging. (…)

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